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Kino : Der Gedächtniskünstler: Woody Allen wird siebzig

Woody Allen im März 1963 Bild: AP

Ist Woody Allen je jung gewesen? Seine Filme handeln davon, daß man sein Leben in der Erinnerung verbringen kann - im Kino. Zum siebzigsten Geburtstag des Filmregisseurs, Drehbuchautors und Selbstdarstellers.

          5 Min.

          Das letzte Kapitel des „Leoparden“ hat Visconti nicht verfilmt. Mich hatte dieses Kapitel des Romans von Giuseppe Tomasi di Lampedusa besonders beeindruckt, die mit falschen Reliquien angefüllte Hauskapelle der Töchter des Fürsten von Salina und das Schlafzimmer, in dem die greise Concetta die Aussteuer verwahrt, die sie nie gebraucht hat, „eine Hölle mumifizierter Erinnerungen“.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Meinung, es werde in wunderbar unheimlicher Weise deutlich, wie die tote Hand der Vergangenheit die drei Schwestern im Griff hat, trug mir einen Tadel meiner Deutschlehrerin ein. Das ausdrückliche Symbol sei doch trivial. Ich hatte nicht verstanden, daß der ganze Roman ein Museum der Erinnerungen ist.

          Jahr für Jahr ein Meisterwerk

          Woody Allen war drei Jahre alt, als er seinen ersten Film sah, „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Meine Schul- und Studienzeit fiel zusammen mit der klassischen Periode von Woody Allens Schaffen, als er Jahr für Jahr ein Meisterwerk herausbrachte, vom „Stadtneurotiker“ bis zu dem Film, der für mich den Höhepunkt seines Werkes markiert, „Crimes and Misdemeanors“, einprägsam, aber einseitig interpretierend übersetzt als „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“.

          Woody Allen im März 1963 Bilderstrecke

          In diesem Film spielt Woody Allen der von ihm umworbenen Mia Farrow „Singin' in the Rain“ vor. Sie sitzen im Dunkel vor dem Heimkinoschirm, der sein Licht auf ihre Gesichter wirft, und der Ausdruck des Glücks in ihren Mienen ist von Trauer nicht zu unterscheiden. Woody Allens siebzigster Geburtstag an diesem Donnerstag legt die Frage nahe, ob seine Filme in unserem Leben die verklärende Kraft entfalten, die das alte Hollywood-Kino in seinem Werk besitzt.

          Filmpalast und Kellerkino

          Ich meine mich zu erinnern, wo ich welchen Film von Woody Allen zum erstenmal gesehen habe. „The Purple Rose of Cairo“ verbinde ich mit dem geräumigen Saal, der wenigstens eine Ahnung davon gab, warum man früher von Filmpalästen gesprochen hatte, und „Eine andere Frau“ mit Gena Rowlands als der Philosophieprofessorin, die durch einen Luftschacht die Konfession einer Schwangeren hört, in der sie ihr jüngeres Selbst wiedererkennt, war im Kellerkino am richtigen Ort. Läßt die digitale Videoscheibe heute die Intimität der verzaubernden Wiederbegegnung noch zu?

          Als Dokumentarfilmer in „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ hütet Woody Allen einen Schatz von Silberdosen. Mit seiner Nichte besucht er Nachmittagsvorstellungen. Nicht alles ist jederzeit verfügbar und nicht jedermann. Es war das Zeitalter der Telefonzellen. In „Mach's noch einmal, Sam“ gibt es einen Running-Gag, über den ich mich jedesmal wieder totlachen kann. Wenn Tony Roberts ein Restaurant oder eine Wohnung betritt, tätigt er einen Anruf, um mitzuteilen: „Ich bin jetzt nicht mehr unter 317564, sondern unter 869313.“ Er wird natürlich nie zurückgerufen. Das metaphysische Thema der Verlorenheit des Individuums hat eine technische Seite, die seit der Erfindung des Handtelefons Geschichte ist.

          Tieftraurig und urkomisch

          In „Verbrechen und andere Kleinigkeiten“ benutzt Mia Farrow schon ein noch recht klobiges Funktelefon. Woody Allen muß dagegen zu einem Münzfernsprecher gehen, um seinen Antwortdienst anzurufen. Dort können Nachrichten für ihn aufgenommen werden. Nie ist etwas für ihn hinterlassen worden - bis ihm ausgerichtet wird, daß der uralte Philosoph, der über die Sinngebung des Sinnlosen dozierte und diese Lehre als Held einer biographischen Langzeitdokumentation beglaubigen sollte, sich umgebracht hat.

          Ein tieftrauriger und urkomischer Moment. Er widerlegt die Komödientheorie, mit der Alan Alda als erfolgreicher Fernsehproduzent seinem Filmschwager Woody Allen auf die Nerven fällt: „Komödie ist Tragödie plus Zeit. Wenn es sich biegt, ist es lustig. Wenn es zerbricht, nicht.“ Der Bruch ist lustig: daß die tragische Nachricht dem Empfänger ohne die sanfte Vermittlung der Zeit die Illusion nimmt, er habe schon ein Leben ohne alle Illusionen geführt, habe der Lieblosigkeit des Universums doch ins Auge gesehen, als er sie mit gutem Willen zu überwinden trachtete.

          Kunst ohne Worte und Gesten

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