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„Katrina“ und die Medien : Spüren Sie gar nichts von der Wut da draußen, Senator?

  • -Aktualisiert am

Die üblichen Strukturen funktionieren nicht mehr, auch nicht bei Larry King Bild: REUTERS

Katrina hat nicht nur Häuser und Infrastruktur zerstört, der Sturm hat es sogar geschafft, das Ritual des Politikerinterviews zu erschüttern. Die amerikanischen Medien finden in der Katastrophe eine neue Rolle.

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          Katrina hat nicht nur Häuser und Infrastruktur zerstört, der Sturm hat es sogar geschafft, das Ritual des Politikerinterviews zu erschüttern. Am vergangenen Donnerstag saß die Senatorin von Louisiana, Mary Landrieu, vor den Kameras von CNN und wollte "erst einmal damit beginnen" sich zu bedanken: beim Roten Kreuz, beim Präsidenten, bei den ehemaligen Präsidenten, bei Helfern und deren Familien, bevor sie überleiten wollte, sich zu belobigen für die einzigartigen Maßnahmen, die soeben "ganz unbürokratisch" beschlossen worden waren, und ob er, der Moderator Anderson Cooper, davon schon gehört hätte.

          Statt zu nicken und ein weiteres Stichwort zu geben, sagte Cooper, ein sonst stets sachlicher Mann mit besten Nerven: "Ich habe nichts davon gehört, weil ich vier Tage lang in den Straßen von Mississippi unterwegs war und herumliegende Leichen gesehen habe. Also jetzt zu hören, wie sich Politiker selbst loben, sich gegenseitig auf den Rücken klopfen ... Gestern wurde die Leiche einer Frau in dieser Stadt von Ratten angefressen, weil sie schon über 48 Stunden herumlag und es keine Möglichkeiten gab, die Leiche irgendwo zu lagern. Spüren Sie gar nichts von der Wut da draußen, Senator?"

          Die Politiker trifft nicht nur der Hurrikan unvorbereitet

          Dieser Ton ist neu. Im amerikanischen Frühstücksfernsehen wurde der Vorsitzende des nationalen Katastrophenschutzes, Michael Wood, kaum besser behandelt, und auch er war völlig unvorbereitet - nicht nur auf den Hurrikan, vor allem auf die Fragen der Medien hinterher. Als er verkündete, den Tausenden im Convention Center werde nun sehr bald geholfen werden, man habe sie aber erst gestern entdeckt, wurde es der Moderatorin zuviel: "Das kann doch nicht wahr sein. Wir, CNN, berichten seit zwei Tagen von dort. Wieso wissen wir, daß dort Menschen Zuflucht gefunden haben, und nicht Ihre Behörde? Wieso konnte in Banda Aceh nach zwei Tagen Hilfe angeworfen werden und in New Orleans nicht einmal nach fünf?"

          Als Wood danach etwas von offensichtlichen Kommunikationsschwierigkeiten murmelte, ließ ihn die Frau gar nicht mehr zu Wort kommen: "Heute ist Freitag. Heute ist Freitag. Was haben Sie die ganze Zeit eigentlich gemacht?" Herr Wood hatte aber noch einige Interviews vor sich, so mit Paula Zahn ("Wollen Sie mir erzählen, daß Sie eben erst erfahren haben wollen, daß es im Convention Center nicht ausreichend Wasser gibt? Wir berichten darüber seit Tagen!") und Ted Koppel ("Wir berichten über die Krise nun schon so lange, und Sie wollen uns erzählen, Sie wissen von nichts?"). Allerdings hat Michael Wood noch einen Freund: "Du machst einen tollen Job, Woodie", rief ihm George Bush gestern zu.

          Momente der Wahrheit

          In den Nachrichten ging es zeitweise so lautstark zu wie sonst nur in Nachmittagstalkshows. Wo dem Fernsehen gern vorgeworfen wird, die Zuschauer zu narkotisieren und eine gewisse Glätte über die Ereignisse zu legen - hier konnte man erleben, wie Medien aufrüttelten, statt zu beruhigen, nachfragten, statt Botschaften zu übermitteln, immer noch mehr grausige Nachrichten suchten, statt die Zuschauer mit heiteren Bildern und Anekdoten zu besänftigen.

          Momente der Wahrheit: Wo weder Politiker noch Behörden ein Interesse daran haben konnten, die ärmsten, orientierungslosesten Sturmopfer in den Vordergrund zu stellen, entwickelten sich die Reporter von CNN zu außerordentlich direkten Anwälten der Opfer. Und nicht nur das Fernsehen entwickelte sich zu einem der wichtigsten Überlebensgarantien für die Vergessenen, auch lokale Zeitungen wurden zu Lebensmitteln.

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