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Kino : Der Star, den sich Amerika redlich verdient hat

  • -Aktualisiert am

Jack Nicholson als Dr. Rydell und Adam Sandler als Dave im Film „Die Wutprobe”. Bild: AP

Seine Reaktionszeit ist der von George W. Bush vergleichbar, sein Metier ist das Verschrobene: Adam Sandler ist der schauspielerische Repräsentant eines Amerika, das von Außenseitern bevölkert ist und kein Zentrum mehr hat.

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          Adam Sandler sieht aus, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Im wehrhaften Amerika der Gegenwart ist er damit eigentlich zum Außenseiter prädestiniert, und doch ist sein Ruhm als Filmkomiker in den letzten Jahren allenfalls an dem seines "evil twin" Jim Carrey zu messen.

          Das hat viel mit der therapeutischen Funktion zu tun, die Hollywoods Komödien immer schon hatten, die mit der Übermacht der Actionfilme aber wieder an Gewicht gewonnen hat. Das Genre gilt als liberal, es diente häufig der amerikanischen Selbstverständigung in schwierigen Zeiten.

          "Anger Management" heißt Sandlers jüngster Film, der diese Woche unter dem Titel "Die Wutprobe" in Deutschland anläuft. In den Vereinigten Staaten zählt er zu den erfolgreichsten der Saison. Der politische Subtext wird dazu seinen Teil beigetragen haben, denn in der Geschichte des leitenden Angestellten Dave Buznik kann sich eine Nation, die mit ihren unilateralistischen Instinkten ringt, gut wiedererkennen.

          Buznik gerät bei einem Inlandsflug an einen Sitznachbarn, dessen Benehmen ihn so provoziert, daß er für einen Moment die Beherrschung verliert. In einer Atmosphäre allgemeiner Überreaktion führt der kleine Vorfall sofort zu einem Gerichtsverfahren, und Buznik wird zwar nicht verurteilt und nach Kuba verfrachtet, aber immerhin zur Teilnahme an einer Gruppe verpflichtet, die unter der Leitung von Doktor Buddy Rydell (Jack Nicholson) genau das betreibt, was der Titel verspricht: "Anger Management".

          Die Kunst, nicht Jim Carrey zu werden

          Lernziel ist, sich zu behaupten, ohne zu explodieren - also Adam Sandler zu bleiben, und nicht Jim Carrey zu werden. Das psychologische Vokabular ist dabei mit den neuen geopolitischen Begriffen der Regierung Bush identisch. Es geht um "containment" und "preemptive strike", über New York erstrahlt ein Billboard, das für "An Army of One" wirbt. Das Drehbuch von David Dorfman vermischt auf höchst intelligente Weise die Sprachspiele, und es enthält eine sehr reflektierte Position zur Frage von Krieg und Frieden, zu der sich viele Stars in Hollywood sehr ausdrücklich äußerten, und dafür Reaktionen erfuhren, die an die fünfziger Jahre denken ließen.

          In "Anger Management" geht es, wie in allen therapeutischen Situationen, um ein "Set-Up", um eine "Inszenierung", in der ein Patient an sein Trauma rühren kann. Bei Dave Buznik rührt die Urangst von einer Szene in Brooklyn her, als ihm ein Raufbold auf offener Straße die Hose hinunterzieht. Diese klassische Bloßstellung kann nur mit einem Moment unerhörter Öffentlichkeit kuriert werden, im Yankee Stadium, unter den Augen von Rudolph Giuliani.

          Die Präsenz des ehemaligen Bürgermeisters von New York ist ein weiteres Indiz dafür, daß "Anger Management" der erste bedeutende Hollywood-Film ist, in dem der 11. September 2001 auf eine Weise "anwesend" ist, die nicht mehr im Zeichen des Schocks, sondern bereits der Kur steht. Die Attentate waren ihrerseits ein "Set-Up", eine Falle, aus der sich Amerika allmählich befreit, allzu häufig jedoch mit Mitteln, die einer liberalen Öffentlichkeit untauglich erscheinen.

          Keine eindeutige Äußerung

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