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Kaurismäki-Film : Migrationsbewirtung

  • -Aktualisiert am

Sucht Gehör: Sherwan Haji (l.) als Khaled Bild: dpa

Die Selbstbehauptung beginnt in einer Spelunke: In Aki Kaurismäkis neuem Film „Die andere Seite der Hoffnung“ rettet die wortkarge finnische Zivilgesellschaft einen Flüchtling.

          3 Min.

          Die Finnische Befreiungsarmee will aus dem syrischen Flüchtling Khaled Ali einen Hotdog machen. Wehrlos liegt er vor einem der glatzköpfigen Hooligans auf dem Boden, die Hand ist schon am Feuerzeug, um den armen Mann in Brand zu setzen, da taucht aus dem Dunkel eine Schar von Obdachlosen auf. Sie kommen Khaled Ali zu Hilfe, wie so viele andere Menschen in Aki Kaurismäkis „Die andere Seite der Hoffnung“. Man könnte von einer finnischen Zivilgesellschaft sprechen, sogar von einer Willkommenskultur, allerdings äußert sich diese Kultur in der Weise, die man mit den Filmen des bekanntesten finnischen Regisseurs in Verbindung bringt: wortkarg, kaum einmal mit einem Lächeln, manchmal fast abweisend.

          Kaurismäkis Finnen beschweren sich über nichts, sondern hegen im Stillen wilde Träume. Zum Beispiel Hula Hula in Mexiko City, wie es eine Dame verrät, die in „Die andere Seite der Hoffnung“ nur einen kurzen Auftritt hat, gespielt von Kati Outinen. Wer den Weg von Aki Kaurismäki schon länger verfolgt, erinnert sich an sie vielleicht aus „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ (1990).

          Der Koch schläft im Stehen

          In allen Menschen steckt ein Flüchtling, das macht sie hier auch wieder deutlich, in einer Geschichte, die vom Weggehen und vom Dableiben handelt, und von einem Fernweh, das sich manchmal schon mit einem neuen Schild über der vertrauten Gaststätte stillen lässt. Waldemar Wikström, ein Mann in den besten Jahren, legt seiner Frau den Ehering auf den Tisch und verlässt das gemeinsame Haus. Er wird ein neues Leben beginnen und übernimmt die Gaststätte „Der goldene Krug“.

          Drei Bedienstete, von denen der Koch im Stehen schläft, mit einer Zigarette im Mund und einem grotesken Holzlöffel in der Hand, gehören zum Haus und müssen übernommen werden. Khaled Ali, der hinter der Mülltonne des „Goldenen Krugs“ ein Notasyl sucht, und Waldemar Wikström sind füreinander bestimmt, und zwar in einem Sinn, den man weltgesellschaftlich nennen könnte. Der eine entsteigt zu Beginn russgeschwärzt einem Kohlehaufen, er ist auf einem Frachtschiff nach Finnland gekommen. Der andere war immer schon hier, sieht aber auch Migrationsbedarf, zieht aber einfach nur eine Möglichkeit im Leben weiter und wird Gastwirt. Und was sagt man in diesem Metier tagein, tagaus? Willkommen!

          Von Anfang an ein Humanist

          Als Aki Kaurismäki 1983 mit einer Bearbeitung von Dostojewskis „Schuld und Sühne“ erstmals auf sich aufmerksam machte, da befand sich das internationale Autorenkino gerade in einer Art Latenzphase. Die großen Helden der Nachkriegsepoche waren in die Jahre gekommen (Bergman, Tarkowski, Bresson), in der Welt des Geistes lautete das Stichwort Postmoderne. Auf die schräge Lakonie, mit der Kaurismäki in den Achtziger und Neunziger Jahren alte Meister wie Shakespeare („Hamlet Goes Business“) oder den fast vergessenen Henri Murger („Das Leben der Bohème“) auseinandernahm, aber auch auf den existenziellen Realismus eines Films wie „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ war damals niemand vorbereitet, eine Kati Outinen wirkte wie eine Wiedergeburt von Buster Keaton im hohen Norden.

          Das strenge Erbe der Moderne machte Kaurismäki wieder leicht. Auch bei ihm mussten die Schauspieler nicht psychologisieren, aber sie konnten immerhin mehr sein als nur „Modelle“, wie das bei Robert Bresson genannt wurde, von dessen karger Ästhetik er zweifellos eine Menge gelernt hat. Von Anfang an war Kaurismäki vor allem ein Humanist, und dabei half ihm sicher, dass er aus diesem kleinen skandinavischen Land kam, über dessen Sprache man sich so leicht lustig machen kann.

          Die Goldene Regel wird epochal missachtet

          Vor ein paar Jahren schon hat Aki Kaurismäki das Flüchtlingsthema für sich entdeckt und mit „Le Havre“ einen großen europäischen Film darüber gemacht. „Die andere Seite der Hoffnung“ stellt sich neuerlich die Frage, was das denn für eine Gesellschaft ist, die auf den Hilferuf von Menschen wie Khaled reagieren muss. In einer der besten Szenen des Films steckt der Syrer zusammen mit einem zugelaufenen Hund namens Koistinen und einem laufenden Staubsauger in einer Herrentoilette fest, während das Ordnungsamt den „Goldenen Krug“ kontrolliert. Hier schlägt die Zivilcourage bereits in zivilen Ungehorsam um, denn wer die Behörden an der Nase herumführt, macht sich strafbar. Es ist aber dieselbe lange Nase, mit der ein zuständiger Richter befindet, in Aleppo wäre das Leben nicht so gefährlich, dass einer wie Khaled das Weite suchen müsste.

          Mit seinem Rockabilly-Ethos und seinem Deadpan (steinerne Mienen zum bösen Spiel) rührt Kaurismäki an die Wurzeln der Selbstbehauptung. Man sollte sich immer nur so weit behaupten wollen, dass man für andere nicht zu einer Zumutung wird. Diese goldene Regel wird heutzutage nicht nur von der Finnischen Befreiungsarmee, sondern fast schon epochal missachtet. Umso wichtiger ist einer wie Aki Kaurismäki, der seine kommende Gemeinschaft in einer Spelunke beginnen lässt.

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