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Kino : Auf der Suche nach der verlorenen Sprache

Regisseur mit Jungstar: Coppola und Alexandra Maria Lara Bild: AFP

Francis Ford Coppola stellt in Rom seinen ersten Film seit zehn Jahren vor: „Youth Without Youth“ zeigt vor allem einen wirklich unabhängigen Regisseur des amerikanischen Kinos.

          Francis Ford Coppola hat einen Film gedreht. Das wäre erst mal keine erstaunliche Nachricht, läge sein letzter (die John-Grisham-Verfilmung „The Rainmaker“) nicht zehn Jahre zurück. Wenn ein Regisseur vom Rang Coppolas zehn Jahre keinen Film dreht, während seine Generationsgenossen Martin Scorsese und Steven Spielberg, mit denen gemeinsam er einst dem alten Hollywood den Todesstoß versetzte, regelmäßig mit neuen Arbeiten von sich reden machen und George Lucas als Produzent unvermindert mächtig geblieben ist, kann man schon ins Grübeln kommen.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber weder war er krank, noch hat er sich ins Privatleben zurückgezogen und von seinem Beruf verabschiedet, und auch die Vermutung, er habe für eine Weile seinen Kindern, Sophia und Roman, die Leinwand überlassen wollen, ist nur teilweise richtig. Er hat einfach eine Zeitlang mit seinem Weingut in Kalifornien viel Geld verdient, dabei ein kompliziertes Drehbuch nach einem Roman des rumänischen Religionsphilosophen Mircea Eliade geschrieben, und als er reich genug geworden und das Drehbuch fertig war, waren fast neun Jahre vorbei. Bis der Film „Youth Without Youth“ jetzt beim Filmfestival in Rom seine Weltpremiere erlebte, waren es zehn.

          Albtraum eines alten Mannes

          Schon der Prolog von „Youth Without Youth“ macht klar, dass Coppola nicht darum besorgt ist, dass dieser Film eine gute Geldanlage wird. Da verschwimmen bräunliche Schlieren ineinander, Schriftzeichen werden sichtbar und lösen sich wieder auf, ein verzerrtes Frauengesicht legt sich über die beschriebenen Blätter und verschwindet, ein Ziffernblatt dreht sich wild, ein Schädel zerfällt, dann wird wieder alles bewegte Form, und dazu quietscht eine Geige, dass es einem in die Zähne fährt.

          Rückkehr nach zehn Jahren Pause

          Ein alter Mann träumt, albträumt, dass er sein Lebenswerk nicht wird vollenden können, das ihn, den berühmten Linguisten Dominic Matei, an den Ursprung von Sprache führen sollte. Er fährt nach Bukarest. Dort trifft ihn der Blitz, aber statt zu sterben, wird er wieder jung. Es ist das Jahr 1938, und es folgen drei Jahrzehnte, in denen Matei mehr tote Sprachen und Erkenntnis sammelt, als er je geträumt hätte, in denen er eine Liebe wiederfindet, die er 1898 verloren glaubte, in denen der Krieg beginnt und endet, die Atombombe Hiroshima zerstört, die Amerikaner auf dem Mond landen. Durch die Frau, die er liebt, kommt er seinem Ziel, den Anfang von Sprache überhaupt zu begreifen, ganz nah. Aber zu einem Preis, den er nicht zahlen will.

          Raubkatze im Sprachcomputer

          Das klingt kompliziert, und das ist es auch - nicht nur wegen der zahlreichen philosophischen Konzepte, die hier ineinanderfließen sollen, nicht nur wegen der vielen Sprachen, die auftauchen und von denen das Sumerische (oder das Babylonische?) klingt wie eine Raubkatze im Sprachcomputer, sondern wegen der vielen losen Enden in der Geschichte, die sich über zwei Stunden zieht. Auch bekommt Matei in seiner jugendlichen Auferstehung ein Alter Ego zur Seite gestellt, eine satanische Variante des kalten Wissenschaftlers, mit dem er Dialoge führt, was fraglos den Vorteil hat, dass wir sehr viel von der Schauspielkunst Tim Roths zu sehen kriegen, aber den Nachteil, das alles noch verworrener wird: Sind wir in einem Horrorfilm? In einer langen Folge von „Twilight Zone“? Für beides bleibt Coppola zu weit weg vom Genre, von dem er sich dann aber doch hier und da etwas leiht, weil er natürlich weiß, dass pure Philosophie im Kino ein großer Langweiler ist.

          Manchmal stellen Coppola und sein rumänischer Kameramann Mihai Malaimare die Bilder einfach auf die Seite oder auf den Kopf, sie färben die Nächte blau, und neben ganz wunderbaren Passagen steht immer wieder schrecklicher Kitsch, Totenschädel und rote Rosen. Neben Tim Roth sind Bruno Ganz in der Rolle eines rumänischen Arztes und Alexandra Maria Lara zu sehen, die Mateis Geliebte in den verschiedenen Zeiten spielt und gleichzeitig völlig geerdet und flüchtig, unerschrocken und zutiefst verängstigt wirken kann. Aber trotz ihrer aller Hingabe an die Geschichte kommt das Ganze nicht zusammen. Dennoch hat man den Eindruck, dies ist genau der Film, den Coppola drehen wollte. Niemand hat ihm reingeredet, niemand reingepfuscht. Coppola hat ihn geschrieben, Regie geführt, finanziert und produziert. Was auch immer wir da sehen, ist sein Konzept, seine Verantwortung.

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