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Kino : Der Himmel über Ground Zero: "Land of Plenty" von Wim Wenders

  • -Aktualisiert am

Zum Genrekino gehört unabdingbar, daß im Verschwörungsthriller die Gefahr mehr ist als nur ein Hirngespinst. Aber natürlich macht Wim Wenders keine Genrefilme. Er arbeitet schließlich im eigenen Genre, dem sogenannten Wendersfilm.

          "Der amerikanische Traum" hieß ein Text von Wim Wenders aus dem Jahr 1984, der fast schon ein Gedicht war, jedenfalls ein Abgesang voller Trauer und Wut über die Verblendung dieses Landes. Vorangestellt hatte Wenders ein paar Zeilen aus Bob Dylans "License to Kill": "He's afraid and confused / And his brain has been mismanaged with great skill / All he believes are his eyes / And his eyes, they just tell him lies". Dieser Verwirrte, dessen Hirn mit großem Geschick fehlgeleitet wurde und der nur noch seinen Augen glaubt, die ihm etwas vorlügen, ist nun der Held seines neuen Films.

          Natürlich beziehen sich diese Zeilen auf uns alle, aber im Falle von Paul (John Diehl), dem traumatisierten Vietnam-Veteranen, darf man sie ruhig wörtlich nehmen. Der Mann sieht überall nur noch Feinde und hat sich nach dem 11.September vollends in seine Paranoia eingepuppt. Er sitzt in seinem Lieferwagen, den er mit Überwachungs-Utensilien vollgestopft hat, und hält Ausschau nach Verdachtspersonen. Er tut geschäftig, murmelt seine Beobachtungen in ein Diktiergerät und hält Funkverbindung, dabei handelt er in keinem Auftrag. Am anderen Ende sitzt nur ein Kumpel (Richard Edson), der ähnlich verloren ist wie er. Paul ist seine eigene Ein-Mann-Heimatfront, ein Phantomjäger, ein Schattenmann, er ist ein Freak und er symbolisiert alles, was schief gelaufen ist in diesem Land. Letztlich unterscheidet er sich nicht so sehr von Harry Dean Stanton in "Paris, Texas", der stumm durch die Wüste trottet, von Gabriel Byrne, der in "End of Violence" die Stadt observiert, oder von Damiel und Cassiel, die im "Himmel über Berlin" ebenso den Leuten unsichtbar auf den Fersen bleiben. Aber wo es selbst für die Engel eine Erlösung gab, da ist Paul so gefangen in seiner Welt, daß er quasi unter Ausschluß der Öffentlichkeit lebt.

          Es taucht seine Nichte Lana (Michelle Williams) auf, die als Kind von Missionaren in Afrika und im Nahen Osten aufgewachsen ist, eigentlich nach Amerika aufs College will, aber bald ihren Platz in einer Obdachlosenküche in Downtown L.A. findet. Sie will Onkel Paul eigentlich nur einen Brief ihrer Mutter überreichen, aber selbst das gestaltet sich schwierig, weil Paul alle Verbindungen zur Welt gekappt hat. Und wenn die beiden nicht zufällig Zeugen würden, wie ein Araber direkt vor der Armenküche niedergeschossen wird, würde wahrscheinlich überhaupt kein Kontakt zustandekommen. So aber machen sie sich beide in seinem Wagen auf in ein verlassenes Kaff in der Mojave-Wüste: Lana aus Nächstenliebe, um den einzigen Verwandten des Toten zu verständigen, Paul in der Hoffnung, einer arabischen Terrorzelle auf die Spur zu kommen. Es hilft dem Film nicht, daß völlig klar ist, wer von beiden irregeleitet ist. Man mag vom amerikanischen Genrekino halten, was man will, aber es hilft doch sehr, wenn im Verschwörungsthriller die Gefahr mehr ist als nur ein Hirngespinst.

          Aber natürlich will Wenders keinen Genrefilm machen, er arbeitet schließlich im eigenen Genre, dem sogenannten Wendersfilm. Davon können andere Regisseure nur träumen. Denn es heißt, daß für ihn andere Gesetze gelten: daß man seine Filme nicht wegen ihrer Binnenspannung ansieht, sondern im Bezug aufs Gesamtwerk; daß man nicht fragt, was der Film zu erzählen hat, sondern wie er als Puzzlestück ins große Ganze paßt. Und naturgemäß stellt man fest, daß alles mit allem zu tun hat: Lana tanzt auf dem Dach des "Million Dollar Hotels", das auch schon mal eine traurige Wendersgeschichte beherbergte; das Mojave-Kaff Trona spielte schon eine Rolle im Wenderssegment für "Ten Minutes Older"; und die Konstellation des alten Mannes und des Mädchens war auch der Motor in "Alice in den Städten" und so ziemlich jedem Wendersfilm, in dem Nastassja Kinski mitspielte. Nur hat Wenders offenbar selbst den Eindruck, daß er diese Geschichte schon einmal zu oft erzählt hat und spart sich deshalb das, woraus er früher einen ganzen Film machte, für die letzten fünf Minuten auf: die Reise der beiden quer durchs Land, den Weg, dessen Ziel die Annäherung ist. Ein road movie im Zeitraffer, ein wunderschöner Bilderreigen, an dessen Ende Zweisamkeit über dem gähnenden Loch von Ground Zero steht. Ein Song von Leonard Cohen, ein Schwenk in den Nachthimmel, großartig. Alles, was Michael Moore nicht ist, findet sich hier. Das ist das Wesen des Wendersfilms, der gerne seine Schönheit in dem findet, was er bejammert.

          Das war schon immer seine Stärke: daß sein Auge mehr sieht, als sich in einem schieren Befund zusammenfassen ließe. Die Heillosigkeit dieses Landes und seiner Leute nach den Anschlägen ist das eine, die Zärtlichkeit, die er trotzdem immer noch aufbringen mag, das andere. Da irrt die junge Frau dann durchs Wüstenkaff, und plötzlich steht neben ihr ein Kolibri in der Luft. So sehen bei Wenders die Wunder aus, die er in dem Fall der Geistesgegenwart von Franz Lustigs Digitalkamera verdankt. Daß die Geschichte ein wenig auf der Stelle tritt, darf als Vorrecht eines Mannes gelten, der ein paar der schönsten Filme der Welt gemacht hat. Denn es gibt auch in "Land of Plenty" Momente, bei denen einem schier der Atem stockt. Das muß reichen.

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