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Kino : Der wilde Mann

Kampf gegen Dämonen und Polizisten: Sean Penn in „Mystic River” Bild: AP/Warner Bros.

Sean Penn taugte nie zum Sympathieträger oder zur Identifikationsfigur, weder auf der Leinwand noch im wirklichen Leben. In Clint Eastwoods Film „Mystic River“ aber zeigt er, daß er Amerikas bester Schauspieler ist.

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          Es gibt einige, die ihn für durchgeknallt halten, für einen politischen Geisterfahrer, der sich in so viele Charaktere verwandelt hat, daß er selbst nicht mehr weiß, wer er denn nun ist. Der Mann, der sich vor vielen Jahren mit Madonna einen turbulenten Ehekrieg lieferte, ist im Dezember 2002 nach Bagdad gefahren - und hat später erklärt, man habe ihn zu Propagandazwecken mißbraucht. Er hat gegen einen Produzenten prozessiert, weil er sich wegen seiner Kritik an der Irak-Invasion aus einem Projekt gedrängt sah. Und er hat den Krieg kritisiert wie ein schlechtes Drehbuch: "Es gibt unglaubliche Handlungslöcher. Die Besetzung ist furchtbar. Der Typ, der Donald Rumsfeld spielt, sollte Dinnertheater spielen. Es ist ein wirklich dürftiger Film, und er tötet Menschen." Er hat vor Jahren auch schon mal für einen Monat im Gefängnis gesessen, weil er einen Komparsen verprügelt hatte, und wenn der Blick aus den graugrünen Augen von der Leinwand fällt, traut man ihm das alles zu.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Sean Penn ist der wilde Mann des amerikanischen Kinos, in dem es inzwischen weit weniger wilde Männer gibt, als man in Hollywood glaubt. Mit 43 Jahren, mit der zerfurchten Stirn, dem schmalen Mund, den hochgekämmten Haaren, der aggressiven Körpersprache wirkt er meist wie ein Mann am Rande des Kontrollverlusts. Er hat in drei Dutzend Filmen mitgespielt, von denen man einige vergessen kann, und er hat selber bei vier Filmen Regie geführt, die kommerziell alle nicht sonderlich erfolgreich waren, aber für jeden, der das Hinsehen nicht verlernt hat, außergewöhnliche, schroffe Kriegserklärungen an den Mainstream waren. Zu zweien dieser Filme hat er auch das Drehbuch geschrieben, zu einer Zeit, als er öffentlich erklärte, er habe auf die Schauspielerei keine Lust mehr. Aber weil er zur Arbeitslosigkeit auch keine Lust hatte, hat er weiter Rollen angenommen, darunter auch die des Todeskandidaten in "Dead Man Walking" (1995).

          Maßgeschneiderte Rolle

          Sean Penn war nie einer, der sich zum Sympathieträger oder zur Identifikationsfigur eignete, weder auf der Leinwand noch im sogenannten wirklichen Leben. Um so besser kann man ihm dabei zusehen, was er aus seinen Rollen macht, wenn ein Regisseur ihn tun läßt, was er kann. So wie Penn für "The Crossing Guard" und "The Pledge" in Jack Nicholson eine Art Seelenverwandten fand, so hat Clint Eastwood Penn in "Mystic River" in einer Rolle besetzt, die für ihn maßgeschneidert ist: das Porträt eines amerikanischen Mannes, der mit den Dämonen seiner Vergangenheit kämpft, der sie mit Gewalt exorzieren will, der das Recht bricht und sich seinem Ehrenkodex verpflichtet fühlt; der auf eine gefährliche Weise loyal ist, bei dem Liebe und Haß, Zärtlichkeit und wilder Zorn nur ein Wimpernschlag trennt.

          Skandalpaar: Penn 1986 mit seiner ersten Ehefrau Madonna

          Wenn man ihn in "Mystic River" das erste Mal sieht, sitzt er an einem Schreibtisch in einem winzigen Büro. Wie er da sitzt, wie er auf seine halbwüchsige Tochter reagiert, sie auf den Schoß nimmt, da wird mit minimalen Gesten eine fatale Gemütslage aus Mißtrauen, Vaterliebe und leicht entflammbarem Jähzorn sichtbar. Und wenn er in Zorn und Verzweiflung gerät, als seine Tochter kurz darauf ermordet in einem Park aufgefunden wird, wenn er schreit, tobt, Rache schwört, sind da überall scharfe Kanten, die gefährlich werden für die Menschen um ihn herum.

          Geläuterter Gangster

          Penn ist Jimmy Markum, ein halbwegs geläuterter Gangster, der einen Supermarkt betreibt. Er lebt in einer proletarischen Gegend von Boston, am River Charles, den man dort "mystic river" nennt. Man ist katholisch, man weiß, was Schuld, Sühne und Erlösung sind. Jimmy ist ein guter Vater, und er ist ein Mann, dem es nichts ausmacht, daß andere Kinder vaterlos werden durch sein Handeln. Und er hat eine Geschichte, die nicht vergeht. Sie kehrt wieder, weil der Polizist Sean, der den Mordfall bearbeitet, ein Schulfreund ist und Dave, der erste Verdächtige, auch. Sie verbindet ein Samstagnachmittag, den der Vorspann des Films in ein seltsam unwirkliches, sepiafarbenes Licht taucht. Die drei Jungs, die ihre Namen in eine noch feuchte Betonfläche gekratzt haben, werden von Männern zur Rede gestellt, die sich als Polizisten ausgaben. Sie nötigen Dave, in ihr Auto einzusteigen. Sie halten ihn tagelang fest und mißbrauchen ihn. Noch 25 Jahre später sind die schwachen Konturen der Namen auf dem Bürgersteig zu sehen.

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