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Kino : Der lange Weg von Phillip Noyce nach Hause

Brendan Fraser, der „stille Amerikaner”, und Do Thi Hai Yen Bild: dpa

Gleich zwei Filme des australischen Regisseurs Phillip Noyce laufen bei uns an: „Der stille Amerikaner“ und „Long Walk Home“. Letzterer führte Noyce von Hollywood zurück nach Australien. Absolut zu seinem Besten.

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          Einen Filmregisseur als Actionspezialisten zu bezeichnen heißt ihm die Lizenz zum Geschichtenerzählen zu entziehen. Actionspezialisten wissen, wie man den Einschlag einer Rakete filmt, aber sie haben keine Ahnung von den Flugbahnen menschlicher Gefühle. Es ist lange her, daß Aktion und Emotion auf der Kinoleinwand zur Deckung kamen - so lange her wie die letzten Filme von Sam Peckinpah oder die späten Western von Hawks und Ford.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Als Phillip Noyce vor fünfzehn Jahren aus Australien nach Hollywood ging, brachte er "Todesstille" mit, einen zum Nägelkauen spannenden Hochsee-Thriller, der nicht nur seinen Regisseur, sondern auch die Hauptdarstellerin Nicole Kidman mit einem Schlag berühmt machte. Es war der vierte Spielfilm von Noyce. Danach drehte er ein achtbares Samurai-Drama-Remake mit Rutger Hauer ("Blinde Wut"), zwei Tom-Clancy-Verfilmungen mit Harrison Ford ("Patriot Games", "Das Kartell"), ein Vehikel für Sharon Stone ("Sliver") und einen Bondfilm ohne James Bond ("The Saint"). Zuletzt, nach dem "Knochenjäger" (1999) mit Denzel Washington und Angelina Jolie, konnte man Noyce für einen erledigten Fall halten: ein Talent, das sich den Anforderungen der Kinoindustrie gebeugt hatte und daran zerbrochen war.

          Der tote Amerikaner

          Jetzt hat Noyce Graham Greene verfilmt, den Prosa-Sänger zerbrochener Männer, den Anti-Action-Spezialisten schlechthin. Wenn in Greenes geschichtstrunkenen Romanen vom Schießen und Stechen und Sterben die Rede ist, werden die Details des Gewaltgeschehens regelmäßig ausgeblendet. Menschenblut war Greene zu kostbar, als daß er darin mit einer Schreibfeder herumrühren wollte. So auch in "Der stille Amerikaner", Greenes 1955 erschienenem Kommentar zum Ende der französischen Kolonialherrschaft in Indochina: Der Amerikaner, den der Titel meint, ist schon zu Beginn des Buches tot, aber die Umstände seines Endes sind dem Ich-Erzähler nur ein paar knappe Sätze wert.

          Was auch daran liegen mag, daß unser Erzähler, der britische Journalist Thomas Fowler, mit dem Mord an jenem Alden Pyle, einem umtriebigen Attache der amerikanischen Botschaft in Saigon, mehr zu tun hat, als ihm lieb sein kann. Denn die beiden Männer waren Rivalen, nicht in politicis, sondern im Kampf um eine Frau, die schöne Vietnamesin Phuong. Das bedeutet "Phönix", wie unser Brite nicht müde wird zu betonen, und wie ein Phönix aus der Asche hebt sich auch seine erkaltete Liebesbeziehung zu Phuong aus Alden Pyles Blut - während draußen auf den Straßen das Regime der Franzosen seinem Untergang entgegenrast.

          Zwei Männer, eine Frau, ein Krieg

          Bei Noyce sieht man den Tod von Pyle (Brendan Fraser) in unschöner Deutlichkeit. Aber sonst, über hundert ruhige, beinahe zu geschmackvolle Kinominuten ausgebreitet, sieht man genau das, was Greene zeigen wollte: zwei Männer, eine Frau und im Hintergrund den Krieg. Schon einmal, 1958, wurde "Der stille Amerikaner" verfilmt, von Joseph Mankiewicz, der die vom Roman gesetzte Hierarchie der Gegenstände umkehrte und aus Fowler einen gewissenlosen Decadent, aus Pyle einen aufrechten Idealisten und aus der Liebesgeschichte ein politisches Schlüsseldrama machte.

          Noyce und sein Drehbuchautor Christopher Hampton nehmen dagegen das Buch beim Wort. Diese Art der Werktreue bringt nicht selten kreuzlangweilige Filme hervor, aber bei Greene ist sie an der richtigen Adresse. Es stimmt ja schon alles: die Konstellation, die Perspektive, die Ordnung des Geschehens. Nur Thomas Fowler, der alternde Korrespondent der größten englischen Tageszeitung, braucht noch ein Gesicht. Noyce gibt ihm das von Michael Caine. Mehr kann man wirklich nicht verlangen.

          Von Schönheit betäubt

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