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Kathryn Bigelow wird siebzig : Filme machen, wie die Justiz richtet

Stets bereit, nötigenfalls einzugreifen: Kathryn Bigelow Bild: ullstein bild

Man sieht nur mit den Fäusten gut: Die Filmregisseurin Kathryn Bigelow, eine der Größten im Thrillerkino, wird siebzig.

          3 Min.

          Filmregie verlangt unter gewissen bösen Umständen dieselben Fähigkeiten wie die Verhandlungsführung bei hyperbrisanten Justizprozessen. Wer eine Massenschlägerei oder unübersichtliches Kreuzfeuer kameragerecht inszenieren kann, versteht wohl auch, was geschah, als der siebzehnjährige Kyle Rittenhouse 2020 bei einem Schusswechsel im Chaos öffentlicher Unruhen zwei Menschen tötete, oder wie es zuging, als drei Weiße im selben Jahr den fünfundzwanzigjährigen Jogger Ahmaud Arbery, den sie für einen kriminellen Eindringling in ihrer Nachbarschaft hielten, weil er schwarz war, wie Freiwild erschossen.

          Dietmar Dath
          Redakteur im Feuilleton.

          Kathryn Bigelows Film „Detroit“ (2017) zeigt die Welt des Wahnsinns, in der so etwas möglich ist, indem er ein bis heute justiziell nicht schlüssig auf­gearbeitetes Ereignis dramatisiert, bei dem 1967 unter bürgerkriegsähnlichen Umständen drei junge Schwarze in einem Detroiter Hotel das Leben ver­loren. Mit knapper Not (und gerade darin der Sache angemessen) ringt sich die Regie zu einem moralischen Fazit durch, legt aber vor allem dar, welche Hindernisse der Untersuchung des Hergangs im Weg stehen, wo Gewaltakte eben nicht, wie die Phrase schwatzt, „sinnlos“ sind, sondern sozial system­bedingt. Der Sinn, den diese Regie da findet, hat nichts Tröstliches: Indem Bigelow Übersichtsblickachsen in vi­sueller Wirrnis (teils rein akustisch) etabliert (Ordnungsrufe eines Nationalgardisten im Getümmel, leise Gebete wehrloser Menschen, die Bewaffnete an die Wand gestellt haben), zerrt sie die Aufmerksamkeit in Situationen, denen sich selbst das unsensibelste Publikum lieber entziehen würde.

          Gönnerhaftes Lob, das der Schöpferin solcher Szenen bis heute bescheinigt, für eine Frau verstünde sie eine Menge von Action (als gäbe es keine Mimi Leder, Lexi Alexander, Patty ­Jenkins . . .), unterschätzt die Leistung einer Künstlerin, die zwischen „Action“ einerseits, deren Sprache etwa ihr grandioser Thriller „Point Break“ („Gefährliche Brandung“, 1991) fließend brüllt, und politisch wie moralisch aufgeladener Gewaltdarstellung andererseits, wie in „Detroit“, einen wesentlichen filmrhythmischen Unterschied erkennt: Action beschleunigt einen Film, sinnsetzende Gewaltdarstellung dagegen bremst ihn ab, kann ihn gar ganz zum Stillstand bringen, als Hieb, der zum Denken zwingt. Man könnte aus derartigem Schock platte Eindeutigkeiten ableiten, aber Kathryn Bigelow setzt diesen Schocks Mehrdeutiges entgegen, das die Wahrnehmung nicht nur stimuliert, sondern verfeinert – in „Detroit“ etwa auf einer Bühne vor leeren Sitzen, wo ein junger Mann sich die Seele aus dem Leib singt, oder vor einem Ge­richtsgebäude, wo ein Zeuge sich von der Kamera und damit dem ganzen Film abwendet, um sich zu übergeben.

          Sie erhielt als erste Frau den Regie-Oscar

          Plötzliche Schönheit, abrupt einsetzender Ekel gehören zu Bigelows Handschrift – in „Strange Days“ (1995) gibt es einen Augenblick, in dem eine eigentlich teuflische Erfindung einem sympathischen Menschen, dem beide Beine fehlen, die Illusion eines Dauerlaufs am Strand schenkt, und einen, in dem als Nazis kostümierte Club-Performer öffentlich Bücher verbrennen.

          Dass sie gern mit Überraschungen arbeitet, die sich gegen Musterzuordnungen sperren, heißt allerdings nicht, dass Bigelow Genregesetze durchweg missachtet, deren Stabilität sie vielmehr als etwas schätzt, von dem sich ihr Eigensinn produktiv abstoßen kann. So hat sie den besten Vampir-Western-Krimi aller Zeiten gedreht, „Near Dark“ (1987); keine Kleinigkeit, denn die Konkurrenz auf diesem Hybridfeld kann sich mit John Carpenters „Vam­pires“ (1998) und „From Dusk Till Dawn“ (1996) von Robert Rodriguez sehen lassen.

          Als man ihr für „The Hurt Locker“ (2009) als erster Frau den Regie-Oscar zuerkannte, war von ihrer Genre­geschicklichkeit im allgemeinen Lobrausch keine Rede, dafür umso mehr von „Gesellschaftskritik“. Die gibt es bei ihr tatsächlich – wie der Supreme Court misst sie die politische Realität der USA an deren Verfassungsgrundsätzen und muss so etwa einen Zusammenhang entdecken zwischen einerseits bewaffneter Außenpolitik (die den Hintergrund von „The Hurt Locker“ wie des Nachfolgeprojekts „Zero Dark Thirty“ von 2012 abgibt) und andererseits rassistischer Innenpolitik ihres Staates – in „Detroit“ vergleicht eine kalte Stimme die Detroiter Innenstadtzustände von 1967 mit den Schlachtfeldern von Vietnam; dichter und analytisch tiefer als bei Bigelow findet man den Konnex in Spike Lees „Chi-Raq“ (2015).

          Politische und soziale Ursache-Wirkung-Netze verbildlichen sich im Kino bekanntlich am besten als Konfrontationen mit Körpereinsatz. Kathryn Bigelow ist bekannt dafür (und stand deshalb auch schon in der Kritik), dass sie die Einzelkräfte ihres Spielpersonals gern aufeinanderhetzt und persönlich einen körperlich einsatzfreudigen Regie­stil pflegt. Wo ein Kran gebraucht wird, steuert sie ihn selbst; ihre Drehpraxis könnte das Motto tragen: „Man sieht nur mit den Fäusten gut.“ Der „Star Wars“-Erfinder George Lucas hat durchblicken lassen, im Sinne der Bildinhaltskontrolle sei ihm die Idee lieb, man könnte eines Tages einfach alles Regierelevante am Computer erledigen und auf physisches Menschenspiel verzichten. Für diesen Ansatz interessiert sich die Regisseurin von „Detroit“ nicht die Drohne. Heute wird Kathryn Bigelow siebzig Jahre alt.

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