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Das „Rosa Kaninchen“ im Kino : Wie leicht darf eine schwere Kindheit sein?

  • -Aktualisiert am

Auf der Flucht im Bergidyll: Familie Kemper (Carla Juri, Riva Krymalowski, Oliver Masucci) Bild: dpa

Und es ist doch ein Weihnachtsfilm: Caroline Link und Anna Brüggemann haben „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr verfilmt.

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          Im Februar 1933 macht das Schicksal einen letzten Versuch, Adolf Hitler einen ernstzunehmenden Gegner in den Weg zu stellen. Zorro, der Rächer der Armen, tritt gegen die Nationalsozialisten an, aber mehr als ein Abzeichen mit einem Hakenkreuz kann er nicht erbeuten. Der Maskenmann in Schwarz hat auch noch einen entscheidenden Nachteil: Er ist eine Erfindung. Er stammt aus Caroline Links Film „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“, in dem die Geschichte von Anna Kemper erzählt wird. Anna ist im Februar 1933 neun Jahre alt und hat als Kind das Privileg, die Geschichte als Spiel zu begreifen. Einmal noch sind die NS-Uniformen Maskerade wie der Umhang, unter dem sich der edle Kämpfer Zorro verbirgt. Doch noch vor der Wahl am 5. März wird es für Annas Familie ernst. Eines Morgens ist der Vater nicht mehr da, und wenige Tage später sitzen auch Anna, ihr Bruder Max und ihre Mutter Dorothea in einem Zug nach Zürich. Und die Schweiz wird nur die erste Station sein auf einer langen Flucht vor der Verfolgung durch die Nazis.

          „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ beruht auf dem gleichnamigen, autobiographischen Jugendbuch von Judith Kerr, das 1971 auf Englisch erschien und auch in der deutschen Übersetzung durch Annemarie Böll zu einem Klassiker wurde. Die Autorin starb im Mai dieses Jahres hochbetagt in London. In England fand die Familie schließlich sichere Zuflucht und Judith Kerr ein neues Zuhause und eine neue Sprache. Mit dem Blick auf die Felsen von Dover endet (weniger prosaisch als das Buch, zu dem es zwei Fortsetzungen gibt) der Film – Aufbruch und Ankommen bleiben in der Schwebe.

          Eine eigene Vision

          Es ist ein ungewöhnliches Motiv für einen Weihnachtsfilm, aber schon im Vorjahr hatte Caroline Link die Kindheitserinnerungen von Hape Kerkeling zu diesem Termin herausgebracht: „Der Junge muss an die frische Luft“ wurde ein großer Erfolg, und so ist es beinahe schon Tradition, dass Caroline Link dafür zuständig ist, dass das deutsche Kino zum Fest der Familie dem amerikanischen Kommerzkino etwas entgegenstellt. Nämlich eine eigene Vision von Breitenwirksamkeit ohne Spezialeffekte. Eine Dialogstelle im Film, die sich im Buch so nicht findet, scheint die nicht unmittelbar einleuchtende Verbindung des Veröffentlichungstermins und der Geschichte einer jüdischen Familie auf dem Weg ins Exil sogar mitzubedenken: Weihnachten ist für den Vater von Anna kein religiöses Fest, sondern das „Fest der Deutschen“. Die Geschichte der Assimiliation, auf die man das als Anspielung nehmen könnte, spielt in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ aber keine weitere Rolle.

          Judith Kerr war die Tochter des bedeutenden Theaterkritikers und Feuilletonisten Alfred Kerr. Im Film heißt die Familie Kemper, darüber hinaus haben Caroline Link und ihre Drehbuchpartnerin Anna Brüggemann aber die Grundkonstellation intakt gelassen: Die Kempers sind eine vierköpfige jüdische Familie mit dem Vater Arthur (Oliver Masucci), der Mutter Dorothea, einer Musikerin (Carla Juri), mit dem drei Jahre älteren Bruder Max (Marinus Hohmann) und mit der Entdeckung Riva Krymalowski in der Hauptrolle der Anna. Justus von Dohnányi spielt den Onkel Julius, der in Deutschland zurückbleibt und an dem das Sehnsuchtsbild aus dem Buchtitel hängt. Denn er arbeitet in einem Zoo, und Anna muss nicht nur von den Elefanten Abschied nehmen, zu denen ihr Patenonkel sie so oft mitgenommen hat, sondern auch von den meisten ihrer Stofftiere: Das rosa Kaninchen bleibt, wie auch ein Koffer mit wertvollen Erstausgaben von Büchern, in Berlin.

          Die schwere Kindheit muss sein

          Das zentrale Motiv in der Vorlage ist das einer „schweren Kindheit“. Anna wünscht sich eine solche Kindheit, weil alle berühmten Menschen eine hatten. Sie ist mehr oder weniger Voraussetzung für ein außergewöhnliches Leben, und wer behütet aufwächst, macht vielleicht nicht hinreichend Erfahrungen, um später jemand zu werden. Was Anna und ihr Bruder Max in der Schweiz, später in Paris und schließlich auf dem Weg nach England erleben, ist aber eben eine schwere Kindheit, die ihnen nach Kräften leichtgemacht wird. Sie müssen zwar immer wieder neue Freunde finden, eine neue Sprache lernen, und sie erleben auch Zeiten, in denen es täglich Kartoffelsuppe ohne Fleisch gibt. Aber ihre Eltern tun alles, um den Kindern ein normales Leben unter außerordentlichen Umständen zu ermöglichen, und die gelegentlichen Besuche aus Deutschland bringen zwar immer schlechte Nachrichten, aber noch ist – in der erzählten Zeit der Geschichte, also bis 1935 – das Ausmaß der Gefährdung noch bis zu einem gewissen Grad abstrakt, sie erschließt sich zuerst einmal den hellsichtigen Menschen wie dem Vater, auf den schließlich sogar ein Kopfgeld ausgesetzt wird.

          Anna Kemper (Riva Krymalowski) entscheidet, dass auf eine schwere Kindheit ein außergewöhnliches Leben folgt.
          Anna Kemper (Riva Krymalowski) entscheidet, dass auf eine schwere Kindheit ein außergewöhnliches Leben folgt. : Bild: dpa

          Caroline Link und Anna Brüggemann folgen der Vorlage bis in solche Details und verfilmen auch manche Szenen, die in der Umsetzung wenig überzeugend wirken, zum Beispiel einen Bleistiftkauf, bei dem die Kinder ein paar Centimes in die eigene Kasse wirtschaften, oder einen Moment, in dem Max zum ersten Mal Schnecken zu essen bekommt. Akzente setzt der Film vor allem bei einigen Nebenfiguren, zum Beispiel bei der Concierge in Paris, die den hässlichsten antisemitischen Ausdruck im Französischen in den Mund gelegt bekommt (das „sales juives“ wird dann in den deutschen Untertiteln auch ein wenig verharmlost: „verdammte Juden“), oder bei der österreichischen Nachbarin Grete, die sie zu einer feindseligen Figur umdeuten.

          Damit sollte vielleicht dem Umstand ein wenig abgeholfen werden, dass „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ insgesamt eben von einer „schweren Kindheit“ doch vor allem auf schöne Bilder und kostbare Momente kommt: Der Bruder Max ist geradezu ein Vorbild, die Eltern sind ein Muster an Verantwortung, die Landschaften vor allem in der Schweiz ein Postkartenidyll, und die Haushälterin Heimpi (Ursula Werner), die auch zurückblieb, wirkt wie ein Schutzgeist. Als Geschichte einer letztendlich geglückten Flucht ist „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ erbaulich, man würde aber dem etwas nüchterneren Tonfall des Buches gegenüber einer eher illustrierenden Verfilmung den Vorzug geben.

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