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Kino : Berlinale-Entdeckung Sandra Hüller: Die Spielwütige

Shooting-Star: Sandra Hüller Bild: AP

Drei deutsche Darsteller wurden bei der Berlinale geehrt: Moritz Bleibtreu, Jürgen Vogel und - Sandra Hüller. Wie eine fast unbekannte Schauspielerin in ihrem ersten Film überhaupt den Sprung ins Rampenlicht schaffte.

          Vor zwei Jahren hat Andres Veiels Dokumentarfilm „Die Spielwütigen“ die Lebensläufe von vier jungen Schauspielschülern der Berliner Hochschule Ernst Busch beschrieben, ihre Hoffnungen, ihre Krisen, ihre Erfolgserlebnisse.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Sandra Hüller hätte die fünfte sein können. Auch sie ist direkt nach dem Abitur aus Friedrichroda in Thüringen nach Berlin gegangen, um Schauspielerei zu studieren, auch sie hat an mittleren Theaterbühnen angefangen, zuerst in Leipzig, dann in Basel, wo sie Kleists Käthchen, Goethes Gretchen, Shakespeares Julia und die Elektra des Aischylos spielte. Und jetzt hat Sandra Hüller den Schauspielerinnenpreis der Berlinale gewonnen, für ihren ersten Spielfilm, ihre erste Hauptrolle. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu: das Märchen vom Ruhm.

          Warum denn ich?

          Sandra Hüller spielt die Studentin Michaela Klingler in Hans-Christian Schmids „Requiem“: eine junge Frau, die Stimmen hört und von epileptischen Anfällen geplagt wird, in denen sie eine Strafe Gottes sieht. „Warum denn ich?“ fragt sie einen Priester, dem sie sich anvertraut: „Ich mach' doch nichts, ich versuch', alles richtig zu machen. Und Gott schickt mir Dämonen.“ Aus ihrem Elternhaus auf der Schwäbischen Alb geht Michaela zum Studieren nach Tübingen, aber die Krankheit zwingt sie in ihr Heimatdorf zurück. Verzweifelt, am Ende ihrer Kraft, unterzieht sie sich schließlich einem Exorzismus. Der Film entstand nach einem authentischen Fall aus den siebziger Jahren, aber das muß man nicht wissen. Sandra Hüller ist authentisch genug.

          Shooting-Star: Sandra Hüller Bilderstrecke

          Sie habe viel über Epilepsie, Psychosen und Katholizismus gelesen, um sich auf ihre Rolle vorzubereiten, hat die Schauspielerin aus Thüringen in Interviews erklärt. Auch ein Video über epileptische Anfälle habe sie sich angesehen, aber erst, nachdem sie bereits eine Probeszene gedreht hatte. „Ich war überrascht, wie nah ich dem intuitiv gekommen war.“ So spielt sie auch in „Requiem“, mit einer Mischung aus Intuition und Kalkül, die um so erschütternder wirkt, als sie nie auf Wirkung berechnet ist.

          Eins mit ihrer Figur

          Als Michaela in der Studentendisco zu einem Rocksong tanzt, sind ihre Bewegungen erst spröde und eckig, dann taucht sie in den Rhythmus ein, und man sieht, wie sehr sie sich nach Berührung sehnt, nach Erlösung aus dem Albtraum, der sie gefangenhält. Sandra Hüller ist in „Requiem“ derart eins mit ihrer Figur, daß man überrascht ist, wenn man sie in Wirklichkeit trifft: über die Natürlichkeit ihres Auftretens, die selbstsichere Art einer Schauspielerin, die weiß, daß sie auf dem richtigen Weg ist.

          Im vergangenen Jahr ist Julia Jentsch in Berlin für die Hauptrolle in „Sophie Scholl“ als beste Darstellerin ausgezeichnet worden, jetzt gewinnt mit Sandra Hüller abermals eine deutsche Schauspielerin den Berlinale-Preis. Der erste Film, die erste große Rolle, der Sprung ins Rampenlicht: Das Kino liebt solche Geschichten, sie gehören zu seinem Mythos von alters her. Daß sie stets von neuem wahr werden, mag ein Wunder sein oder bloße Berechnung. Aber man glaubt dem Märchen immer wieder gern.

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