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„Made in China“ im Kino : Louis de Funès ist er nicht

  • -Aktualisiert am

Familienversöhnung am grünen Tisch: François (Frédéric Chau) steht wie so oft am Rand. Bild: Etienne George/Neue Visionen Fil

Ein chinesischer Franzose in Paris: In Julien Abrahams Filmkomödie „Made in China“ reiben sich die Kulturen. Das funktioniert gut, doch hat der Film auch Tiefe?

          François hat ein Problem. Wenn er bei einer Wohnung läutet, bekommt er manchmal zur Antwort: „Wir haben nichts bestellt.“ Dabei ist er doch zu der Party eingeladen, die drinnen läuft. Man hält ihn aber für einen Lieferanten. Das Problem hat mit dem äußeren Anschein zu tun. François ist Franzose, sieht aber aus wie ein Chinese. Und in gewisser Weise ist er ja auch einer: seine Familie stammt von dort, inzwischen leben aber drei Generationen in Europa, und François legt großen Wert darauf, dass er als Europäer wahrgenommen wird. Er meidet deswegen auch den 13. Bezirk in Paris, denn dort leben besonders viele Asiaten. Und dort gehen viele Pariser gern essen, wenn sie sich die chinesischen oder vietnamesischen Gerichte nicht an die Tür bringen lassen.

          Die Geschichte von François hat eine Pointe darin, dass der Schauspieler Frédéric Chau inzwischen weltberühmt ist, dass also jemand verwechselt wird, dem das im richtigen Leben nicht mehr widerfahren sollte. Denn er spielte die Rolle des Chao Ling in „Monsieur Claude und seine Töchter“ und in der dieses Jahr herausgekommenen Fortsetzung. Schon in den beiden sagenhaft erfolgreichen Multikultikomödien waren die Probleme die gleichen: Chao Ling fühlt sich als waschechter Franzose, wird aber aufgrund seines Äußeren nicht als solcher wahr- und schon gar nicht für voll genommen. Er teilte dieses Schicksal mit den drei anderen Schwiegersöhnen von Monsieur Claude, die auch alle ein wenig von der mutmaßlichen Norm in einem westeuropäischen Land abweichen, weil sie Wurzeln im Maghreb, in Israel oder in Afrika südlich der Sahara haben. Medi Sadoun, der „Nordafrikaner“ unter den vier Schwiegersöhnen, ist in „Made in China“ auch wieder dabei, er spielt Bruno, den besten Freund von François, denn auch das gehört zur Rezeptur von Komödien: Der Held braucht einen Sidekick, einen für die wirklich gravierenden Ausrutscher. So erscheint Bruno einmal zu einem chinesischen Familientreffen in einer Garderobe, die ein wenig wirkt, als hätte er sie direkt vom Jahrmarkt. Und sein Mandarin klingt stark nach einer Katzensprache. „Made in China“ macht also einfach dort weiter, wo „Monsieur Claude“ schon so erfolgreich die Klischees hochleben ließ, um sie dann doch ein wenig auseinanderzunehmen. Von Chao Ling zu François ist es nur eine namentliche Veränderung, allerdings eine programmatische: noch französischer geht nicht.

          Ein perfektes Produkt, aber ein mittelmäßiger Film

          Komödien über kulturelle oder „hautfarbliche“ Unterschiede leben gut von dem Paradoxon, dass viele Immigranten sich nach Kräften assimilieren wollen, während die „Einheimischen“ alles Exotische lieben. Das gibt Reibungsenergie in beide Richtungen. François lebt mit Sophie zusammen, die beiden haben ein typisches Mittelschichtleben. Als Sophie schwanger wird, steht bald auch die Frage im Raum, wie das Kind heißen könnte. Tao? Der Vorschlag seiner Partnerin macht François ganz nervös. Für ihn sollte das Kind am besten ein Françoisissimus werden, doch diesen Namen für den französischsten aller Franzosen gibt es nicht.

          Die beiden Filme über „Monsieur Claude“ waren wohl auch deswegen so erfolgreich, weil sie bei aller Vielfalt der biographischen Hintergründe doch vor allem das klassische, ländliche Frankreich ins Zentrum rückten – also die Landschaften, in denen die populistische Rechte ihre politischen Erfolge holt. Der konservative Grundton von „Monsieur Claude“ ist nun auch in der Auskopplung „Made in China“ zu spüren. Und auf dieser Ebene wird der Film, dem man das Kalkül der Fortsetzung einer Erfolgsformel in der ersten Hälfte doch einigermaßen überdeutlich ansieht, allmählich interessanter. Denn François nähert sich schließlich seiner Familie wieder an, und so erfahren wir in Ansätzen von Ereignissen, die eigentlich eine viel ausführlichere Erzählung verdient hätten. Migrationsgeschichten sind nun einmal so etwas wie ein Kern menschlicher Erfahrung, und so deuten sich auch hier spannende Facetten an. Zum Beispiel das informelle Kreditsystem („Tontine“) unter den Chinesen in Paris – ist das nun Schattenwirtschaft oder gelebte Solidarität?

          Der Vater von François ist je nachdem entweder ein großer Pate oder ein Wohltäter oder vielleicht auch beides. Dieser Ambivalenz auf die Spur zu kommen wäre eine spannende Sache. Aber in „Made in China“ regiert eine routinierte Dramaturgie. Jede Figur vertritt eine Position, von der alten Tante Fa abwärts bis zu dem kleinen Bruder von François. Sie sind der Chor zu dem Konflikt zwischen Vater und Sohn. François erlebt seinen Vater als Tyrann, weil er dessen Motive nicht kennt. Dass er nun selbst Vater wird, will er gar nicht verraten, denn er fühlt sich ohnehin schon als Verräter an seiner Herkunft.

          Wie in einem analytischen Drama nähern sich die beiden Männer einander Schritt für Schritt wieder an, und mit jedem Schritt erfährt das Publikum ein wenig mehr über einen Patriarchen, von dem es zu Beginn vor allem hieß: „Er ist nicht gerade Louis de Funès.“ Das trifft zwar auch auf die allermeisten „richtigen“ Franzosen zu, denn der zappelige Star ließ die Klischees über sein Land jedes Mal in Chaos aufgehen. Trotzdem lässt sich die Verschlossenheit von François’ Vater auch kulturell lesen: Er entspricht damit einer Vorstellung von einer nicht integrierten (undurchschaubaren) Enklave, aus der François nur fliehen konnte. „Made in China“ hat schließlich für die Differenzierungen, die einen wirklich guten Film machen würden, keine Zeit, weil eben wie schon in „Monsieur Claude“ das Schema abgearbeitet werden muss. Man kommt den Figuren nur so nahe, wie es ihre Funktion in dem Typenarrangement erlaubt. „Made in China“ ist ein perfektes Produkt, aber ein mittelmäßiger Film.

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