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Kino : Camilla Horn wollte ieber Grille sein als nur Gretchen

Sie war das schönste Gesicht der deutschen Stummfilmzeit. Als Camilla Horn von F.W. Murnau in dessen Faust-Film die Roll des Gretchens bekam, war das ein früher Höhepunkt Ihrer Karriere, doch es folgten noch zahlreiche weitere bedeutende Filme. Im Deutschen Filmmuseum von Frankfurt werden nun in einer Ausstellung zahlreiche Stücke aus dem Nachlaß der Schauspielerin gezeigt.

          Paul Ickes brachte es auf den Punkt. In einer Rezension des Films "Die große Sehnsucht" von 1930 schrieb der Kritiker über Camilla Horn, die hier ihr Tonfilmdebüt gab: "Noch immer wissen die Regisseure mit dieser Frau nichts anzufangen; gebt ihr endlich Rollen." Doch Camilla Horn blieb ihre ganze Karriere über ein Star der zweitklassigen Filme: eine Frau, die in knapp sechzig Produktionen mitwirkte, von denen die allermeisten heute vergessen sind, die mit Lubitsch zusammenarbeitete, aber ausgerechnet in einem seiner weniger gelungenen Filme, die mit Chaplin befreundet war, aber knapp an der Rolle des blinden Blumenmädchens vorbeischlidderte, die schließlich mit einer einzigen Rolle in die Filmgeschichte einging - tragischerweise mit ihrem Debüt, an dem sie dann sechzig Jahre lang gemessen wurde. Denn nach dem Gretchen in Murnaus "Faust", nach 1926 also, kam es nie wieder zu einer Konstellation, die es ihr erlaubt hätte, einer großen Rolle in einem großen Film Kontur zu verleihen. Und Camilla Horn war keine Schauspielerin, die allein durch ihr Spiel aus einem mäßigen Film einen guten machen konnte.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Zu ihrem hundertsten Geburtstag widmet ihr das deutsche Filmmuseum in Frankfurt nun eine Retrospektive und eine Ausstellung, die allerdings nur wenig Raum einnimmt. Gezeigt werden persönliche Erinnerungsstücke wie Schulhefte und Zeugnisse der gebürtigen Frankfurterin, die Wände sind mit Filmbildern, Privat- und Starfotos gepflastert. Ein kleiner Bereich ist den Reliquien aus Horns Bühnenlaufbahn vorbehalten, die sie ausbaute, als sie nach 1945 kaum noch Angebote für Filme erhielt. Und weil - bis auf das Gretchen - die spektakulären Rollen fehlen, die Filmbilder, die man sofort wiedererkennt und die deshalb aus den übrigen herausstechen, haben die Bilderwände dieser Ausstellung den Charakter eines gleichmäßigen Panoramas, das die auch im Alter noch schöne Frau mit dem markanten Kinn facettenreich präsentiert.

          Da sind kuriose Reliquien, etwa Heftchenromane aus den Zwanzigern ("Die Eisrose. Roman einer Einsamen"), auf deren Titelbildern die noch unbekannte Nachwuchs-Aktrice tragisch in die Welt schaut, da sind die Fotos aus ihrer erfolgreichen Zeit in Hollywood, die mit dem aufkommenden Tonfilm allerdings ein rasches Ende nimmt, da sind die Bilder mit ihren Filmpartnern aus den frühen Dreißigern, als sie am gefragtesten ist und unaufhörlich beschäftigt wird. Denn Camilla Horn arbeitet zielstrebig auf eine internationale Karriere hin, dreht in England, Frankreich und später in Italien, erwirbt eine Villa an der Riviera und hält Distanz zu den Nationalsozialisten, ohne sich offen von ihnen zu distanzieren.

          Zwei Videomonitore in der Mitte der Ausstellung zeigen Dokumentaraufnahmen der 1996 verstorbenen Schauspielerin, darunter die bewegende Konfrontation der beinahe Achtzigjährigen mit ihrem Debüt, wenn sie, allein vor der Leinwand mit dem "Faust"-Film, noch einmal - weinend, rufend und sichtlich ergriffen - durchleidet, was sie ihr Gretchen damals durchleiden ließ. Der Film "Camilla Horn sieht sich als Gretchen in Murnaus Faust" von 1981 kann jedenfalls als eine der schönsten Hommagen gelten, die je an deutsche Schauspieler gerichtet wurden, und die Kommentare Horns, die sie darin über die schwierige, gleichzeitig offenbar beglückende Arbeit mit Murnau abgibt, besitzen in ihrer Unmittelbarkeit etwas Anrührendes, das dem Bild der Darstellerin einige sympathische Züge hinzufügt.

          Und auch den einen oder anderen Film der Retrospektive wird man mit Gewinn sehen, etwa "Die Frauengasse von Algier" (in dem auch Egon Erwin Kisch in einer Nebenrolle mitwirkt) und allen voran "Jugendrausch" von 1927, der die Fabel von Grille und Ameise wieder in den Bereich der Menschen zurückhebt und Camilla Horn die Rolle der leichtfertigen, männerverderbenden Grille zuweist. Der heute völlig vergessene (und leider auch nicht vollständig erhaltene) Stummfilm sprüht vor interessanten Ideen von Schnitt und Regie, baut eine hinreißende zweite Ebene mit Elementen des Animationsfilms ein und verknüpft seine einzelnen Szenen mit unaufdringlicher Eleganz. Und weil Camilla Horn hier ihrem einstigen Gretchen jetzt genüßlich den Vamp gegenüberstellt, taugt der Film auch als frühes Beispiel für ihren Versuch, dem imageprägenden Debüt zu entkommen. Daß ihr dies in filmhistorischer Sicht nie wirklich gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt.

          Bis zum 31. August. Dienstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr, Samstag 14 bis 20 Uhr. Der Katalog kostet 12,80 Euro.

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