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„Tulpenfieber“ im Kino : Ein Königreich für eine Blumenzwiebel

Das hätten Frans Hals und Van Dyck gern gesehen: Christoph Waltz und Alicia Vikander als ungleiches Ehepaar im Land der Tulpenspekulation. Bild: Prokino

Justin Chadwicks Film „Tulpenfieber“ stellt die Welt der holländischen Altmeister nach. Das sieht opulent aus, mit all den schönen Kostümen und Kulissen. Doch ist es auch lebendig?

          Über die holländische Tulpenmanie gibt es in Haarlem ein Gemälde von Jan Brueghel dem Jüngeren, auf dem der Maler das Marktgeschehen von 1637 mit Affen nachstellt. Sie züchten, wiegen und verschachern Tulpenblüten und -zwiebeln, pinkeln darauf, würfeln darum, betrügen und erschlagen einander und verfressen zuletzt ihre Rendite auf einer Palastterrasse, über der ein Tulpenwappen prangt. Eine derartige allegorische Zuspitzung darf man von Justin Chadwicks „Tulpenfieber“ nicht erwarten. Sie ginge über die Vorstellungskraft des Films, der sich an den historischen Anschauung des Mainstreamkinos orientiert. Insofern ist in „Tulpenfieber“ alles im Lot, was aber auch bedeutet, dass nichts wirklich stimmt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Tulpenmanie in der jungen Republik Holland ist die erste dokumentierte Spekulationsblase der Geschichte. Damals, auf dem finsteren Höhepunkt des Dreißigjährigen Krieges und der Klimakapriolen der Kleinen Eiszeit, wurden ganze Vermögen mit einzelnen Tulpenzwiebeln gemacht. Es gab Optionsscheine, Termingeschäfte und Versteigerungen der kostbaren Knollen, aber keine Börsen im heutigen Sinn. Stattdessen spielte sich die ökonomische Massenhysterie in sogenannten Kollegs ab, die in Schenken und Gasthäusern tagten. Eine dieser Glückssucher-Herbergen sieht man auch in „Tulpenfieber“, aber sie ist nur ein Nebenschauplatz.

          Die eigentliche Handlung spielt sich im Haus des Kaufmanns Cornelis Sandvoort (Christoph Waltz) ab, der gerade die junge Waise Sophia (Alicia Vikander) geheiratet hat. Sandvoort sucht die Schuld für seine kinderlose Ehe bei seiner Frau, die deshalb immer nervöser wird. Da tritt der Maler Jan (Dane DeHaan) ins Leben des Ehepaars. Er wird Sophias Liebhaber, und erst hier kommen die Tulpen ins Spiel. Durch den Verkauf einer Zwiebel will der Maler seine Schulden tilgen und mit seiner Geliebten nach Übersee aufbrechen. Dafür muss Sophia ihren Tod fingieren und das Kind, das ihre Küchenmagd bekommt, als ihr eigenes ausgeben. Das eine klappt, das andere nicht.

          „Tulpenfieber“ entstand nach einem Bestseller der Engländerin Deborah Moggach. Im Kino werden aus trivialen Büchern oft subtile Filme. Hier nicht. Denn Tom Stoppard, der seit „Shakespeare in Love“ als Goldmacher im Kostümgenre gilt, erzählt den Romaninhalt in seinem Drehbuch so sklavisch nach, dass dem Film kein Raum für einen eigenen Rhythmus bleibt. Die hektische Fahrt durch die Kulissen, seien es Bürgerhäuser, Kneipen, Klöster oder die nachgebauten Grachten von Amsterdam, wird so zum Sinnbild für die Hilflosigkeit der Regie. Der Film ist seiner Geschichte immer dicht auf den Fersen, aber er kommt nie bei ihr an.

          Dabei ist „Tulpenfieber“ visuell auf der Höhe seines Sujets. Der dänische Kameramann Eigil Bryld – zuletzt drehte er elf Folgen von „House of Cards“ – hat das Licht und die Farben der holländischen Altmeister berückend wiederbelebt. Und Alicia Vikander und Christoph Waltz sehen vor der Staffelei Dane DeHaans tatsächlich wie eines jener Paare aus, die von Frans Hals oder Van Dyck porträtiert wurden. Doch sobald sie ihre Pose aufgeben, werden sie zu Sprechpuppen eines Ausstattungskinos, das seine eigenen Möglichkeiten verkennt. Man könnte die Vergangenheit ja auch beim Wort nehmen und hinter den Schleier der Kostüme und Kulissen schauen. Aber dafür fehlt „Tulpenfieber“ die nötige Temperatur.

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