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Kino : Aus dem Reich der Toten: "Der Polarexpress" von Robert Zemeckis

  • -Aktualisiert am

Wer glaubt, Filme würden neuerdings so gerne am Computer gemacht, um Geld zu sparen für Stars, Ausstattung und was sonst noch an Unwägbarkeiten anfällt, täuscht sich gewaltig. Der Animationsfilm "Polarexpress" hat stolze 170 Millionen Dollar gekostet.

          Wer glaubt, Filme würden neuerdings so gerne am Computer gemacht, um Geld zu sparen für Stars, Ausstattung und was sonst noch an Unwägbarkeiten anfällt, täuscht sich gewaltig. Der Animationsfilm "Polarexpress" zum Beispiel hat stolze 170 Millionen Dollar gekostet, denen weitere hundert für die Werbung hinterhergeworfen wurden - das ist selbst für Hollywoods Verhältnisse eine ganze Menge. Allerdings wäre das nicht der erste Film, bei dem diese Rechnung aufgeht. Und eigentlich kann ja nichts schiefgehen: Robert Zemeckis hat Regie geführt und Tom Hanks den Figuren seine Gesichtszüge und Stimme geliehen; die Vorlage von Chris Van Allsburg ist enorm populär, ihr weihnachtliches Thema ohnehin. Und schließlich gibt es zusätzlich diese neue Technik, die der Computeranimation ungeahnte Horizonte eröffnen soll: Ein Schauspieler wird am ganzen Körper mit Sensoren abgetastet, die nicht nur die Bewegung seiner Gliedmaßen, sondern auch seine Mimik in den Computer übertragen, in dem er dann nach Belieben zum Leben erweckt werden kann. Alles fabelhaft also.

          Die Sache hat nur einen Haken: Von Leben kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Die Figuren sehen samt und sonders gespenstisch aus, was nicht allein an ihrem Teint liegt, der wirkt, als habe Doktor Frankenstein sie gerade aus der Erde gebuddelt, sondern vor allem an ihren seltsam starren Augen, deren leerer Blick an die Untoten aus Zombie-Filmen erinnert. Und das Phantastische daran ist: Da werden eine Viertelmilliarde Dollar ausgegeben, ein Erfolgsregisseur und ein Superstar beschäftigt, eine ganze Maschinerie in Gang gesetzt - und nicht einer wagt es, nach Besichtigung der Muster die Reißleine zu ziehen und zu sagen, daß Heiligabend wohl kaum die Nacht der lebenden Toten sein kann und dem Geist der Weihnacht nicht geholfen ist, wenn man den Exorzisten rufen möchte. Hollywood-Logik bedeutet offenbar: Alle spüren es, keiner sagt es, also beschließt man, eben noch mehr Geld für Werbung auszugeben.

          Van Allsburgs Bildergeschichte handelt von einem Jungen, der an der Existenz des Weihnachtsmanns zweifelt und davon träumt, daß er von einem Zug vor seinem Haus abgeholt und zum Nordpol gebracht wird, wo er sich vom Wahrheitsgehalt des ganzen Spuks selbst überzeugen kann. Der Einfachheit halber spielt und spricht Tom Hanks gleich alle Rollen selbst: den Jungen und seinen Vater, den Schaffner, den Hobo und den Weihnachtsmann - da wäre eigentlich auch noch Platz für eine Rolle als Gottvater gewesen. Auch Robert DeNiro hatte so eine Phase, in der ihm der Ruhm derart zu Kopf gestiegen war, daß er nur noch Jesusfiguren oder den Teufel selbst spielte. Hanks scheint sich mittlerweile für den Heiligen Geist von Hollywood zu halten. Und wenn man sich vor Augen hält, daß die digitalen Daten seiner Schauspielkunst nun auf ewig in einem Computer gespeichert sind, dann ist er davon tatsächlich nicht so weit entfernt.

          Mittlerweile kann die Computeranimation eine Menge, aber offenbar waren die Animateure des "Polarexpress" so beschäftigt damit, die Bewegung einzelner Haare im Fahrtwind zu berechnen, daß sie vergessen haben, ihren Figuren ein einziges Mal tief in die Augen zu blicken - sonst wären sie womöglich zu Tode erschrocken. Der Junge begegnet in dem Zug einem schwarzen Mädchen, das wahrscheinlich süß sein soll, ihn aber anstarrt, als sei sie einem Horrorfilm entsprungen, in dem man mit Telekinese Köpfe zum Explodieren bringen kann. Wirklich ganz zauberhaft.

          Die Reise endet also am Nordpol, im Heimatdorf des Weihnachtsmanns, einer Geisterstadt, die nicht nur so steril wirkt wie die Einkaufsstraßen in Disneyland, sondern auch von einer Armee gnomenhafter Elfen bevölkert wird, die aussehen wie das Resozialisierungsprogramm einer Trinkerheilanstalt. Da ist es kein Wunder, daß der Junge beim Aufwachen aussieht, als hätte er einen schlimmen Albtraum gehabt. Von diesem Schlag wird sich der Weihnachtsmann jedenfalls nicht so schnell erholen.

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