https://www.faz.net/-gqz-a1wch

„The King of Staten Island“ : In der Peinlichkeit steckt die Pein

Pete Davidson als Scott Carlin und Steve Buscemi als Carlins Vater in „The King of Staten Island“ Bild: dpa

Wie sieht der denn aus? Judd Apatows neue Komödie erzählt von einem jungen Mann, der in den Tattoo-Studios seines Bezirks der König ist. Lachen über Leiden – so lautet des Rezept des Films.

          2 Min.

          Scott Carlin weiß seit acht Jahren, was sein Lebensinhalt sein soll: das Tätowieren. Da war er sechzehn und begann, die eigene Haut im Selbstversuch zu malträtieren. Nun ist der magere Oberkörper des Mittzwanzigers zur Leistungsschau seiner Leidenschaft geworden, allerdings muss man sagen, dass es sich dabei um eine eher unglückliche Liebe handelt. Scotts Plan, gemeinsam mit drei Slacker-Freunden ein Tattoo-Restaurant zu eröffnen, in dem die speisenden Gäste noch mehr blutiges Fleisch als nur auf dem Teller erhalten sollen, verkennt das eigene Können. In den Tattoo-Studios von Staten Island ist der junge Mann berüchtigt. Also lebt er immer noch bei seiner verwitweten Mutter in diesem langweiligsten der fünf Boroughs von New York. Als Verheißung fängt die Kamera bisweilen weit hinten auf der anderen Seite der Bay die Silhouette von Manhattan ein. Wenn er dorthin gelangte, wäre Scott Carlin der King. Er ist aber nur „The King of Staten Island“.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So heißt der neue Film von Judd Apatow, den der 1967 geborene Regisseur gemeinsam mit dem mehr als dreißig Jahre jüngeren Stand-up-Comedian Pete Davidson geschrieben hat. Der spielt darin auch die Hauptrolle, und die Biographie von Scott orientiert sich an Davidsons Leben. Beide haben in früher Kindheit ihre Väter verloren, die als Feuerwehrmänner im Dienst starben. Beide leiden an Morbus Crohn, agieren aber so überdreht, als stünden sie permanent unter Drogen. Dieser Komödie ist also mehr als nur ein tragischer Zug eingewebt, und die Oberflächlichkeit von Scotts Freundeskreis (geschweige denn seines Liebesverhältnisses), die in den ersten zwanzig Minuten des Films von Apatow vorgeführt wird, soll wehtun. Lachen über Leiden (auch das eigene im Kino) – nach diesem Rezept funktioniert Hollywood-Komik seit jeher, der Boom an Peinlichkeiten, der auf der Leinwand seit einem Vierteljahrhundert herrscht, treibt das nur auf die Spitze. In der Peinlichkeit steckt die Pein ja mit drin.

          Eskalation auf der verbalen Ebene

          Apatow hat dieser Erfolgsrezeptur kein Jota hinzugefügt. Und auch Davidson ist nicht mehr als nur ein weiterer Virtuose dieser Peinlichkeit, nur eben ein sehr junger, der damit genau die Zielgruppe anspricht, die den größten Teil der amerikanischen Kinogänger stellt. Für sie ist „The King of Staten Island“ gemacht – ein kommerziell legitimes Verfahren, aber wer behauptet, hier würde sonst irgendetwas Neues geboten, dessen Gedächtnis reicht nicht weit zurück, oder er hat noch nicht viel gesehen. „The King of Staten Island“ gleicht dem Oberkörper seiner Titelfigur: zahllose Versatzstücke und Zitate, aber letztlich doch nicht mehr als ein Panoptikum. Es wäre schön, wenn solche Filme einmal unter die Haut gingen.

          Dieses Versäumnis muss den Spaß nicht mindern, vor allem nicht den am ersten Drittel des Films, wenn dessen recht schmales Personal zusammengeführt wird. Als Letzter stößt Ray Bishop dazu, ein schnauzbärtiger Glatzkopf, dessen abenteuerlustiger neunjähriger Sohn von Scott den Punisher in den Oberarm gestochen bekommen wollte, dann aber nach dem ersten Linienzug der Nadel weinend nach Hause rannte. Wie nicht anders zu erwarten, eskaliert diese Situation.

          Wobei eine Eskalation sich bei Apatows Komödien stets auf der verbalen Ebene abspielt. Seine Helden sind natürliche Dampfplauderer, denen eine schlagfertige Replik („Ich hielt ihn für achtzehn“) viel leichter fällt als ein Schlag mit der Faust. Und auch Mr. Bishop erweist sich nach anfänglicher Erregung als eine Seele von Mann, der wie gerufen kommt, um die lange Einsamkeit von Scotts Mutter zu beenden – worauf deren Sohn endlich aus dem Haus hinaus muss. Marisa Tomei und Bob Burr zeigen als spätes Liebespaar, was Pete Davidson als Schauspieler noch zu lernen hat: Personen zu verkörpern, die über die eigene Persönlichkeit hinausgehen. Am Schluss geht sein Scott aber zumindest über die Grenzen von Staten Island hinaus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Kommt es zum neuen Kalten Krieg zwischen China und den Vereinigten Staaten?

          Amerika gegen China : Ein Planet – zwei Welten

          Internet, Finanzsystem und Forschung: Wie im Kalten Krieg droht die Welt wieder in zwei Blöcke zu zerfallen. Wie sich das anfühlen würde, wird immer greifbarer.
          „Monte Kali“: Die Abraumhalde bei Heringen im hessisch-thüringischen Grenzgebiet

          Kalisalzabbau in Thüringen : Der salzigste Fluss Europas

          Die Entsorgung von Abwasser aus dem Kalibergbau in Werra und Weser sollte längst vorbei sein. Aber der Bergbaukonzern K+S beantragt immer wieder eine Verlängerung – sehr zum Ärger Thüringens.

          Öl-Katastrophe : Frachter vor Mauritius auseinandergebrochen

          Der aufgelaufene Frachter bescherte Mauritius die schlimmste Öl-Katastrophe, die der Inselstaat je erlebt hat. Nun hat es das Schiff in zwei Teile zerrissen. 1000 Kilometer vor der Küste soll der Bug versenkt werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.