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Wie starb Jamal Khashoggi? : Anatomie eines Mordes

  • -Aktualisiert am

Regisseur Bryan Fogel mit Hatice Cengiz, der Verlobten des ermordeten Jamal Khashoggi. Bild: AP

Wie der saudi-arabische Geheimdienst in höherem Auftrag Jamal Khashoggi umbrachte: Der Regisseur Bryan Fogel spricht im Interview über seinen Dokumentarfilm „The Dissident“.

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          Mit seinem Dokumentarfilm „Ikarus“ über staatliches russisches Doping gewann er 2018 nicht nur einen Oscar, der Film bewirkte auch, dass das Internationale Olympische Komitee Russland von den Olympischen Winterspielen 2018 ausschloss. Jetzt hat sich der amerikanische Regisseur Bryan Fogel eines weiteren brisanten Stoffes angenommen. Der Mord an dem saudischen Menschenrechtsaktivisten und Journalisten Jamal Khashoggi im Oktober 2018 im saudischen Konsulat in Istanbul ist Thema von „The Dissident“. Fogel schildert die Vertuschungsversuche Saudi-Arabiens, rekonstruiert das Verbrechen, präsentiert die türkischen Untersuchungsergebnisse und diverse Geheimdienstdokumente – und zeigt, wie stark der saudische Kronprinz Muhammad bin Salman in das Verbrechen involviert ist. Fogel hat mit Kha­shoggis Verlobter Hatice Cengiz gesprochen und mit einem jungen saudischen Aktivisten, der mit Khashoggi zusammen für Demokratie eintrat.

          Sie verwenden in Ihrer Dokumentation eine Tonaufzeichnung des Mordes an Khashoggi, eine Aufnahme, die direkt vom Tatort, einem Konferenzraum in der saudischen Botschaft, stammt. Wie sind Sie daran gekommen?

          Nun, wie die Tonaufnahmen des Mordes entstanden sind, werden wir wohl nie erfahren, da die Türkei nie ihre Quellen verraten würde. Aber offensichtlich hatte der türkische Geheimdienst eine Abhörvorrichtung im Konsulat installiert, und zwar genau in diesem Raum. Die türkischen Behörden haben einen enormen Aufwand betrieben, um die Überwachungskameras auszuwerten und den Mord aufzuklären. Nur so erfuhr die Welt davon. Was sicher außergewöhnlich war, ist, dass ich für diesen Film auch noch ein schriftliches Transkript dieser Aufnahme erhielt . . .

          Sie waren auch der Einzige, dem diese Quelle zur Verfügung stand. Warum?

          Dass ich an dieses Transkript kam, lag sicher daran, dass ich mich über ein Jahr lang bemüht habe, ein Vertrauensverhältnis zu den türkischen Behörden aufzubauen. Ich musste immer wieder nach Istanbul reisen für persönliche Treffen. Das ging über einen Zeitraum von sieben, acht Monaten zwischen 2018 und 2019. Die türkische Regierung und die Behörden mussten verstehen, dass wir überhaupt kein Interesse daran hatten, die Türkei zu verunglimpfen. Was wir wollten, war einfach, die Geschichte hinter Jamal Khashoggis Tod zu erzählen.

          Die politische Antipathie zwischen der Türkei und Saudi-Arabien war sicher ein starkes Motiv, sich so für die Aufklärung des Mordes einzusetzen. Denn gleichzeitig werden Journalisten wie Deniz Yücel und andere Dissidenten unrechtmäßig verhaftet.

          Ich glaube, dass es nicht produktiv ist, sich in eine politische Diskussion dar­über zu verstricken. Durch die vielen Interviews und Gespräche, die ich mit türkischen Bekannten und Informanten geführt habe, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass diese Geschichte von der Türkei nicht als Druckmittel für Verhandlungen eingesetzt werden soll. Die Türken hätten die Saudis unter keinen Umständen vom Haken gelassen, auch nicht für Bestechungsgelder. Ich glaube, dass das daran liegt, dass der Mord in der Türkei und auf türkischem Boden stattgefunden hat und dass der Plan der Saudis beinhaltete, den Mord womöglich den Türken anzuhängen. Als Präsident Erdogan das klarwurde, war er entschlossen, das Verbrechen lückenlos aufzuklären. Er wollte die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Tatsächlich war die Türkei das einzige Land der Welt, das alles darangesetzt hat, um diesen Mord aufzuklären.

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