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Julianne Moore im Gespräch : Wir sind doch alle andere

  • -Aktualisiert am

Julianne Moore bei der diesjährigen Berlinale. Bild: dpa

Was sie an der Rolle einer lesbischen Polizistin gereizt hat, wann sie ihre Kinderbücher schreibt und warum ihre Kinder ihre Filme nicht ansehen: Die Schauspielerin Julianne Moore im Gespräch.

          Julianne Moore, 55, ist die vermutlich bekannteste Rothaarige der Welt (auch wenn sie diesmal eine blonde Perücke trägt) und eine der ganz großen Darstellerinnen ihrer Generation. 2015 erhielt sie für die Darstellung einer Alzheimerkranken in „Still Alice“ den Oscar, der nach insgesamt fünf Nominierungen für Filme wie „Boogie Nights“ oder „Dem Himmel so fern“ überfällig war. Klar, dass auch eine wahre Geschichte zum Film werden kann, wenn Julianne Moore ihre Mitwirkung zusagt: die Geschichte der Polizistin Laurel Hester aus New Jersey. Nach der Diagnose Lungenkrebs wollte Hester 2005 ihre Pensionsansprüche an ihre Lebensgefährtin Stacie Andree überschreiben; die Behörden lehnten das ab. Über Hesters Fall entstand bereits nach deren Tod 2006 ein kurzer Dokumentarfilm, der „Freeheld“ heißt und den Oscar bekam. Im Spielfilm „Freeheld – Jede Liebe ist gleich“ hat unter der Regie von Peter Sollett nun Julianne Moore die Rolle der Laurel Hester übernommen und Ellen Page die ihrer Partnerin.

          War „Freeheld“ für Sie auch ein persönliches Statement gegen eine juristische Ungerechtigkeit?

          Auch, aber in erster Linie erzählt dieser Film ja eine Liebesgeschichte! Das ist für mich das wichtigste Thema der Welt. Jeder von uns wächst mit dem Wunsch auf, jemanden zu finden, mit dem man sein Leben teilt. Das ist doch eine der wichtigsten Motivationen und eines der größten Ziele, die wir alle haben. Daraus entwickelt sich dann ein Film über eine Bürgerrechtsbewegung. Diese Kombination war für mich unglaublich reizvoll!

          Sie haben mehrfach lesbische Frauen gespielt, zum Beispiel 2010 in „The Kids are Alright“. Was hat Sie zu der liberalen Person gemacht, die Sie heute sind? Waren Sie immer offen gegenüber der Vielfalt?

          Zum einen waren es meine Eltern, zum anderen waren es eigene Eindrücke, die ich über die Jahrzehnte gesammelt habe. Wenn man etwas Neues kennenlernt, füllt man etwas Fremdes, „das Andere“, mit einem konkreten Wissen auf. Meine Mutter war Schottin, mein Vater war Amerikaner. Sie sind viel gereist und haben sich ständig weitergebildet. Insofern war ich immer vielen verschiedenen Ideen ausgesetzt.

          Ihr Vater war Militärrichter bei der US-Army, daher zogen Sie häufig um. Dann waren Sie auch oft die Andere, die Neue?

          Das stimmt. Immer, wenn wir wieder umzogen, war ich wieder mal die Außenstehende, die sich ihren Platz erst noch suchen musste. Mit den verschiedenen sexuellen Ausrichtungen bin ich dann später auf der Schauspielschule in Berührung gekommen. Die Bandbreite ist dort besonders groß! (lacht) Und dann bin ich nach meinem Abschluss 1983 nach New York gezogen. Das war genau die Zeit, als Aids sich so rasant ausbreitete. Mit 23 hörte ich, dass ein Freund mit „mexikanischer Grippe“ aus Mexiko wiedergekommen sei. Es war natürlich Aids, und er starb innerhalb von zwei Wochen. Anfangs wurde Aids als alles Mögliche bezeichnet, auch als „Schwulenkrebs“. Und die Menschen starben so rasend schnell daran! Das hat mich unfreiwillig zu einer Aktivistin gemacht, weil so viele Bekannte gestorben sind. Wir waren alle schockiert und wollten handeln. Seitdem bin ich für Diskriminierungen sensibilisiert.

          Wie waren Ihre Erfahrungen, als Sie in Deutschland lebten?

          Wir haben auf einer Militärbasis in Frankfurt gelebt. Damals war die amerikanische Gemeinde sehr groß, ich fühlte mich also nicht völlig allein. Aber trotz meiner Landsleute lebte ich in der Fremde und war damit Teil einer Minderheit. Da fühlt man sich sofort auf sich selbst zurückgeworfen. Wir wollen alle irgendwo dazugehören. Gleichzeitig wollen wir als Individuum wahrgenommen werden. Anstatt in so einer Situation darauf zu beharren, wie schwer man es hat, sollte man versuchen, die anderen an der eigenen Erfahrung teilhaben zu lassen.

          Erst Ihre Zusage hat die Finanzierung von „Freeheld“ ermöglicht. Der Oscar für „Still Alice“ im Jahr 2015 hat Ihre „bankability“ dann noch mal erhöht. Welchen Wert hat die Trophäe für Sie?

          Seit dem Oscar ist das Leben wie Kuchen! Seit dem Oscar werde ich nur noch so mit Geld und Blumen beworfen! (lacht) Im Ernst: Es war eine wunderschöne Erfahrung. Der Oscar hat bei uns einen sehr hohen kulturellen Stellenwert. Ich habe schon als Kind jedes Jahr die Verleihung im Fernsehen geschaut und konnte es kaum fassen, dass ich ihn nun bekommen habe.

          In der Bürgerrechtsbewegung für die Gleichstellung nicht-heterosexueller Paare hat sich seit dem Fall von Laurel Hester Einiges zum Besseren geändert. Seit dem 25. Juni 2015 ist die gleichgeschlechtliche Ehe in den Vereinigten Staaten legal.

          Seit dem Tod von Laurel hat es eine Gesetzesänderung in New Jersey hinsichtlich der Gleichstellung von Ehepartnern und gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften gegeben. Innerhalb von zehn Jahren ist die Homo-Ehe dann in allen Bundesstaaten anerkannt worden. Das ist relativ schnell, und der Film feiert diesen Fortschritt. Ich lebe eh in einer Welt, in der Homosexualität sehr präsent und normal ist. Als meine Kinder klein waren, haben wir oft „Spiel des Lebens“ gespielt. Das ist ein bisschen wie Monopoly, man bewegt sich mit einem winzigen Auto übers Spielfeld, heiratet und setzt eine zweite Spielfigur in den Wagen, in rosa oder blau. Die Kinder haben sich immer die Frage gestellt, ob sie später mal einen Mann oder eine Frau heiraten wollen. Für sie war es völlig natürlich, beide Möglichkeiten zu haben. Das ist doch schon eine revolutionäre Entwicklung, wenn ich das mit meiner Kindheit vergleiche.

          Diesmal blond - Julianne Moore und Ellen Page in dem Film „Freeheld“

          Es heißt, in Hollywood bedeute ein Coming-out noch immer das Karriereende. Glauben Sie, dass Ellen Pages Bekenntnis „I’m gay“ Konsequenzen haben könnte?

          Ellen kennt sich da wesentlich besser aus als ich und hat diese Erfahrung selbst gemacht. Sie hat mir noch mal die Augen geöffnet: Sie hat mit mir ganz offen über ihre Situation und die Ängste gesprochen, wenn man seine sexuelle Orientierung verbirgt. Ich habe mir damals auf der Schauspielschule keine großen Gedanken über die persönlichen Konsequenzen für die Kommilitonen gemacht. Erst Ellen hat mir klar gemacht, wie schmerzhaft dieser Prozess tatsächlich ist, seine sexuelle Orientierung öffentlich zu machen.

          Kennen Sie Kollegen, die sich aus Angst bisher nicht geoutet haben?

          Nein, wirklich nicht! Auch wenn das Unglauben hervorruft. Hey, ich bin schon alt. Die Kollegen in meinem Alter haben sich schon vor langer Zeit geoutet. Ellen war für mich die erste junge Kollegin, die seit Jahren im Geschäft ist und das bis dahin der Öffentlichkeit verschwiegen hat.

          Was hat Sie an der Figur der Laurel Hester besonders fasziniert?

          Ihr hoher moralischer Anspruch an sich und andere. Sie glaubte an das Rechtssystem und die Polizei. Sie glaubte, dass sie das Richtige tut, indem sie sich für andere einsetzt. Sie war eine gute Polizistin. Sie hätte auch einen Mann heiraten können, um die Sache anders zu regeln. Doch das wollte sie nicht. Im Dokumentarfilm „Freeheld“ sagt sie: „Ich habe mich mein ganzes Leben dafür eingesetzt, dass anderen Gerechtigkeit widerfährt. Jetzt will ich Gerechtigkeit für die Frau durchsetzen, die ich liebe.“

          Sie haben auch Hesters Partnerin Stacie Andree kennengelernt. Wie haben Sie sie erlebt?

          Sie ist eine sehr sensible, warmherzige Frau. Sie hat offen auf alle möglichen Fragen geantwortet und mir ihre Fotos, Zeitungsausschnitte und die Briefe gezeigt, die Laurel ihr geschrieben hat.

          Ihre Affinität zu Minderheiten haben Sie auch schon in ihrem Zweitjob als Schriftstellerin zum Thema gemacht. Eines Ihrer Kinderbücher heißt „My Mom is a Foreigner“.

          Das Buch wurde inzwischen in viele Sprachen übersetzt, weil das Thema global offenbar einen Nerv getroffen hat. Heutzutage gibt es viele Menschen, die von einem Land in ein anderes ziehen. Für Kinder ist dieses Anderssein, der Fremde zu sein, etwas, mit dem sie aufwachsen. Es ist für sie das Natürlichste der Welt. Ich habe in dem Buch über meine eigenen Erfahrungen als Kind geschrieben.

          Wie gehen Sie beim Schreiben vor, wie lassen Sie sich inspirieren?

          Nun, ich bin kein Philip Roth! Das sind alles nur Bücher für kleine Kinder und in ganz einfacher Sprache gehalten. Ich suche mir Themen, die für Kinder wichtig sind. In einem meiner Bücher dreht sich alles um das Ausfallen eines Zahns, weil das für Kinder tatsächlich eine ganz große Sache ist. All das basiert auf Erfahrungen, die ich mit meinen Kindern gemacht habe oder die sie mir erzählt haben.

          Schreiben Sie auch während der Dreharbeiten?

          Während ich in einem Film stecke, bin ich zu sehr damit beschäftigt. Ich kann dann nicht einmal ein Buch lesen, in dem es um ein anderes Thema geht als im jeweiligen Film. Ich kann nur eine Geschichte zurzeit in meinem Kopf verarbeiten.

          Sie haben zweimal hintereinander jemanden gespielt, der dem Tod nahe ist. Macht das dünnhäutiger?

          Sobald ich nach Hause komme, lege ich die Rolle ab. Ich komme nicht zu meiner Familie und sage, man solle mich in Ruhe lassen. Als Schauspielerin kommt man zwar so nah wie möglich an die Erfahrungen und Gefühle der Person heran, die man spielt, doch die Erfahrung macht man dadurch nicht automatisch auch selbst. Es wäre für mich arrogant zu behaupten, ich wüsste, wie es Laurel damals ergangen ist. Unser Job ist es, möglichst authentisch zu vermitteln, was sie durchgemacht hat.

          Wie war das denn bei Ihrer Darstellung einer Alzheimerkranken in „Still Alice“?

          Ich habe da auch alle Betroffenen gebeten, mir zu sagen, was ich in meiner Darstellung berücksichtigen soll. Ich kann ihre Gefühle gar nicht eins zu eins nachempfinden. Insofern habe ich überhaupt kein Problem, die Rolle an der Garderobe abzugeben. Ich habe ja meiner Familie gegenüber die Verantwortung, neben meinem Job auch für sie da zu sein. Die Schauspielerei ist mein Job, die Kinder gehen zur Schule, und mein Mann hat seinen Job.

          Kennen Ihre Kinder die Filme, in denen Sie mitspielen?

          Oh nein! Mein Sohn könnte vom Alter her einige davon schon sehen, er ist 17, meine Tochter allerdings noch nicht. Doch wer will schon seiner Mutter bei der Arbeit zuschauen?

          Sie könnten ja auch mal Filme gezielt für Ihre Kinder machen.

          Ich habe doch schon in den „Tributen von Panem“ mitgespielt. Von denen hätte ich gar nichts gewusst, wenn meine Kinder nicht die Bücher gelesen hätten. Auch in dieser Filmreihe geht es übrigens um das Thema Gleichberechtigung!

          Wie erklären Sie sich, dass das Thema Bürgerrechte für Filmemacher so eine starke Anziehung besitzt?

          Ich hoffe, dass wir alle davon ausgehen, dass alle Menschen gleich sind. Und wo immer Ungerechtigkeiten herrschen, ist es wichtig, dass die Benachteiligung der Betroffenen erkannt und benannt wird. Manchmal bedarf es solcher Filme, um das Thema aus einer anderen Perspektive vorzustellen. Immerhin bringen wir das auch unseren Kindern bei. Insofern sind das Geschichten, die es wert sind, erzählt zu werden.

          Laurel Hester hat in einem von Männern dominierten Berufsumfeld gearbeitet. Sie war damals die einzige Frau in ihrer Truppe. Haben Sie das Gefühl, dass Hollywood auch noch von Männern dominiert wird?

          Man muss bei diesem Thema nicht nur auf Hollywood schauen. In anderen Ländern ist es so schlecht um die Rolle der Frauen bestellt, dass sie dort nicht mal eine Schulbildung bekommen. Und Frauen verdienen in allen Bereichen der Wirtschaft weniger als Männer. Insofern liegt noch ein langer Weg vor uns. Doch die Lösung für ein Problem fängt damit an, dass es erkannt wird. Und an der Stelle sind wir jetzt.

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