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Journalismus im Internet : Der neue Wilde Westen

  • -Aktualisiert am

Ausgezeichnet: eine Mitmachseite aus den Rocky Mountains Bild: New west

Bill Gates sagt einen Boom von Online-Zeitungen voraus. In fünf Jahren würden vierzig bis fünfzig Prozent der Leute die Presse im Netz lesen, sagte er dem „Figaro“. In New York fragten sich Zeitungsmacher, was das für sie bedeutet.

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          Was ist ein Wiki? Ein Phlog? Ein Blog? Ein Podcast? Ein Webcast? Die mehr als achthundert amerikanischen Journalisten, die sich in der Online News Association (ONA) zusammengeschlossen haben, wissen das natürlich. Aber müßte nicht auch der Rest der Welt die Antworten kennen? Arthur Sulzberger Jr., der Herausgeber der „New York Times“, weiß, daß er es sich nicht leisten kann, ein elektronischer Analphabet zu bleiben. Mitten in den fortgesetzten Wirren um die Washingtoner Informantenaffäre und einer ganz altmodischen Krise, die der „Times“ von ihrer Reporterdiva Judith Miller und deren weiterhin undurchsichtigen Manövern eingebrockt wurde, hat es sich Sulzberger nicht nehmen lassen, auf der Jahrestagung der ONA aufzutreten.

          Und dort weiß eben jeder, daß ein Wiki den Leser einlädt, im Internet am Text mitzuarbeiten, daß ein Blog das Tagebuch mit dem Kommentar öffentlich verschmelzen läßt und ein Phlog das Ganze noch mit Fotos anreichert, daß beim „Webcast“ Radio oder Fernsehen mit dem Internet gemeinsame Sache machen und ein Podcast es so jedem erlaubt, mit einem iPod oder einem vergleichbaren Digitalspeichergerät persönlich auf Sendung zu gehen, nicht viel anders, als es zuvor nur die Profis zustande brachten. Verfügt nun aber der Amateur über die gleichen oder wenigstens konkurrenzfähige Produktionsmittel, mag der Profi ins Schwitzen kommen. Was er im Internet anbietet, sollte sich schon einmal durch Qualität und maßstabsetzende Produkte auszeichnen. Nicht zuletzt deswegen wurde die ONA 1999 gegründet.

          Journalismus von jedem

          Ihre sechste Jahrestagung, die am vergangenen Wochenende in New York stattfand, stand ganz im Zeichen des Zusammenpralls des traditionellen, in ein strenges Regelwerk eingebundenen Journalismus mit den unregulierten Formen des Blogging und des „participatory journalism“, worunter etwa der Versuch zu verstehen ist, Artikel nach Wiki-Art für die Bearbeitung durch User freizugeben. Bei der „Los Angeles Times“ ging das Experiment fürchterlich schief, im Gegensatz zu Wikipedia, wo sich jeder als Enzyklopädist betätigen kann und die Enzyklopädie doch, cum grano salis, keinen Schaden davongetragen hat, ja vom Einsatz potentiell unzähliger Mitarbeiter profitiert.

          Blendend funktioniert hat dieser Beteiligungsjournalismus während und nach der Katastrophe von New Orleans, als bloggende Bürger Zeitungen ersetzten, die sich bestenfalls im Internet über Wasser hielten, und Nachrichtenkanäle mit selbstgefilmten Augenzeugenberichten versorgten. Journalismus als Volkssport? Auch Al Gore hat den Gedanken längst in die Tat umgesetzt. „Current TV“, die von ihm gegründete Fernsehgesellschaft, lädt den idealen Zuschauer ein, sich in einen Bürger-Journalisten zu verwandeln, der mit der Kamera in der Hand das Wort ergreift und damit das Fernsehen gleichsam direktdemokratisiert. Ein Drittel des Angebots von „Current TV“ besteht bereits jetzt aus Zuschauerbeiträgen.

          „Unser kulturelles Firmament ist in Bewegung“

          Was Wunder, wenn Zeitungsleute erblassen. Sulzberger machte sich und ihnen Mut mit einem Siebenpunkteplan, der das alte Medium in die Lage versetzen soll, im neuen Zeitalter zu überleben, und zwar ohne die bewährten journalistischen Tugenden zu verraten. So müsse Glaubwürdigkeit, garantiert durch ethische Grundsätze bei der Nachrichtengebung, auch online als Fundament jeder journalistischen Betätigung dienen. Wie das freischaffenden Bloggern beizubringen wäre, steht allerdings nicht in seinem Rezept.

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