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Joss Whedon : Realismus ist bloß eine Mode

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Was mich interessiert: Hamlet ist eine Geistergeschichte. Interessanterweise aber eben eine Geistergeschichte aus einer Zeit, als es für so etwas kein Stigma bedeutete, eine Geistergeschichte zu sein. Das lag natürlich teilweise daran, daß die Leute seinerzeit an Geister glaubten. Aber davon abgesehen begriffen sie eben auch, daß das Ding eine phantastische Struktur hat. Die ersten Stücke waren komplett mythisch: Ein Jedermann, der Tod, und plötzlich haben wir dieses Realismusgebot am Hals, aber das ist nur ein Trend. Es ist eine Mode. Das sind doch Leute - diejenigen, die sagen: Ein anspruchsvolles Drama darf keine phantastischen Elemente haben - das sind völlig verstaubte Menschen, die nicht verstehen, was Geschichte ist, wie man Dinge neu macht, wie man einen Kreis schließt. Ich will jedenfalls so schreiben, daß dieses Wissen darin eine Rolle spielt.

Wenn man über Stephen King oder Sie schreibt, führt das immer irgendwann alles zurück zu Charles Dickens, der eigentlich kein phantastischer Autor ist, aber doch so stilprägend für diese gesamte…

Ich habe es schon öfter gesagt: Er ist mein liebster Schriftsteller. Ich habe gerade zum ersten mal „Dombey and Son“ gelesen, und es hat mich zerschmettert. Ich hatte das nie wahrgenommen, es gehört nicht zum Kanon der Hauptwerke, aber es war so bewegend, es ist so viel Schmerz darin. Es geht um Eltern, die sich irren, und das ist ja das große Thema schlechthin, mein Lieblingsproblem. Ich liebe meine Eltern, aber so ist es doch, alles fühlt sich immer wieder an wie ein großer Generationenirrtum. Dickens ist der strahlendste, romantischste und phantastischste, umfassendste Autor, den ich je gelesen habe, und er macht den Menschen das Leben so schwer, daß sie ihre außergewöhnlichste Seite entwickeln, ihre Exzentrizitäten werden etwas Magisches, Dämonisches. Dieser Man kann einen Witz blitzen lassen auf eine Art, von der (Fernsehautor und Erfinder von „Wonderfalls“) Tim Minear nur träumen könnte, und Tim ist schon sehr gut. Dickens macht diese Witze, weil er die Menschen dafür verehrt, daß sie so seltsam sind.

Und es ist nie herablassend, selbst der letzte Analphabet, der ärmste Irre…

Der lächerlichste Narr ist der Held seines eigenen Glücks. Und dieses Mitgefühl ist für mich bewegender als irgend etwas anderes, was ich je gelesen habe. Und das Phantastische - nun, es ist lange her, verzeihen Sie, wenn ich mich irre, aber ich glaube es war in „Bleak House“, wo eine Figur durch Selbstentzündung verbrennt.

Ja, in dem alten Papiergrab.

Und so, wie Dickens es erzählt, akzeptiert man das umstandslos - ein sehr früher magischer Realismus, man glaubt es ihm einfach. Er hebt es empor auf eine so hohe Ebene der Metapher, und zugleich vergißt er nie die Tragweite des Umstands, daß diese Sache tatsächlich passiert. Nun, er war eben ein Gott.

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