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Kino : Christian Petzold erzählt einen klassischen Novellenstoff in Filmbildern: "Wolfsburg"

Jenseits von Wolfsburg: Nina Hoss, Benno Fürmann Bild: AP

Der Regisseur Christian Petzold ist ein wichtiger Orientierungspunkt auf der Landkarte der deutschen Kinematographie. Seine Arbeiten legen fest, was im deutschen Film an Stil, Präzision, formaler Vollkommenheit zu erreichen ist. Zum Beispiel in einem Krimi ohne Kommissar: „Wolfsburg“.

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          Am Anfang dieses Films passiert eins der schlimmsten Dinge, die in einem Film passieren können: Ein Kind wird überfahren. Ein kleiner Junge. Er liegt am Straßenrand auf dem Rücken, mit zur Seite gedrehtem Kopf, und blickt dem Auto nach, das ihn getroffen hat. Später, im Krankenhaus, als er aus dem Koma erwacht, nur um wenig später an seinen inneren Verletzungen zu sterben, wird Paul den Wagen beschreiben: "Rotes Auto. Ford." Das ist die erste falsche Spur, die der Film legt.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die zweite falsche Spur ist sein Titel: "Wolfsburg". Man erwartet eine Fabrikgeschichte, rauchende Schlote, gehobene und erniedrigte Angestellte, Mordfälle im Aufsichtsrat. Statt dessen sieht man ein rotes Auto über eine Landstraße fahren, zwischen Wiesen und braunen Feldern. Drinnen sitzt Phillip Wagner (Benno Fürmann) und telefoniert. Am Apparat ist Katja, seine schwierige, immerfort sich vernachlässigt fühlende Verlobte. "Ich bin auf dem Weg zu einem Kunden", sagt er, und sie: "Es ist aus." Da wendet er den Wagen und fährt zurück. Gleich darauf fällt ihm sein Mobiltelefon aus der Halterung, er beugt sich nach unten, tastet herum, außen am Wagen gibt es einen dumpfen Schlag. Im Rückspiegel sieht Phillip ein Kind im Gras liegen. Er hält an, zögert. Dann gibt er Gas und fährt davon. Erst zu Hause nimmt er endlich den Telefonhörer in die Hand und wählt die Nummer der Polizei. Doch es ist zu spät. Von jetzt an wird sein Leben wie in einer Rückblende ablaufen, langsam, präzise, unerbittlich. Der Tod ist ihm längst vorausgeeilt, er fährt nur hinterher.

          So könnte man immer weitererzählen, bis zum Ende der Geschichte. Christian Petzolds "Wolfsburg" ist ein Film, der zum Erzählen einlädt, weil er selbst immer nur das Allernötigste erzählt, das Unverzichtbare. Etwa daß die Mutter des angefahrenen Jungen, Laura (Nina Hoss), in einem Supermarkt arbeitet - man sieht sie durch den Sucher einer Überwachungskamera, wie sie Kartons einsammelt - und in einer Neubausiedlung wohnt, allein. Im Krankenhaus, wo sie am Bett ihres Kindes wacht, wird sie Phillip treffen, den sein pochendes Gewissen hergetrieben hat. Sie stehen am Kaffeeautomaten. Er gibt ihr den Becher. Er will sprechen - und stockt. Sie läuft davon. Er wird sie verfolgen.

          Nina Hoss, die eigentlich blonde Haare hat, trägt eine dunkelbraune Perücke in diesem Film wie Brigitte Bardot in Jean-Luc Godards "Die Verachtung" von 1963. Und Benno Fürmann fährt einen roten Sportwagen (einen NSU Ro80) wie Jack Palance damals bei Godard. Die Übereinstimmung der Rottöne, sagt Christian Petzold, sei ihm erst beim Schnitt aufgefallen. Das ist selten bei Petzold: daß ihm eine Reminiszenz, ein filmgeschichtlicher Bezug erst im nachhinein aufgeht, statt daß er ihn bewußt in die Bilder hineinschreibt. Aber es spricht für "Wolfsburg" - dafür, daß die Geschichte aus sich heraus funktioniert, ohne Vorwissen des Zuschauers, wie jede gute Filmstory. Auch bei Petzold führt nicht jeder Weg zu Godard. "Die Verachtung" war unter anderem ein Abgesang auf jene Filmindustrie, die es in Deutschland längst nicht mehr gibt; deshalb - aber nicht nur deshalb - wurde "Wolfsburg" vom Fernsehen produziert.

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