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Kino : Aufbruch in die Ausweglosigkeit: Barbara Alberts "Böse Zellen" aus Österreich

  • -Aktualisiert am

Vor fünf Jahren hat Barbara Albert mit „Nordrand“ im internationalen Kino debütiert. Mit „Böse Zellen“ läßt die österreichische Regisseurin nun eine Prestigeproduktion folgen, für die es Fördergelder zahlreicher Institutionen gab. Der Film aber ist nicht reich, sondern überladen.

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          Der Absturz eines Flugzeugs ist ein Zufall in höchster Potenz: Aus den Millionen täglicher Passagiere stürzt dann und wann eine kleine Schar in den Tod. Wenn allerdings eine einzelne Person gegen alle Wahrscheinlichkeit überlebt, kann es sich nur um einen Wink des Schicksals handeln. Doch wohin weist er? "Böse Zellen", der zweite Spielfilm der Österreicherin Barbara Albert, beginnt mit dem Ende eines Urlaubs und einem Aufbruch in die Heimat. Kurz darauf treiben Wrackteile im Wasser, dazwischen Manu (Kathrin Resetarits). Sie überlebt die Katastrophe, lebt weiter als Verkäuferin in einem Supermarkt, als Mutter eines Mädchens und Frau ihres Mannes Andreas (Georg Friedrich). Sechs übersprungene Jahre später - sie ist immer noch jung und beinahe wieder unbeschwert - stirbt sie bei einem nächtlichen Verkehrsunfall.

          Der Zufall wird gesteigert und entschärft zugleich, denn dieses Ereignis bleibt nicht unvermittelt. Es schafft einen Zusammenhang. Es gibt Beteiligte, die Schuld auf sich laden (ein Junge, der ohne Berechtigung ein Auto gelenkt hat) oder die Folgeschäden davontragen (seine Schwester, die gelähmt im Krankenhaus liegt). Es gibt Andrea (Ursula Strauss), die an die Stelle ihrer besten Freundin tritt: Sie beginnt eine Liebesgeschichte mit Andreas, der seine Trauer um Manu verdrängt und hilflos mit dem Leben weitermacht. Um diese zentrale Figurengruppe herum entwickelt Barbara Albert, die selbst das Drehbuch zu "Böse Zellen" geschrieben hat, weitere Konstellationen: eine alte Frau, die ihrer Einsamkeit bei wöchentlichen Chorproben zu entkommen sucht, während ihre verunsicherte Tochter in einer Gruppentherapie sogenannte "Familienaufstellungen" ausprobiert; eine Schülerin, die in spiritistischen Sitzungen etwas herausfinden will, was sie von den Erwachsenen nicht erfährt; eine verwahrloste Frau, die sich von mehreren Männern sexuell erniedrigen läßt.

          Die Errichtung eines Einkaufszentrums gibt dem Verlauf des Films über vier Jahreszeiten ein Ziel. Am Ende wird der Gewinner einer landesweiten Rätsellotterie ermittelt, die sich über viele Wochen hinzieht und die wichtigste kulturelle Integration in "Böse Zellen" leistet. Der Preis ist ein Eigenheim, aber die intakte Familie, die es bewohnen könnte, gibt es in diesem Film nicht. Der Tod ragt als riesiger Stachel in alle Lebensversuche, und was an Alltäglichkeit noch zu retten wäre, fällt unter das Verdikt der Kulturkritik. Shopping Malls und Talk-Shows sind die Zuflucht dieser Menschen; nur der Chorleiter möchte eine "christliche Gemeinschaft" gründen. Seine Anhänger singen aber lieber "Nights in White Satin" von den Moody Blues.

          Vor fünf Jahren hat Barbara Albert mit "Nordrand" im internationalen Kino debütiert. Die Stadt Wien erschien darin als Kreuzungspunkt diverser mitteleuropäischen Geschichten: Kriegsflüchtlinge vom Balkan trafen auf die Kinder der Gastarbeiter, illegale Einwanderer verliebten sich in österreichische Mädchen, Grenzsoldaten haderten mit ihren Vorschriften. Die existentiellen Fragen waren verwoben in konkrete Erfahrungen. Man traf sich im Wartezimmer einer Abtreibungsklinik und verlor sich im Wirbel einer Silvesternacht.

          In "Nordrand" war eine Sensibilität zu spüren, eine offene Form, die keine These und Theorie voraussetzte, sondern sich pragmatisch entwickelte. Mit "Böse Zellen" läßt Barbara Albert diesem Auftakt eine Prestigeproduktion folgen, für die es Gelder zahlreicher wichtiger Förderungsinstitutionen im deutschsprachigen Raum gab. Der Film aber ist nicht reich, sondern überladen. Zu jedem Sinndefizit gibt es eine Ersatzreligion, für jede Trauerarbeit ein falsches Medium. Die kleinen Fluchten am Ende sind nur Aufbrüche in neue Ausweglosigkeiten.

          Als der französische Regisseur Jacques Doillon vor einigen Jahren in "Ponette" eine tote Mutter wieder auferstehen ließ, war dies ein Wunder an Einfachheit. Barbara Albert will ein ähnliches Wunder aus Komplexität erschaffen. Weil sie aber dem Zufall, den sie beschwört, heimlich mißtraut, muß sie über Gebühr Schicksal spielen.

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