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Kino : Basisinstinkt: Paul Verhoevens „Schwarzbuch“ in Venedig

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Europas Hollywood: „Schwarzbuch” Bild: Festival

Hat George W. Bush selbst die Twin Towers umlegen lassen? Und darf man die Untergrundkämpfe des Zweiten Weltkriegs als große Oper inszenieren? Filme von Paul Verhoeven und Santiago Amigorena in Venedig.

          Jeder Überlebende ist ein Schuldiger. Diese Maxime begleitet Paul Verhoevens neuen Film, mit dem der Hollywoodregisseur in seine niederländische Heimat und zugleich in seine Kindheit zurückkehrt. Die martialischen Bilder der deutschen Besatzung, die Panzersperren, die Militärkräder, die Hakenkreuzfahnen - das alles hat der 1938 geborene Regisseur von „Robocop“ und „Basic Instinct“ als kleiner Junge mit eigenen Augen gesehen.

          Dennoch enthält sein „Schwarzbuch“ keine Dokumentation. Abermals versucht hier ein Film die Menschenjagd, die Abschlachtungen, die Untergrundkämpfe und die ganz persönlichen Bilanzen des Zweiten Weltkriegs als große Oper zu inszenieren. Rachel Stein heißt die Heldin, natürlich ist sie untergetauchte Jüdin, natürlich wunderschön und gewillt, das Grauen irgendwie zu überleben.

          Wie sie das am Ende schafft, während um sie herum Familie, Fluchthelfer, Widerständler, am Schluß sogar Nazis und Kollaborateure einer nach dem anderen sterben, bildet den Spannungsbogen dieses mit aller drehbuchtechnischen Professionalität und mit großem Kostüm-und Kfz-Aufwand ins Bild gesetzten Dramas. Unmöglich im Detail zu erzählen, wie allierte Bomben Rachels Versteck verbrennen, wie alle Bootsflüchtlinge (außer ihr) niedergemetzelt werden und Rachel schließlich mit blondiertem Haar zur Geliebten eines nicht unmenschlichen SS-Offiziers wird.

          Der Zweite Weltkrieg als große Oper

          Schöner als Scarlett Johansson

          Natürlich sind die wundersamen Wandlungen von Helden in Verräter, von Rächern in Entrechtete, von Tätern in Opfer an den Haaren herbeigezogen und haben wenig mit der grobschlächtigen, aber unerbittlichen Geschichte zu tun. Doch allein ein Melodram dieses Zuschnitts erlaubt es Waldemar Kobus, einen SS-Sadisten mit allem Genuß zu spielen, und es erlaubt Carice van Houten, vorzuführen, daß sie nicht nur schöner, sondern auch eine bessere Schauspielerin ist als Scarlett Johansson.

          Europas Hollywood kann handwerklich besser sein als das Original. Mit seinem in Kalifornien geschärften cineastischen Basisinstinkt beharrt Verhoeven hier auf dem Kino als Medium individueller Tragik. Eigentlich schade, daß Arnold Schwarzenegger die Laufbahn gewechselt hat und unter seinem alten Meister nicht auch noch den Zweiten Weltkrieg im Alleingang zu Ende kämpft.

          Die Nazis sind nicht immer die Bösen

          Weil dieser Film als Abschlußkapitel eines ruhmreichen Genres entstand, sind die Nazis nicht immer die Bösen und die Holländer nicht immer die Guten. Aus der Distanz sehen wir schärfer und bekommen nebenbei allerhand satirische Attacken auf die dumpfe Moral des niederländischen Calvinismus mitgeliefert. Und so taucht am Ende, wenn der gute SS-Mann von den Alliierten hingerichtet ist und der böse Widerstandskämpfer in einem Sarg elend erstickt, die Historie in ganz ähnliches Grau in Grau, wie das auch die neuen Geschichtsbücher schildern. Kann man da Verhoeven vorwerfen, daß er als holländischer Spielberg die traumatische „Bezetting“ als Abenteuergeschichte inszeniert?

          Ganz unspektakulär und hochpoetisch erzählt dagegen „Quelques jours en Septembre“ eine andere Historie. Der 11. September 2001 wird bei dem argentinischen Regisseur Santiago Amigorena nicht zu einem Requiem für Rettungskräfte wie bei seinem berühmteren Kollegen Oliver Stone im Nachbarkino am Lido (siehe auch: Oliver Stones „World Trade Center“). Mit einer berückenden Juliette Binoche als undurchschaubarer Agentin und John Turturro als manischem CIA-Mörder, mit Nick Nolte als Mister Unbekannt und vor der immer gut funktionierenden Kulisse von Venedig wird das Attentat als Finte präsentiert.

          Hinter Amigorenas Weichzeichnern und den langen Takes, hinter seinen literarischen Dialogen und vielen ausgeflippten filmhistorischen Zitaten schimmert ganz charmant der Vorwurf durch, George W. Bush habe die Twin Towers selbst umlegen lassen. Wie man es auch sieht - aus der Perspektive afghanischer Kämpfer, New Yorker Feuerwehrleute oder französischer Geheimagenten in Venedig -, der 11. September scheint die Schoah als ästhetischer Eichpunkt unserer Zeit ein für allemal abzulösen. Die Moral bleibt die gleiche wie immer: Wer überlebt, ist selber schuld.

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