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„Katyn“ im Kino : Die wahre Geschichte einer blutigen Lüge

Quälende Gründlichkeit: Szene aus „Das Massaker von Katyn” Bild: AP/Pandastorm

Rekonstruktion, Autobiographie, Schlüsselfilm über die polnische Nachkriegszeit - das alles ist Andrzej Wajdas faszinierendes Drama „Das Massaker von Katyn“. Unter den von den Sowjets ermordeten Opfern war auch der Vater des Regisseurs.

          4 Min.

          Am Ende, als die Züge mit den Gefangenen entladen werden, als die schwarzen Lastwagen und die großen Bagger anrücken und die Henker mit den Armeerevolvern ihr grausiges Handwerk beginnen, ist dieser Film ganz einfach und klar. Man sieht, wie die Männer mit den grünen Uniformen, viele von ihnen im Generals- und Majorsrang, aus den Lastwagen gezogen werden, wie sie mit zitternden Lippen ihr letztes Vaterunser sprechen, während man ihnen Stricke um Hals und Hände bindet, wie der Genickschuss ihre Köpfe zerfetzt und sie mit blutiger Stirn vornüberfallen, bis ihre Körper in frisch ausgehobenen Gruben in langen Reihen neben- und übereinanderliegen. Planierraupen beginnen damit, die Leichen mit Erde zu bedecken. So, sagt der Film, ist es gewesen, so geschah es in Katyn im Frühjahr 1940, und kein Fragen und Zweifeln löscht diese Bilder wieder aus.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zuvor aber, eineinhalb Stunden lang, hat der Film selbst gefragt, gezweifelt und argumentiert. Er hat Figuren und Dialoge, Wochenschaubilder und Spielszenen zu einem vertrackten Mosaik aus Fiktionen und Dokumenten zusammengesetzt, um der geschichtlichen Wahrheit auf den Grund zu gehen – und so eine ganz andere Geschichte über Katyn erzählt. Nicht die Geschichte des Massakers, sondern die seiner Interpretation, seiner Indienstnahme, seiner Entstellung. Die Geschichte einer Lüge, die auf den Massengräbern wuchs. Und die Geschichte des Staates, der auf dieser Lüge gegründet wurde: die Geschichte des sozialistischen Polen. Der Film zerfällt in zwei Teile, eine lange Erzählung der Lebenden und eine kurze Erzählung der Toten, und es ist gerade diese Uneinheitlichkeit, diese dramaturgische Unwucht, die Andrzej Wajdas „Massaker von Katyn“ so faszinierend macht.

          Unter den vielen Traumata der polnischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist Katyn eines der schrecklichsten. Im April und Mai 1940 ermordeten und verscharrten Einheiten des sowjetischen Innenministeriums NKWD in dem westrussischen Ort und in zwei anderen Gefangenenlagern etwa fünfzehntausend polnische Armeeangehörige und Zivilisten: Lehrer, Journalisten, Schriftsteller, Anwälte, Chirurgen, Ingenieure – die Hälfte des Offizierskorps und die Blüte der polnischen Intelligenz. Als die deutsche Wehrmacht die Massengräber im Wald von Katyn Anfang 1943 entdeckte, berief sie eine internationale Expertenkommission ein, an der auch Exilpolen teilnahmen, und schlachtete deren Ergebnisse für ihre antibolschewistische Kriegspropaganda aus.

          Maja Ostaszewska als Anna und Artur Zmijewski als Andrzej
          Maja Ostaszewska als Anna und Artur Zmijewski als Andrzej : Bild: ddp

          Die offizielle Geschichtsdoktrin

          Nach der Rückeroberung des Gebiets Ende 1943 stellte die Sowjetunion eine eigene Untersuchungskommission zusammen, die das Massaker mit Hilfe gefälschter Beweise den Deutschen in die Schuhe schob. Im kommunistischen Ostblock wurde diese Lüge zur offiziellen Geschichtsdoktrin. In Polen war selbst die Erwähnung des Ortsnamens jahrzehntelang verboten. Erst 1990 gestand Michail Gorbatschow offiziell die sowjetische Täterschaft ein. Zwei Jahre später übergab der russische Präsident Jelzin dem polnischen Staat eine Akte, in der die Schuld Stalins und seines NKWD-Chefs Lawrenti Berija dokumentiert ist.

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