https://www.faz.net/-gqz-rh65

Joss Whedon : Realismus ist bloß eine Mode

  • Aktualisiert am

Das Vakuum kommt vor, und sogar die Langeweile, die zu diesem Schmerz gehört. Und dann streckt das Mädchen die Hand nach seiner toten Mutter aus, und wir sehen nie, wie sie sie berührt. Ich habe absichtlich gesagt: Hier gibt es keine Katharsis, hier gibt es keine Heilung, so ist es eben. Und das hat die Leute bewegt. Viele Menschen hatten dadurch ein kathartisches Erlebnis, gerade das Erlebnis, das ich bewußt nicht zeigen wollte - eben weil ich es nicht gezeigt habe und sie deshalb sagen konnten: So fühlt sich das an. Das hatte ich nicht erwartet. Und genau in diesem Sinne handelt „Serenity“ eben nicht davon, ob es der Alliance am Ende gelingt, das Universum sicherer, schöner, aufgeklärter zu machen. Es geht um die Menschen, es geht um diesen Moment. Es gab einen Krieg, und wir haben ihn verloren, jetzt haben wir gar nichts. Woher kommt unsere nächste Mahlzeit? Wem können wir sie stehlen? Jeder kann damit was anfangen, mit dieser Person. Diesem winzigen Ausschnitt.

Was ich in der Science-fiction sehen wollte, was mir gefehlt hat, war so etwas. Ich werde natürlich in meinem Film nichts sagen, das absichtlich gegen das gerichtet ist, woran ich glaube. Aber genausowenig werde ich etwas sagen, das so wunderbar auf Linie gebracht ist mit meinen eigenen Ansichten, daß die Fiktion, die mythische Erzählung, meiner Polemik zum Opfer fällt. Das wäre nicht Geschichtenerzählen. Deshalb ist Verantwortung eine so zweischneidige Angelegenheit, denn das erste, was ich übers Erzählen lernen mußte, das erste, was ich bei „Buffy“ gemerkt habe, ist, daß die wichtigste Verantwortung des Geschichtenerzählers darin besteht, unverantwortlich zu sein. Er muß die Orte aufsuchen, die er nicht unbedingt für sicher hält, die ihm nicht unbedingt als anständig einleuchten. Menschen zu Objekten machen, alles tun, was böse ist, kleinen Kindern Angst einjagen - denn da kommen die Geschichten her. Sie stammen von unserem Bedürfnis ab, uns mit diesen Dingen auseinanderzusetzen, und wenn man den dunklen Ort nicht aufsucht, hat man es nicht verdient, an den hellen Ort zu gelangen.

Sie sind ein Autor, der die Dinge mischt, der umschaltet und schichtet Es geht um Gegenüberstellung, nicht um Verstärkung. Das ist der Punkt, an dem dann zum Beispiel einige Buffy-Romane, die ja von anderen Leuten geschrieben werden, manchmal entgleisen - sie nehmen den Witz der Dialoge mit hinüber in die Erzählpassagen. Sie schreiben so nicht - Sie bringen den lustigen Dialog, aber eingebettet in eine Oper.

Zum Ersten ist das wieder eine Sache der künstlerischen Absicht: Das Leben bewegt sich nicht zwei Stunden lang in derselben Stimmung. Es gibt natürlich Filme, bei denen das so ist, auf brillante und hypnotische Weise. Ich bin ein großer Bewunderer von „Gattaca“ und sogar von Soderberghs „Solaris“. Aber wie ein Freund von mir einmal bemerkt hat: Das ist ein Zug, der einen Bahnhof verlässt, und wenn du nicht drin sitzt, wirst du nur zugucken können, wie er abfährt, denn die Zeit zum Einsteigen ist vorbei. Und ich verstehe das. Und wenn ich so etwas sehe, und es ist vollendet gemacht, dann findet es meinen Beifall. Aber für mich ist das Aufregende am Leben, daß man manchmal mitten im schlimmsten Kummer steckt und dann passiert einem das Lustigste, was man je erlebt hat. Man ist mit etwas Traumatischem konfrontiert, und auf einmal geschieht etwas sehr Romantisches, und umgekehrt.

Weitere Themen

Topmeldungen

Erdogans Akademiker : Der Rest ist Propaganda

Wer dachte, eine Tagung des Zentrums für Türkeistudien in Essen würde die Lage der Universitäten am Bosporus kritisch beleuchten, sah sich getäuscht: kein Wort von Erdogans Säuberungen, nur Lob für den Potentaten.

AKK zu Wahl in Görlitz : Schon wieder vertwittert

Wieder sorgt die CDU-Vorsitzende mit einem Tweet für Ärger. Die Niederlage der AfD in Görlitz sei ein Zeichen für die Stärke der CDU, twittert AKK – und unterschlägt dabei, dass vor allem ein breites überparteiliches Bündnis den AfD-Sieg verhindert hat.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.