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Judi Dench zum Achtzigsten : Shakespeares schönstes Geschenk

  • -Aktualisiert am

Judi Dench wird Achtzig. Bild: dpa

Ihre phänomenale Wandlungsfähigkeit verdankt sie der Shakespeare-Schule, als Bonds Bändigerin „M“ wurde sie zur Legende: Die Schauspielerin Judi Dench wird achtzig Jahre alt.

          2 Min.

          Dass James Bonds Domina „M“ einst eine Nachtklubdiseuse und Gelegenheitsdirne gewesen sein könnte, ist so unvorstellbar wie Porridge als Gourmetdessert. Dito die Vorstellung, die Sally Bowles aus „Cabaret“ sei im Alter nicht Alkoholikerin, sondern eisige Geheimdienstchefin geworden. Doch Judi Dench erntete Kritikerhymnen und Theaterpreise, als sie 1968 in der Londoner Uraufführung des Musicals Sally Bowles spielte. Und als 2012 ihre legendäre „M“ in „Skyfall“ erschossen wurde, stürzte für Bondfans und Cineasten ein Stück Himmel ein. Dass Judi Dench scheinbar mühelos zwischen beiden Extremen zu wechseln vermochte, bezeugt ihr Genie als Schauspielerin.

          Das Rüstzeug für diese phänomenale Wandlungsfähigkeit erwarb sie beim besten aller Menschenkenner: Judi Dench durchlief Shakespeares Menschen-Bestiarium. Erst bei der Old Vic Company, wo die Rolle der Julia ihr Durchbruch war, dann als Mitglied der Royal Shakespeare Company spielte sie die leidende Ophelia und die widerspenstige Katharina, war eine prinzipientreue Isabella und zauberische Titania. Letztere spielte Judi Dench 1968 in einer Verfilmung des „Sommernachtstraums“ parallel zur Sally Bowles.

          Shakespeare In Love (1998) Bilderstrecke
          Shakespeare In Love (1998) :

          Der Wechsel zwischen Bühne und Filmstudio wurde ihr zur Gewohnheit. Anfangs vielleicht, weil Filmregisseure, in Ehrfurcht erstarrt, meistens nur Shakespearerollen anboten. Das änderte sich erst, als 1987 James Ivorys „Zimmer mit Aussicht“ ein Welterfolg und sie mit dem British Academy Film Award ausgezeichnet wurde, was wiederum den Weg dafür ebnete, dass Judi Dench ab 1995 als Bonds Dompteuse „M“ zur Institution aufstieg.

          Entschlossenheit trotz Abgrund

          Weder schön noch hübsch im landläufigen Sinne, entwickelte ihr Gesicht im Lauf der Jahrzehnte magische Anziehungskraft. Blaue, zwischen leuchtendem Kobalt und blasser Kornblume irisierende Augen, Lippen, die nach Bedarf weich oder scharf wie ein Messerrücken werden, eine Nase, die von Cockney zu Upperclass wechseln kann, hohe Wangenknochen, energisches Kinn – mit winzigen Nuancen ihres Mienenspiels, nicht zu vergessen die perfekte Körpersprache, spielte sie glaubhaft zerstreut listige Ladies („Tee mit Mussolini“) und sadistische Monster („Notes on a Scandal“; „Madame de Sade“), war die gütigste und verständnisvollste aller gütigen und verständnisvollen älteren Frauen („The Best Exotic Marigold Hotel“), zeigte anrührend die Liebe einer alten Frau zu einem blutjungen Mann („Ladies in Lavender“) und die Qual verheimlichter Gefühle („Majesty Mrs.Brown“), brillierte als Bodenständige („The Shipping News“) und als Glamouröse („The Importance of Being Earnest“).

          Fast jede dieser Rollen wäre einen Oscar wert gewesen. Dass sie ihn nur einmal, und zwar für die achtminütige Nebenrolle als ElizabethI. in „Shakespeare in Love“, gewann, gehört zu den absurden Rätseln des Filmgeschäfts. Immer wieder auch an Londoner Bühnen zwischen Shakespeare und Sondheim, Tragödie, Komödie und Musical gastierend, seit 1988 „Dame“ Dench, überraschte die Schauspielerin 2013 in „Philomena“ alle Welt in der auf Tatsachen basierenden Rolle einer einfachen, vom Leben gedemütigten Rentnerin, die sich auf die Suche nach ihrem Sohn macht, der ihr direkt nach der Geburt in dem Kloster, in das sie geflüchtet war, weggenommen und zur Adoption freigegeben worden war. So schlicht, leise und eindringlich hatte man Judi Dench noch nie erlebt.

          Zur selben Zeit gab die Schauspielerin ein Augenleiden bekannt. Sie sei nun gezwungen, ihre Texte phonetisch zu lernen, erklärte sie, werde aber selbstverständlich weiterarbeiten. Eine Entschlossenheit, die einem eine der schönsten Szenen der Theater- und Filmgeschichte vor Augen ruft: In Ariane Mnouchkines „Moliere“ steht eine Tragödin auf den Brettern eines provisorischen Holztheaters. Ein Sturmwind kommt auf und treibt das Gehäuse auf einen Abgrund zu. Die Zuschauer fliehen – doch die Schauspielerin deklamiert ungerührt weiter. Am Dienstag wird Judi Dench achtzig Jahre.

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