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Kate Winslet im Porträt : Eine Mischung aus Zorn, Sehnsucht und Eigensinn

Kate Winslet bei der Premiere zu ihrem neuen Film „Zeiten des Aufruhrs” Bild: REUTERS

Nach ihrem Auftritt bei der Verleihung der Golden Globes goss die britische Presse Hohn über sie aus. Wobei die Spötter vergaßen, dass Kate Winslet zuvor bereits fünfmal vergeblich nominiert worden war. Diesmal könnte auch ein Oscar in Aussicht stehen. Denn Winslets neueste Filme zeigen sie in Hochform.

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          Es ist wahr: Kate Winslets Auftritt bei der Verleihung der Golden Globes am Sonntag in Los Angeles war kein Glanzstück. Als sie nach dem Globe für die beste Nebendarstellerin in Stephen Daldrys „Vorleser“ auch noch die Auszeichnung für die beste Hauptdarstellerin für ihre Rolle in „Zeiten des Aufruhrs“ bekam, verlor sie die Fassung.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Zuerst schnaufte und stammelte sie, als hätte sie noch nie einen Preis gewonnen, dann entschuldigte sie sich bei ihren vier Konkurrentinnen und vergaß dabei Angelina Jolie, und schließlich brach sie allzu hemmungslos in Tränen aus. „Reiß' dich zusammen, Kate, du blamierst uns“, titelte die britische Tageszeitung „The Independent“, und der Kolumnist des „Guardian“ gestand, er habe beim Anschauen der Preisgala im Fernsehen eine „Welle von Übelkeit“ gespürt und sich vor Scham die Augen zugehalten.

          Mit zweiundzwanzig Filmgeschichte

          Ganz so hämisch wie ihre englischen Landsleute muss man Kate Winslets Aussetzer vielleicht doch nicht betrachten. Immerhin war sie schon fünfmal erfolglos für einen Golden Globe nominiert, und auch auf der Nominierungsliste für die Oscars hat sie schon ebenso oft gestanden, ohne je einen der Academy Awards zu gewinnen. In einer BBC-Komödienserie machte sie sich vor fünf Jahren über ihr Pech mit den Filmpreisen lustig: Sie spiele jetzt in einem Film über den Holocaust mit, teilte sie den Hauptfiguren der Serie mit, weil sie es satt habe, bei den Oscars immer als Verliererin dazustehen. Auch für diesen Auftritt wurde sie für eine Auszeichnung, den Emmy, nominiert, die sie aber wieder nicht bekam.

          Kate Winslet bei der Premiere zu ihrem neuen Film „Zeiten des Aufruhrs” Bilderstrecke

          Als erfolglos möchte man die Karriere der Kate Winslet trotzdem nicht bezeichnen. Seit sie im Alter von neunzehn Jahren vom späteren „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson für sein Mädchendrama „Heavenly Creatures“ entdeckt wurde - ihren ersten Fernsehauftritt hatte sie mit Elf in einem Werbespot für Kinder-Müsli absolviert - hat Winslet immer wieder für die besten Kinoregisseure vor der Kamera gestanden. Sie spielte die Ophelia in Kenneth Branaghs „Hamlet“, die unglückliche Sue Bridehead in Michael Winterbottoms Thomas-Hardy-Verfilmung „Jude“, die impulsive Marianne Dashwood in Ang Lees Jane-Austen-Adaption „Sinn und Sinnlichkeit“ und die junge Iris Murdoch in Richard Eyres „Iris“. Und sie war mit zweiundzwanzig Jahren die weibliche Hauptfigur in James Camerons „Titanic“, dem kommerziell erfolgreichsten Film aller Zeiten.

          Immer wieder Romantik

          Vor allem diese Rolle hat den Blick des breiten Publikums auf Kate Winslet geprägt. Um dem Klischee der tragischen Blondine zu entkommen, spielte sie eine Hippiemutter in „Marrakesch“ und eine ausgeflippte Indien-Touristin in „Holy Smoke“ und lehnte Rollenangebote für den „Herrn der Ringe“ und das Kinomusical „Moulin Rouge“ ab. Aber ihre beste Figur nach „Titanic“ war dann doch wieder eine Romantikerin, die unbeirrbare Clementine Kruczynski in Michel Gondrys „Vergiss mein nicht!“, die ihr Gedächtnis durch ein neuartiges Verfahren löschen lässt, um ihren von Jim Carrey gespielten Freund nicht zu verlieren.

          Jetzt ist Kate Winslet wieder da. Im „Vorleser“ nach dem Erfolgsroman von Bernhard Schlink spielt sie die ehemalige KZ-Aufseherin Hanna, die mit einem Schüler eine Liebesbeziehung eingeht, und in der Richard-Yates-Verfilmung „Zeiten des Aufruhrs“, die ihr Ehemann Sam Mendes gedreht hat, verkörpert sie die Amerikanerin April, die sich mit ihrer langweiligen Mittelklasse-Existenz in einer amerikanischen Vorstadt der fünfziger Jahre nicht abfinden will. Die Mischung von Zorn, Sehnsucht und Eigensinn, die sie in ihren besten Filmen gezeigt hat, prägt auch diese beiden Rollen. Und vielleicht klappt es für die englische Schauspielerin nach den beiden Golden Globes nun auch endlich einmal mit einem Oscar.

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