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Im Kino „Schändung“ : Kellerasseln jagen Fasanenmörder

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Geschändet? Jedenfalls in höchster Gefahr: Kimmie (Danica Curcic) am Boden. Bild: dpa

Nach dem Erfolgsbuch kommt der Film: Krimi-Held Carl Morck rollt an seinem Arbeitsplatz beim Sonderdezernat Q einen zwanzig Jahre alten Fall wieder auf. Ein Wettlauf zwischen Recht und Rache beginnt.

          Das Sonderdezernat Q hat bei der Polizei von Kopenhagen keinen besonders guten Ruf. Manche sprechen nur von den „Kellerasseln“, andere äußern sich abfällig über „den Araber und den Säufer“, selbst die Sekretärin Rose ist besorgt, weil sie den Chef Carl Morck für einen höchst destruktiven Charakter hält. Er ist einer der typisch unintegrierten Krimi-Helden, wie sie aus den Hardboiled-Romanen des zwanzigsten Jahrhunderts in das neuere Lesefutter übernommen wurden.

          Jussi Adler-Olsen hat um den verbissenen Einzelgänger Carl Morck seit 2007 eine ganze Serie verfasst, die sukzessive auch verfilmt wird. „Schändung“ heißt nun der zweite Teil, wieder unter der Regie von Mikkel Norgaard und mit Nikolaj Lie Kaas und Fares Fares in den Hauptrollen: ein neuer Fall für das Sonderdezernat Q, das sich mit Fällen befasst, die eigentlich schon bei den Akten liegen, also im Keller. Dorthin wurde Carl Morck abgeschoben, und hätte er nicht mit seinem Kollegen Assad einen bodenständigen Mann an seiner Seite, er wäre wohl längst mit Staublunge in einem Sanatorium für untröstliche Männer und könnte dort mit Zigaretten und Whisky die letzten gesunden Fasern seiner äußerlich allerdings immer noch recht ansehnlichen leiblichen Erscheinung angreifen.

          Die Fälle, mit denen er es zu tun bekommt, sind natürlich ganz und gar nicht dazu angetan, seine Laune zu heben. Wobei die von den deutschen Übersetzungen übernommenen Titel dazu beitragen, das Geschehen auf eine grundsätzliche Ebene zu heben: „Schändung“ heißt im dänischen Original „Fasanenmörder“, das hat einen konkreten Bezug auf die Geschichte, während die Übersetzung so tut, als ginge es hier nicht einfach um einen Fall, sondern um eine prinzipielle Erörterung der Schändbarkeit menschlicher Existenz.

          Die Innenarchitektur des Genres

          Ganz ohne konkrete Individuen geht es aber auch bei Jussi Adler-Olsen nicht, er schreibt ja kein Traktat, sondern Geschichten, wenngleich man immer wieder das Gefühl bekommt, dass die Figuren nur gerade notdürftig mit dem Fleisch persönlicher Charakteristika versehen werden, damit sie in der Lage sind, die abenteuerliche erzählerische Konstruktion zu tragen. Diese ist wiederum ungefähr so raffiniert wie ein Memory-Spiel: Das Aufdecken der Karten geht zügig voran, schon bald sind die Grundzüge der Intrige deutlich ausnehmbar, und dann geht es eigentlich nur noch um einen Wettlauf zwischen Rache und Recht.

          Nikolai Lie Kaas als Carl Morck in „Schändung“.

          In „Schändung“ laufen die Fäden in den frühen neunziger Jahren in einem Internat zusammen, in dem die industrielle Elite Dänemarks die Kinder zur Schule gehen lässt. Ein Junge und ein Mädchen kamen damals ums Leben, Bruder und Schwester, das Mädchen nach einer Vergewaltigung. Ein Sechzehnjähriger wurde für die Tat zur Verantwortung gezogen, nur der Vater der Opfer, der zufällig bei der Polizei ist, lässt den Fall nicht auf sich beruhen. Er baut eine dieser Kammern, die zur Innenarchitektur des Genres gehören: einen geschlossenen Raum, in dem die Wände voller Zeichen sind, zu denen man nur noch einen Schlüssel finden muss. Auf der Seite der Täter gibt es in der Regel einen komplementären Raum, nicht minder von der Außenwelt abgeschottet, häufig mit Bildschirmen und anderen Medien ausgestattet und in der Regel einem Zweck gewidmet: Menschen direkt oder indirekt zu quälen.

          Das Muster ist nicht zuletzt seit den Erfolgsromanen von Stieg Larsson bekannt, und auch bei Jussi Adler-Olsen verbindet es sich mit einem tendenziell klassenkämpferischen Affekt: In den „Darkrooms“ der Reichen werden die Opfer derer gequält, die sich schon im Schulalter über alle Regeln und Gesetze hinwegsetzen. In „Schändung“ gibt es ein reichlich lächerliches Bild für diese Arroganz der Reichen: Bei einer Jagd lassen sich die Männer, aus deren Kreisen die Unholde kommen, ein Zebra als besondere Trophäe vorführen. Das arme Tier trottet apathisch in den Wald, als wüsste es genau, dass es in der starken Kontrastlogik von Jussi Adler-Olsen vor allem als Ausrufezeichen herhalten muss - der Abschuss muss dann auch gar nicht mehr gezeigt werden.

          Auch mit der weiblichen Hauptfigur Kirsten „Kimmie“ Larsen zeigt sich, wie sehr hier mit Abziehbildern gearbeitet wird: ein Racheengel wie Lisbeth Salander, ein Opfer der Gesellschaft und der männlichen Gewalt, eine Figur, die sich in jungen Jahren (gespielt von Sarah-Sofie Boussnina, die das Zeug zu einem internationalen Star hat) dezidiert jenseits von Gut und Böse positioniert, die aber von Jussi Adler-Olsen dafür mit einem Fall in die Gosse bestraft wird. Es bedarf einer „Kellerassel“, sie von dort wieder herauszuholen und ihrer Aufgabe zuzuführen: als Nemesis in einer Geschichte zu fungieren, die auch mit einem flammenden Ende nicht über ihren dürftigen Charakter hinwegtäuschen kann.

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