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Juliette Binoche : Die schwierige Kunst der Depression

  • Aktualisiert am

Juliette Binoche bei der Premiere von „Caché” in Cannes Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

„Es geht um das ganze Leben“: Juliette Binoche über die Schauspielerei und ihren neuen Film „Caché“, deprimierende Komödien, weinende Frauen und ihre kurze Karriere als Taschendiebin.

          5 Min.

          „Es geht um das ganze Leben“: Juliette Binoche über die Schauspielerei und ihren neuen Film „Caché“, deprimierende Komödien, weinende Frauen und ihre kurze Karriere als Taschendiebin.

          F.A.Z.: Wenn Sie an „Die Liebenden von Pont-Neuf“ zurückdenken, was sehen Sie da?

          Es war eine Art Depression. Ich weiß nicht: Vielleicht braucht man Depression nach großer Anspannung. Wenn ein Schauspieler so viel gibt und sich in eine Welt hineinversetzt, dann braucht er Zeit, um die Spannung wieder absinken zu lasen. Depression ist also durchaus Teil des Prozesses, sie ist nicht nur negativ, sondern auch nötig. Um helle Farben herauszuarbeiten, braucht man auch dunkle Flächen. So wie jeder weiß, daß es die reinste Illusion ist, sich dauernd gut fühlen und erfolgreich sein zu müssen.

          1996 in „Der englische Patient”

          Manchmal wird die Schauspielerei zu schwierig, sowohl physisch als auch emotional. Man hat einerseits in den Rollen eine so große Welt in sich, daß es überwältigend ist. Und andererseits hat man kein Privatleben, zumindest keine Form von wirklichem Leben. Das ist mir nach „Die Liebenden von Pont-Neuf“ so gegangen und dann noch mal passiert nach „Bee Season“, den ich mit Richard Gere gedreht habe. Ich fühlte mich leer. Ich habe in dieser Zeit ein Buch über Bram Van Velde gelesen, der monatelang nichts getan, nur geschwiegen hat und durch die Wälder spaziert ist, bis er wieder produktiv sein konnte. Das kann ich total verstehen.

          Als Schauspieler ist man manchmal nur noch Funktionär einer bestimmten Lebensart. Vor lauter Produktivität weiß man gar nicht mehr, wer man selbst ist. Das ist ziemlich traurig, wenn man dann die Filme sieht und sich denkt, das hat man doch schon gesehen. Um da einen neuen Weg zu finden, muß man etwas was riskieren, muß jedesmal eine Herausforderung annehmen. Das braucht Zeit und die Fähigkeit, abzuschalten und sich frei zu machen von allem, was man weiß. Das System Kino handelt nur noch davon, wie man gute Filme macht - dabei ist das die reinste Illusion. Es geht darum, zu den einfachen Dingen zurückzufinden, auf eine Art Nichts, die nur einem selbst gehört.

          Warum haben Sie dann trotzdem „Caché“ gedreht?

          Eigentlich wollte ich gar nicht, und als Haneke mir „Cache“ schickte, habe ich auch zu meinem Agenten gesagt: „Ich will's eigentlich nicht machen.“ Aber ich konnte nicht mehr zurück, und also mußte ich mich dazu zwingen, darin mitzumachen. Im Spiel ist davon auch etwas sichtbar. Es gibt keine Lust, zu gefallen, keinen Versuch, etwas zu sein.

          Sind Sie denn mit dem Ergebnis zufrieden?

          Zufrieden ist nicht das richtige Wort, ich habe ich es eben so gemacht. Es fühlt sich nicht sehr gut an, mich selbst in dem Film zu sehen. Ich sehe eine Nacktheit, ein Unwohlsein, aber ich schätze, gerade das ist gut. Ich muß so etwas zulassen. Es war der einzige Weg, und deshalb ist es gut.

          Ist für Sie der Regisseur oder das Drehbuch wichtiger bei der Entscheidung, ob Sie eine Rolle annehmen?

          Es ist alles zusammen. Wenn ich ein Drehbuch lese, weiß ich gar nicht, wonach ich suche. Aber ich stelle mir immer die Frage, ob es stark genug sein wird, um mein Leben zu investieren. Denn darum geht's: das ganze Leben.

          Und wie war das bei Haneke?

          Ich habe mit ihm schon gearbeitet in „Code inconnu“. Die Verbindung war stark genug. So gab es keine Zweifel, daß es eine interessante Suche würde. Er rief mich also an und fragte, ob ich in seinem nächsten Film dabei sein will. Und ich sagte: „Natürlich. Da muß ich gar nicht das Buch lesen. Du kannst auf mich zählen.“ Da war er ganz glücklich. Als ich das Buch dann bekam, hab ich es natürlich trotzdem sofort gelesen und festgestellt, daß ich in fast jeder Szene heulen muß. Also hab ich ihn angerufen und gefragt, ob das wirklich sein muß. Ob das wirklich sein Frauenbild ist, daß sie die ganze Zeit flennen. Da war er ganz erstaunt und meinte, er werde noch mal darüber nachdenken. Am Ende hat er viel Heulen herausgenommen.

          Es wird bei „Caché“ viel über die Schlußeinstellung diskutiert, in der man Schüler vor einer Schule sieht, aber nicht weiß, wie das auf das Geschehen zu beziehen wäre. Wie deuten Sie den Schluß?

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