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Kanzlerreise : Warum Gerhard Schröder in Chinas Medien gefeiert wird

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Arm, aber ehrlich: So sehen die chinesischen Medien den deutschen Kanzler Bild: dpa/dpaweb

Nicht das Eintreten des Bundeskanzlers für Pekings Ein-China-Prinzip oder für die Aufhebung des EU-Waffenembargos sind Grund für seine große Beliebtheit im Land der Mitte. Es ist seine Familie. Vor allem ist es sein Halbbruder.

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          Gerhard Schröder hat China wieder verlassen, doch sein Besuch hallt nach, denn unter allen deutschen Kanzlern wird er in China von öffentlicher Seite am meisten gepriesen. Das zeigt sich auch daran, daß der Fernsehsender CCTV noch am letzten Tag seines Besuches ein Interview mit Schröder führte, in dem er unter anderen auch von seiner Mutter und anderen persönlichen Dingen gesprochen hat. Ausgestrahlt wird es aber erst am 12. Dezember.

          Diese ungewöhnliche Beliebtheit hat tatsächlich eher mit Schröders Familie zu tun als mit seiner chinafreundlichen Politik. Schröder besucht zwar China öfter als wohl irgendein anderer Staatsmann - seine diesmalige war die sechste Reise in den sechs Jahren seiner Amtsführung -, aber das darf man inzwischen als Ausdruck einer in Deutschland gutgepflegten Tradition der Exportförderung begreifen. Dasselbe gilt denn auch für Schröders öffentliches Eintreten für Pekings Ein-China-Prinzip, also seinen Widerstand gegen etwaige Unabhängigkeitsbestrebungen von Taiwan. In dieser Frage gibt es in Deutschland einen sogar noch länger währenden Konsens als betreffs der wirtschaftlichen Kontakte zu China.

          Selbst Hühner und Hunde

          Schließlich ist selbst Schröders wiederholtes Drängen auf eine Aufhebung des Waffenembargos der EU gegen China so mutig nicht. Sein Amtsvorgänger Helmut Kohl hatte 1995 in Pekings Augen gewiß weitaus mehr Mut bewiesen: Nach der Niederschlagung des Studentenprotestes von 1989 besuchte er damals als erster und bis heute auch als einziger westlicher Regierungschef demonstrativ die Volksbefreiungsarmee. Dennoch genießt sein Nachfolger noch höheres Ansehen bei der chinesischen Führungsspitze. Denn diese regierungsamtliche Begeisterung für Schröder gilt gar nicht dem Politiker selbst, sondern dem Umgang mit seinem Halbbruder Lothar Vosseler.

          Vosselers Geschichte, die in Deutschland von der "Bild-Zeitung" vermarktet worden ist, verfolgte man in China mit besonders großem Interesse. Erste Schlagzeilen machte er hier, als publik wurde, daß er fünf Jahre lang arbeitslos war und ihm sein Kanzlerbruder trotzdem nicht geholfen hat. So etwas ist für Chinesen unfaßbar. Hier pflegt der Volksmund schließlich zu sagen: "Macht einer Karriere, steigen selbst seine Hühner und Hunde auf in den Himmel." Man denke zum Beispiel an die Tochter von Chinas früherem Premier Li Peng. Sie ist heute Chefin einer der größten staatlichen Energiefirmen. Und Li Pengs unmittelbarer Nachfolger, Zhu Rongji, hat einen Sohn, der in der chinesischen Staatsfinanz als großes Tier gilt. Schließlich sei noch erwähnt, daß die Frau des amtierenden Premiers, Wen Jiabao, die einheimische Schmuckindustrie kontrolliert. In China, wo es vor allem auf persönliche Beziehungen ankommt, hilft man einander gerne. Wichtig ist einzig, daß einer aus der Familie Karriere macht.

          Der Bürgermeister als Schornsteinfeger

          Wie so etwas geht, das hat inzwischen auch das gemeine Volk verstanden. Diese Woche stand in der chinesischen Tageszeitung "South Daily" zu lesen, daß in diesem Jahr mehr als neunzig Prozent der Hochschulabsolventen in der südchinesischen Metropole Guangzhou Beamte werden wollen. Denn auf einem solchen Posten verdient man zwar anfangs weniger, aber für einen Chinesen, der weder einen Millionär noch einen Parteifunktionär zum Vater hat, ist dies der schnellste und zur Zeit auch einzige Weg, Karriere zu machen. Ist man einmal Kader im System geworden, warten Geld, Haus und schöne Frauen. Und wer dann oben angekommen ist, kann es dem Bürgermeister der Kreisstadt Suileng in der nordöstlichen Provinz Heilongjiang nachmachen: Dieser verkaufte in zwei Jahren 131 Kaderposten für einige Millionen Yuan.

          Natürlich versichert die Zentralverwaltung in Peking immer wieder, hart gegen solche Formen von Korruption anzukämpfen. Das Problem der Kommunistischen Partei ist nur, daß es ihr an Beispielen dafür fehlt. Aber zum Glück leben wir heute im Zeitalter der Globalisierung. Wenn es zu schwer ist, einen integren Helden aus dem eigenen Land zu finden, sucht man sich einen im Ausland. Vor einiger Zeit pries man im Parteiorgan "People's Daily" einen nicht namentlich genannten Bürgermeister aus Düsseldorf, der nach getaner Arbeit noch einem Nebenberuf als Schornsteinfeger nachgehen soll, weil sein Gehalt für die ganze Familie nicht reiche. Die Geschichte wurde sofort von mehreren chinesischen Zeitungen nacherzählt, dann wurde es wieder still um die Sache, weil niemand weiß, wie der ärmliche Bürgermeister heißt und ob er überhaupt existiert hat.

          Armer Kanzler eines sehr reichen Landes

          Doch dann erfuhr man in Peking von der ja zweifelsfrei wahren Geschichte des Lothar Vosseler. Angesichts der grassierenden Korruption unter Parteifunktionären in China hört sich jede Klage Lothars über seinen herzlosen Halbbruder Gerhard für offizielle Ohren in Peking wie eine Lobpreisung in den höchsten Tönen an. Die staatliche Xinhua-Agentur fand sogar noch mehr heraus und brachte diese Fakten unters Volk: Die Schröders könnten sich nur einmal in der Woche eine Haushaltshilfe leisten, Frau Schröder-Köpf gehe selbst einkaufen, koche und bügele daheim, und Gerhard Schröder fahre, wenn er privat unterwegs ist, entweder im Zug zweiter Klasse oder mit seinem alten VW.

          "So sieht man", schilderte Xinhua eine deutsche Impression, "am Wochenende oft dieses seltsame Bild: Vorne fährt ein bejahrter VW, gefolgt von einer gepanzerten Limousine, in der die Bodyguards sitzen." Die Überschrift des Berichts lautete: "Schröder - der arme Kanzler eines sehr reichen Landes".

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