https://www.faz.net/-gqz-rh65

Joss Whedon : Realismus ist bloß eine Mode

  • Aktualisiert am

Man hat es gerade noch mal geschafft, und dann stirbt jemand.

Genau. Das Leben ist eine lange Folge von Überraschungen. Und die Genres der Kunst sind oft so versteinert, daß dafür kein Platz mehr bleibt. Wenn man dagegen etwas unternehmen will, wird einem Humor sofort sehr wichtig. Aber es muß Humor im Kontext des Dramatischen sein - deshalb habe ich aufgehört, für Sitcoms zu schreiben.

Sie waren Autor für „Roseanne“, richtig?

Ja, und ich habe die Serie geliebt, weil sie sehr aufrichtig war. Aber Humor um seiner selbst willen hat mich irgendwann ermüdet. Deshalb haben wir die Geschichten für „Buffy“ immer in den Begriffen des Dramas entwickelt. Wissen Sie, manchmal hatten wir natürlich auch eine hübsch farcenhafte Idee, dann rennen alle dort hinüber und tun dies und jenes und haben Spaß, und das war schön und gut. Aber im Großen und Ganzen sind wir die Sache als Drama angegangen, es ging darum: Was steht hier für die Leute auf dem Spiel? Und nicht nur das, ich habe meinen Autoren auch verboten, lustige Randbemerkungen in die Drehbücher zu basteln. Schreibe nichts, das sich nicht so anfühlt, als würdest du es gerade vor dir sehen. Und als ich dann selbst solche Späße in das Pilotfolgen-Drehbuch für „Firefly“ eingebaut habe, sagte meine Frau: „Also, mein Junge, Vorsicht!“

Vor zehn Jahren hatte ich ein Gespräch mit dem Comic-Autor Neil Gaiman, und da sagte er: Es spielt gar keine Rolle, wie anspruchsvoll und sorgfältig man in Sachen Science-fiction, Fantasy oder Comics wird, in den Augen der Allgemeinheit sitzt man trotzdem im Gully. Das hört sich heute, zehn Jahre später, unglaublich defätistisch an, nachdem es wirklich gute Superhelden-Filme gegeben hat und das Phantastische sich insgesamt…

Lustig, daß Sie das sagen, denn ich habe vor ein paar Wochen selbst das erste mal mit Neil Gaiman geredet, für's TIME Magazine, und da hat er auch den Gully erwähnt.

Das beschäftigt ihn also immer noch. Aber manchmal frage ich mich doch, ob es das Genre an sich, als Ort, an dem man manche Dinge besser versteht als irgendwo sonst, überhaupt noch gibt, in dem Sinne, daß…

Ich finde es sehr interessant, wie sehr das Genre immer noch ghettoisiert oder gullysiert ist. Ich habe einen Saturn Award gewonnen, das ist natürlich eine Genre-Angelegenheit, und ich stand also auf dieser Bühne und sagte: Jedesmal, wenn man im Genre etwas wirklich Hübsches macht, kommt jemand und sagt: Diese Arbeit sprengt wirklich das Genre. Ich glaube nicht an diese Genre-Sprengerei. Ich glaube ans Genre. Ich glaube, daß die Science-fiction uns großartige Möglichkeiten eröffnet.

Diejenigen, die das Genre geschaffen haben, haben es jedes Mal gesprengt. Dazu ist es ja da.

Sagt irgendjemand, daß „Driving Miss Daisy“ das Genre des Auf-der-Grundlage-eines-Theaterstücks-mit-einer-alten-Frau-hinten-im-Auto-gedrehten-Films gesprengt hat? Außerdem hat der Film genau das nicht getan. Einerseits ist es also immer sehr unbefriedigend, solches Gerede hören zu müssen, denn Science-fiction gibt einem ja wirklich die Möglichkeit, auf eine ganz besondere Art und Weise über die menschliche Wirklichkeit zu sprechen. Auf eine Art und Weise, die jeden angehen kann, denn alle können sich mithilfe dieser Formen weit genug von ihrem Alltag entfernen, um sich zu etwas oder jemand anderem in neue Beziehungen zu setzen. Wen man irgendwas über Muschelsucher oder eine Rap-Gruppe oder sonst etwas ganz besonders Gegenwärtiges veranstaltet, kann man natürlich auch wichtige und schöne Dinge über das Menschsein sagen, aber in der Science-fiction kannst du sein, wer du sein willst.

Weitere Themen

Topmeldungen

Der Europarat in Straßburg

Stimmrecht im Europarat : Die Russen sind schon in der Stadt

Ein Akt der Verzweiflung in 220 Teilen: Wie die Ukraine versucht, in letzter Minute die Aufhebung der Sanktionen gegen die russischen Abgeordneten in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats zu verhindern.
CDU-Politiker Friedrich Merz, die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrrenbauer und Michael Bröcker, Chefredakteur der „Rheinischen Post“

Kramp-Karrenbauer trifft Merz : Düsseldorfer Duett

Die in Bedrängnis geratene CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer und der ihr im Dezember knapp unterlegene Friedrich Merz präsentieren sich bei einer Live-Talkshow als harmonisches Team der ehemaligen Rivalen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.