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Joss Whedon : Realismus ist bloß eine Mode

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Ja, diese Türen muß man selber aufmachen. Und es gibt eine Toilette - sie ist bloß verschwommen im Hintergrund einer Aufnahme zu sehen, aber sie ist vorhanden. Genau wie das Waschbecken. Im Pilotfilm zur Serie haben wir das gezeigt, im Film ist es hinter der Postkarte, ich hab's mit reingenommen, um zu sagen: Es ist schon noch da, nur daß ihr's wisst. So nehme ich die Sachen auf, die Kamera-Objektive, ich bleibe gern möglichst nah dran. Ich habe Decken bei allen Sets, damit man reinkommen und drin sein kann, ich hasse diese weiten, Eindruck schindenden Filmaufnahmen.

Angeberkino: Wie schön!

Wissen Sie, alles ist schön, wenn man weit genug zurückfährt. Ich halte das einfach nicht aus. Ich meine, es gibt eine passende Zeit dafür, es ist manchmal angemessen, aber auf diese Momente muß man warten können. Ich benutze ein intimeres Objektiv, ich sehe mich um, aha, also hier sind wir. Das Set Design, die Requisiten, wir machen das alles mit der äußersten Sorgfalt.

Sie sind so etwas wie der Meister der menschlichen Befangenheit auf kurze Distanz.

(lacht)

Nicht ganz geglückte Kommunikation, nicht wirklich intime Gespräche - lernt man als Autor fürs Fernsehen besonders gut, wie man so etwas erforscht und verfeinert, weil man die Leute so oft sehr nah filmen kann?

Nun ja, es ist schon lustig. Sie sprechen von Befangenheit, und tatsächlich jagt mir Befangenheit Angst und Schrecken ein - wenn Leute sich zum Affen machen oder lügen, wenn jemand sich im Fernsehen blamiert, halte ich mir immer noch die Hände vor die Augen, buchstäblich, weil mich so was wahnsinnig macht. Tja, ich neige dazu, Leute zu schreiben, die sich wenigstens irgendwie auszudrücken versuchen. Simon (Tam, in „Firefly“ und „Serenity“ gespielt von Sean Maher) zum Beispiel, der liebe Gott weiß es, ist der Meister des falschen Worts zur falschen Zeit, besonders in (der „Firefly“-Folge) „The Message“, mit Kaylee (Jewel Staite) vor diesem Einmachglas. Ich liebe es eben, zwei Leute in einen Raum zu stellen, besonders, wenn es sich um eine romantische Szene handelt - zwei Menschen, die ihre Absichten einfach nicht pragmatisch ordnen können. Ich kann dem Umstand nicht entfliehen, daß es eine romantische Szene ist, und die beiden können es auch nicht, und das macht sie nur noch verbissener oder verwirrter. Ich liebe es, so etwas zu schreiben.

Filmästhetik und Politik - Wenn man glaubt, daß es falsch ist, Menschen zu zwingen, so zu denken, wie man selbst denkt, oder sie mit technokratischen Mitteln zu friedfertigen Tieren abzurichten - eine Anschauung, die Sie sehr leidenschaftlich mit diesem Film vermitteln - dann fragt sich doch, welche Verantwortung hat ein Regisseur und Autor, dem Publikum zu gestatten, „seinen eigenen Subtext herauszulesen“ - ein Motto, mit dem Sie oft zitiert werden - und wie man so einer Verantwortung gerecht werden kann.

Das Wort „Verantwortung“ ist ungeheuer wichtig. Eine sehr zweischneidige Angelegenheit. Irgendwann muß man eine Behauptung riskieren, eine Überzeugung artikulieren, wie ich Leute in diesem Film ungefähr neun mal sagen lasse. Und man muß dafür etwas wagen, dazu stehen. Aber man sollte auch sichergehen, daß das, was man da sagt, etwas ist, das die Menschen auf ihre Art auseinandernehmen und diskutieren können. Tatsächlich habe ich sehr deutliche linke, vielleicht auch ein paar durchaus radikale Überzeugungen - so bin ich aufgewachsen, daran glaube ich. Aber vielen recht konservativen Menschen bedeutet dieser Film eine Menge.

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