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Kino : Armes Kind, berühmtes Kind

Irgendwann ist die Kindheit vorbei, und das Kino kann diese Entwicklung noch beschleunigen: Ein Skandal um die dreizehn Jahre alte Schauspielerin Dakota Fanning („Krieg der Welten“) zeugt vom Preis des frühen Ruhms.

          2 Min.

          Dreizehn scheint ein magisches Alter für Filmschauspielerinnen zu sein. Jodie Foster war dreizehn Jahre alt, als sie die kindliche Prostituierte Iris in Martin Scorseses „Taxi Driver“ spielte. Brooke Shields war dreizehn, als sie in Louis Malles „Pretty Baby“ auftrat, der Geschichte des Mädchens Violet, das in einem Bordell in New Orleans aufwächst und am Ende seine Unschuld an den Meistbietenden verkauft. Beide Filme haben mit Pornographie oder Pädophilie nichts zu tun, aber der Wirbel, den es um ihre Hauptdarstellerinnen gab, hat sich in die Geschichte des Kinos eingeschrieben. Er markiert die Grenze, bis zu der man, wenigstens im Mainstream, ungestraft gehen darf.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Amerikanerin Dakota Fanning wird im Februar dreizehn Jahre alt. Vor sieben Jahren wurde sie für „E.R.“ und „Ally McBeal“ entdeckt, und seither hat sie in dreizehn Filmen Haupt- und Nebenrollen gespielt, von Tony Scotts „Man on Fire“, wo Denzel Washington ihr Leibwächter ist, bis zu Steven Spielbergs „Krieg der Welten“, in dem sie die kleine Tochter von Tom Cruise verkörpert. Wer immer zusammen mit Fanning vor der Kamera gestanden hat, lobt ihr Talent, ihre Präsenz, ihre Professionalität.

          Gebrandmarkt vor der Premiere

          In Deborah Kampmeiers Film „Hounddog“, der am kommenden Montag beim Sundance Filmfestival in Utah uraufgeführt wird, spielt Dakota Fanning die zehnjährige Lewellen, die sich durch eine ärmliche ländliche Kindheit in North Carolina schlägt und Trost in der Musik Elvis Presleys findet. In einer Szene des Films wird Lewellen von einem älteren Jugendlichen vergewaltigt. Schon kurz nach dem Ende der Dreharbeiten zu „Hounddog“ kamen Gerüchte auf, der Film enthalte Pädophilie.

          Inzwischen hat die Regisseurin Kampmeier beteuert, die Vergewaltigungsszene bestehe vor allem aus Einstellungen auf Fannings Gesicht, und ihre zwölfjährige Hauptdarstellerin sei beim Drehen keinen Moment lang nackt gewesen. Aber gegen die Aktivisten der „Christian Film & Television Commission“ und anderer Interessengruppen dürfte ihr das wenig helfen. Schon vor seiner Weltpremiere ist „Hounddog“ gebrandmarkt, Unterschriftenlisten für und gegen den Film liegen aus, ein Staatsanwalt wurde eingeschaltet. Sie wolle in Utah unbedingt Ski fahren, hat die kleine Dakota vor Beginn des Festivals angekündigt; aber wer weiß, ob die Piste nicht von Leuten mit Transparenten blockiert sein wird.

          Irgendwann, das ist klar, ist die Kindheit vorbei, auch im Kino. Doch der Augenblick, in dem das geschieht, will sorgfältig gewählt sein, denn er kommt nie wieder. Es nützt nichts, wenn Dakota Fanning jetzt mit eingeübter Gelassenheit erklärt, das Mädchen Lewellen sei eine Rolle wie andere auch, und die Szene der Vergewaltigung habe nicht mehr in ihr ausgelöst als eine Meldung in den Fernsehnachrichten. Denn im Kino, auf der Leinwand, wird der kindliche Star ja doch genau das sehen, was er nicht spielen mußte; nur dass die Suggestion nicht auf irgendeinen fremden, sondern auf seinen eigenen Körper projiziert wird. Dakota Fanning wird ihren Weg gehen, wie Jodie Foster und Brooke Shields, und wie diese wird sie den Preis ihres frühen Ruhms bezahlen. So bleibt bei Filmen wie „Hounddog“, auch wenn sie ästhetisch diskret und moralisch verdienstvoll sind, ein seltsamer Nachgeschmack. Nicht von Skandal, sondern von Verlust.

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