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Neuer Film von Ken Loach : Kurze Geschichte des Glücks

Kris Hitchen (l) als Ricky und Katie Proctor als Liza Jane in einer Szene des Films „Sorry we missed you“. Bild: dpa

Ein Leben voller Tiefschläge lässt sich nicht nachholen: Mit „Sorry we missed you“ setzt der Filmregisseur Ken Loach sein großes Alterswerk fort. Man sollte ihn nicht verpassen.

          4 Min.

          Manchmal ist Ricky Turners Arbeit beinahe abwechslungsreich. Dann zieht ihn ein Fan von Newcastle United, bei dem Ricky ein Paket abliefern muss, wegen seines ManU-T-Shirts auf, und danach überbieten sich die beiden mit Beispielen für historische Siege und Blamagen ihrer Heimatmannschaften. Oder Rickys Tochter Lisa Jane begleitet ihn auf seinen Lieferfahrten und bekommt von freundlichen alten Damen Trinkgelder zugesteckt. Anschließend sitzen die beiden in Rickys Kleintransporter und machen Pause. Unter ihnen im Tal liegt die Stadt Newcastle, ein Versprechen auf Glück.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dann kommen die Tage, an denen sich Ricky Turners Horizont verfinstert. Ein Mann, der ein Paket für seinen Nachbarn annehmen soll, lässt seinem Hass auf die Menschheit freien Lauf. Ein anderer weigert sich so lange, seinen Personalausweis zu zeigen, um das bestellte Mobiltelefon in Empfang nehmen zu können, bis Ricky gewalttätig wird. Andere Kunden beschweren sich bei dem Paketservice, für den er als Subunternehmer arbeitet, über die mitfahrende Tochter. Schließlich wird Ricky vor seinem Van von drei Männern verprügelt und ausgeraubt. Als er mit gebrochenen Rippen und verschwollenem Auge im Krankenhaus sitzt, macht der Manager des Paketzentrums für ihn die Verlustrechnung auf: Die drei gestohlenen Reisepässe muss Ricky aus eigener Tasche ersetzen, dazu kommen tausend Pfund für den Scanner, der die Lieferungen registriert, sowie der Verdienstausfall durch Rickys Verletzung. Es ist der letzte in einer Kette von Tiefschlägen, die Ricky längst nicht mehr parieren kann. Sein Glück war eine Täuschung, sein Opfer vergebens.

          So gut wie alle Filme von Ken Loach handeln von Menschen, die an diese Täuschung glauben und dafür ihr Leben einsetzen – Arbeiter, Handwerker, Putzkräfte, Familienväter, alleinerziehende Mütter, Freiheitskämpfer, Liebespaare, Kleinkriminelle. Nur leicht übertrieben könnte man sagen, sie sind Märtyrergeschichten für eine säkulare Welt. Das Versprechen, das die Stadt im Tal verkörpert, ist die profane Version des Heils, das einst die himmlische Stadt versinnbildlichte. „Märtyrer“ heißt Zeuge, und die Menschen, von denen Loach erzählt, bezeugen den Stand der Dinge in der Gesellschaft, in einer Welt ohne Teufel und Gott.

          Das bedeutet auch, dass es, anders als manche Kritiker behaupten, kein Gut und Böse bei Loach gibt, keine starre moralische Ordnung, kein Deutungsgerüst. Es gibt nur die Verhältnisse, die das Verhalten der Individuen steuern. Der Manager des Paketzentrums, der Ricky als scheinselbständigen Fahrer beschäftigt, ist nicht böse, er führt nur aus, was die Profitlogik seines Dienstleistungsunternehmens gebietet. Auch die vom Staat beauftragte Privatfirma, für die Rickys Frau Abby als unterbezahlte Pflegekraft gesetzlich versicherte Rentner versorgt, tut nichts Böses, sondern nur, was ihr nützt. Und die Pleite einer regionalen Kreditbank, bei der die Turners vor Jahren ihr Erspartes verloren haben, war erst recht kein Teufelswerk, sondern die logische Folge von gesetzlichen Schlupflöchern, Lobbyarbeit, politischem Versagen und menschlicher Gier.

          Expeditionen in den Alltag der britischen Klassengesellschaft

          Die Verwicklungen entstehen erst da, wo die Logik des Systems mit den privaten Glückserwartungen kollidiert. Die Turners träumen nach wie vor von einem eigenen Häuschen, deshalb verkauft Abby ihren Wagen, damit Ricky die Anzahlung für seinen Transporter leisten kann. Aber auch Lisa Jane und Sebastian, die Kinder der Turners, haben eigene Träume, etwa davon, dass ihre vierzehn Stunden täglich schuftenden Eltern wieder mehr Zeit für sie hätten. Jeder der beiden zeigt das auf seine eigene Weise: Das Mädchen strengt sich noch mehr in der Schule an, während der halbwüchsige Seb den Unterricht schwänzt, mit Freunden Graffiti an Mauern sprüht, sich mit Mitschülern prügelt und Sprayflaschen klaut. Bei dem Diebstahlsversuch wird er erwischt, und damit hat der Film den Punkt erreicht, an dem das, was bis dahin wie eine fiktional veredelte soziale Fallstudie aussah, in ein Drama umschlägt: die Peripetie.

          Vor sechs Jahren, nach dem Historienstück „Jimmy’s Hall“, wollte Ken Loach mit dem Filmemachen aufhören. Da war er siebenundsiebzig. Dann gewannen die Tories die Unterhauswahlen, und Loach trat von seinem Rücktritt zurück. Seitdem macht er wieder das, was er am besten kann (und in den Jahren der Labour-Regierungen vernachlässigt hat): Er unternimmt, zusammen mit seinem Drehbuchautor Paul Laverty und seiner Produzentin Rebecca O’Brien, Expeditionen in den Alltag der britischen Klassengesellschaft, die sich unter Margaret Thatcher zu einer Servicegesellschaft weiterentwickelt hat.

          Herzzerreißende Momente zwischendurch

          Für die Klasse, die Loach interessiert, bedeutet das, dass ihr gesellschaftliche Leistungen regelmäßig verweigert werden. In „Ich, Daniel Blake“, seinem vorigen Film, kämpft ein Tischler nach einem Herzinfarkt um die Sozialhilfe, die ihm zusteht. In „Sorry we missed you“ muss Abby ihren Patientinnen erklären, dass sie eigentlich keine Zeit hat, sich um sie zu kümmern, weil sie nur eine Kopfpauschale und keinen Stundenlohn bekommt. Als Ricky seinem Arbeitgeber Maloney erklärt, sein Sohn habe Schulprobleme und er wolle sich um ihn kümmern, antwortet dieser, Probleme habe jeder, aber das sei nicht sein Problem, er müsse nur dafür sorgen, dass die Pakete ihre Adressaten erreichten. Eben darin, zeigt Loach, liegt das Problem: unser Problem.

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          Ein Film, der einen politischen Standpunkt bebildern wollte, würde keine Mühe scheuen, den bulligen Maloney – der von einem Ex-Polizisten gespielt wird – zur Hassfigur aufzubauen. Bei Loach dagegen sagt Maloney nur, was in der neoliberalen Arbeitswelt der Fall ist, und er benutzt dazu den abgeklärten Jargon, der unter seinesgleichen gesprochen wird. Loach und Laverty, die ihre Geschichte wie Zeitungsreporter recherchiert und die täglichen Abläufe im Paketzentrum mit berufserfahrenen Laien in einer Lagerhalle nachgestellt haben, liegt nichts daran, den Verhältnissen den Prozess zu machen. Sie stellen sie dar, wie es auch ein Dokumentarfilm tun würde, aber sie schreiben ihnen zusätzlich ein fiktives Element ein, das die individuellen Kosten des entfesselten Gewinnstrebens anschaulich macht.

          Es ist eine ungleiche Rechnung. Den bezifferbaren Summen auf der einen Seite stehen Einbußen an Würde, Vertrauen und Selbstvertrauen auf der anderen gegenüber. Für den Schlag, den Ricky im Zorn seinem Sohn verpasst, kann es keine Ausgleichszahlung geben. Das Eheleben, das den Arbeitszeiten von Ricky und Abby zum Opfer fällt, lässt sich später nicht nachholen. Mit unerbittlicher Zärtlichkeit schaut der Film den beiden dabei zu, wie sie das, wofür sie arbeiten, durch die Bedingungen ihrer Arbeit verlieren.

          Dabei sind es nicht die präzise beobachteten Etappen ihres Scheiterns, die die Geschichte so herzzerreißend machen, sondern die Momente zwischendurch, in denen es so aussieht, als könnten sie es doch noch schaffen. Ein Mann und ein Mädchen, beispielsweise, im Führerhaus eines Kleintransporters, und unter ihnen, im Tal, die Stadt. „Sorry we missed you“ steht auf den Zetteln, die Ricky abwesenden Paketempfängern in die Briefkästen wirft. Ein unabgeholtes Paket ist kein Unglück. Diesen Film zu verpassen aber wäre ein Fehler.

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