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Katrin Gebbes „Pelikanblut“ : Hältst du die Liebe aus?

  • -Aktualisiert am

Drei gegen alle: Nina Hoss (Mitte) und Ziehkinder Bild: dpa

Eine Ziehmutter, ein freundliches und ein hochproblematisches Kind: Katrin Gebbes Film „Pelikanblut“ erkundet Bindung und Störung in einer selbstgebauten Familie.

          3 Min.

          Die Landaus sind eine ungewöhnliche Familie. Wiebke, Nicolina und Raya, eine alleinerziehende Mutter mit zwei Töchtern, die durch Adoption zu ihr gekommen sind. Und zwar aus dem Ausland, denn Wiebke ist alleinstehend und berufstätig, in Deutschland wäre sie nicht berechtigt, ein Kind anzunehmen. Deswegen ist sie, nachdem das mit Nicolina schon längere Zeit ganz gut geklappt hat, nach Bulgarien gefahren und hat von dort die kleine Raya mitgebracht auf ihren Pferdehof. Raya ist fünf Jahre alt, sie hat also schon einiges erlebt, nun kommt sie in eine neue Welt, vielleicht erlebt sie auch zum ersten Mal, wie es ist, wenn man geliebt wird. Es gibt zwar immer wieder Kinder, die können das nicht so gut annehmen. Aber gibt es auch welche, die sich der Zuwendung prinzipiell verschließen?

          Raya sitzt abends vor einem Teller Tofuwürstchen, sie probiert ein wenig, dann schnappt sie sich das Ketchup und spritzt Wiebke voll. Das ist nur eines der ersten Indizien in Katrin Gebbes Film „Pelikanblut“, dass mit Raya etwas nicht stimmt. Eine Weile versucht Wiebke, das mit den Registern zu verarbeiten, die ihr dafür zur Verfügung stehen. Durch ihren Beruf ist sie an störrisches Verhalten gewöhnt, denn Wiebke ist Pferdetrainerin. Sie bringt ihre Tage damit zu, die Tiere einer Reiterstaffel der Polizei an die Herausforderungen zu gewöhnen, vor denen sie später einmal bei Großereignissen wie Demonstrationen stehen werden. Sie lässt Luftballons platzen und baut Flammenparcours, um zu sehen, welche Pferde dabei die Ruhe bewahren.

          Kindliche Verzweiflungsenergie

          Währenddessen lernt sie Raya näher kennen. Ein wildes Kind, das allmählich ein bisschen Deutsch lernt, vor allem einen Satz schreit es immer wieder laut heraus: „Ich war das nicht.“ Raya macht nämlich jede Menge Probleme. Dass sie das ganze Badezimmer mit Fäkalien verdreckt, lässt sich wegwischen. Weniger leicht ist der Eindruck wegzubekommen, dass Raya womöglich anders auf Zuwendung reagiert als erhofft. Irgendwann fällt auch ein erster therapeutischer Begriff: Es besteht der Verdacht auf eine „reaktive Bindungsstörung“. Und bald fällt auch ein Satz, der zum Standardvokabular gegenüber schlimmen Kindern gehört, der in „Pelikanblut“ aber eine spezifische Bedeutung bekommt: „Was ist denn in dich gefahren?“

          Von welcher Macht Raya besessen ist, das wird dann das eigentliche Thema von „Pelikanblut“. Wie schon in Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ geht es um ein Kind, mit dem Individuen wie Institutionen nicht zurechtkommen. Katrin Gebbe stellt aber auch die Frage, welches System es denn genau ist, das Raya sprengen würde – in dieser Hinsicht war Fingscheidt noch vergleichsweise konventionell, wenngleich es auch da kaum auszuhalten war, wie die verwaltete Welt an die Grenze einer kindlichen Verzweiflungsenergie geriet. Katrin Gebbe aber geht noch einige Schritte weiter.

          Eine höchst ambivalente Grenzerfahrung

          In „Pelikanblut“ ist Raya so etwas wie eine Botschafterin einer Wirklichkeit, die mit Anamnese und Computertomographie nicht zu erreichen ist. Selbst wenn die Bilder einer Amygdala auf eine „schwere morphologische Schädigung“ hindeuten, ist damit nicht viel mehr gesagt, als dass da ein kindlicher Körper zur Szene eines Traumas geworden ist, das Leib und Seele auf eine immer wieder schockierende Weise verbindet.

          2013 hat Katrin Gebbe mit dem Drama „Tore tanzt“ zum ersten Mal mit einem Spielfilm auf sich aufmerksam gemacht. Man geht wohl nicht zu weit, wenn man in den „Jesuskriegern“, in dem alternativen Milieu, von dem sie damals erzählte, eine mögliche Vorgeschichte für die Figur von Wiebke erkennen möchte. Denn diese Frau, die jede männliche Zuwendung und Hilfsbereitschaft zurückweist, ist kaum ein geringeres Rätsel als Raya. Es deutet vieles darauf hin, dass sie mit Nicolina und Raya etwas besser machen möchte, was sie vielleicht schlechter erlebt hat. In „Tore tanzt“ wurde eine schlimme Missbrauchsgeschichte schließlich kathartisch aufgelöst, in einem durchaus problematischen Ende.

          Sozialrealismus und Genrekino

          Und auch „Pelikanblut“ steigert sich in der zweiten Stunde zu einer höchst ambivalenten Grenzerfahrung zwischen Familienaufstellung, Magie, wildem Denken und kulturellen Projektionen. Katrin Gebbe bringt dabei selbst Nina Hoss an eine Grenze ihres bisherigen Images. Die Schauspielerin, die oft für Figuren gewählt wird, an denen sie ihre Reflektiertheit zeigen kann, spielt hier eine Frau an der Grenze zum Wahn. Ihre Beherrschtheit steht damit in einem anderen Zeichen, denn Wiebke beginnt, ihre Familie abzuschotten, und damit beginnt ein doppeltes Spiel, ein Versuch, nach außen einen Anschein zu wahren, während nach innen eine merkwürdige Dynamik immer stärker wird. Der Filmtitel beschwört das Bild von einer Vogelmutter, die sich die eigene Brust blutig beißt, um ihre Kinder zu nähren – und Katrin Gebbe nimmt das an einer Stelle schockierend wörtlich. Auch das ist ein ungewöhnlicher Aspekt für Nina Hoss, die hier physischer spielen muss als sonst meist.

          „Pelikanblut“ probiert eine für das deutsche Kino ungewöhnliche Gratwanderung zwischen Sozialrealismus und Genrekino. Die fernen Anklänge an Horrorfilme wie „Der Exorzist“ sind gut in die alltägliche Welt integriert. Gedreht wurde allerdings in Bulgarien, in einer Landschaft, die man in Deutschland nicht finden würde. In dieser Verbindung zwischen dem Rand Europas und dem reichen Deutschland liegt auch eine problematische Facette: Denn Rayas Sprengkraft bekommt unwillkürlich eine zusätzliche Semantik, ihre fünf „dunklen“ Jahre verweisen auf einen Teil Europas, der sich als integrierbar nur um einen gefährlichen Preis erweist. Das ist sicher nicht so gemeint, ist aber der Preis für eine Konzeption, in der Raya eben buchstäblich von außen kommen muss. Nicht weil die Adoptionsgesetze in Deutschland es so vorsehen, sondern weil dieses Land und seine Kultur kaum einen imaginären Raum haben für das Unheimliche, nach dem Katrin Gebbe sucht.

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