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Kinofilm „Nope“ : Pferde und Außerirdisches

  • -Aktualisiert am

Suchen wohl gerade die Pferde: OJ Haywood (Daniel Kaluuya, links), Emerald Haywood (Keke Palmer, in der Mitte) und Angel Torres (Brandon Perea, rechts) Bild: Universal

Eine Legende von Dingen, die Hollywood nie wissen wollte: Jordan Peeles Horror-Western-Genremix „Nope“ ist ein filmisches Erlebnis ersten Ranges.

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          Mit seinen „Fragen eines lesenden Arbeiters“ schuf Bertolt Brecht eine Vorlage, die sich auf jedes erdenkliche Wissensgebiet anwenden lässt. So auch auf die Filmgeschichte, in der die gleichen Verzerrungen und Engführungen auf große Namen zu verzeichnen sind wie in den Erzählungen von Theben, Cäsar oder Alexander dem Großen.

          In Jordan Peeles neuem Film „Nope“ gibt es eine Szene, die direkt von Brecht inspiriert sein könnte. Zu sehen ist eine der berühmtesten Aufnahmen des frühen Kinos: ein Pferd, dessen Lauf von Eadweard Muybridge so fotografiert wurde, dass sich aus der Abfolge der Bilder ein Eindruck von Bewegung ergab. Damit war das Prinzip des Kinos gefunden. Und in der historischen Eile, die daraus entstand, stellte niemand die scheinbar nebensächliche Frage: Wer saß eigentlich auf dem Pferd?

          Historisch wird sich das nicht mehr eruieren lassen, aber „Nope“ wartet dazu mit einer Geschichte auf. Der erste Filmstar überhaupt war Afroamerikaner, ein Schwarzer, den sich in der Gegenwart die Firma Haywood Hollywood Horses als Ahnherr auf die Fahnen schreibt: Alistair E. Haywood. Seine Nachfahrin Emerald Haywood, die mit ihrem Bruder Otis jr. den Betrieb von ihrem kürzlich verstorbenen Vater übernommen hat, präsentiert das Detail von dem schwarzen Jockey wie einen Clou, mit dem sie die heutige Unterhaltungsindustrie beeindrucken könnte. Aber die Reaktionen bleiben unterkühlt, und als dann das Pferd, das Otis jr. zum Casting gebracht hat, auch noch ausschlägt, sieht wieder einmal alles nach einem schlechten Tag für die Haywoods aus. Wie sich zeigt, ist das aber noch das geringere Problem. Denn „Nope“ hat einige weitere Herausforderungen für das ungleiche Geschwisterpaar parat. Herausforderungen, die über die Fragen lesender Arbeiter deutlich hinausgehen.

          Als in Kalifornien die Filmindustrie Fuß fasste, war der Wilde Westen schon beinahe ein Mythos, zu dem Hollywood dann eine Menge beitrug. Inzwischen ist auch die Zeit des Genres im wesentlichen vorbei, das man auf seinem Höhepunkt gern auch als „Pferdeoper“ bezeichnete.

          Die Haywoods müssen wir uns als Zulieferer zu diesem Western-Boom denken, den der Vater vielleicht noch erlebt hat – ein „horse wrangler“, der zum Showgeschäft gehört und auch wieder nicht. „Nope“ bleibt zwar weitgehend im Einzugsgebiet von Hollywood, spielt aber doch in einer Gegend, die abgelegener und verwunschener kaum sein könnte. Mentale Geographie und bedeutsame Landschaft sind ein entscheidender Aspekt in dieser Geschichte. Kaum sind wir mit den Umständen halbwegs vertraut, stirbt der Patriarch der Haywoods durch einen seltsamen Unfall, der unter „fiel wohl was aus einem Flugzeug“ verbucht wird. Das Röntgenbild seines Kopfes, durch den ein Schnitt geht, der auch das rechte Auge halbierte, ist eines der ersten Schocksignale in „Nope“.

          Der Sohn Otis Junior, genannt OJ, soll also das Traditionsunternehmen weiterführen, unterstützt von seiner dynamischen, aber nicht immer verlässlichen Schwester Emerald, genannt Em. Aber so, wie der großartige Daniel Kaluuya den OJ spielt, trägt der eher noch die vielen Jahrzehnte der Marginalisierung mit sich herum, in denen das Pferdegeschäft der Haywoods irgendwie sein Auskommen finden musste. Hollywood mag nur ein, zwei Hügel entfernt sein, aber hier draußen bei den Haywoods ist nicht viel.

          Ein Land hinter und über allem

          Außer einem heruntergekommenen Western-Themenpark, der mit einem vielsagenden Schild in Richtung Osten endet: hier beginnt Out Yonder, also ein Land hinter allem, ein Land, wie sich bald herausstellt, auch über allem. Ein Land nicht zuletzt der wagemutigen Genremischung. Es gab zwar schon mehrfach Kreuzungen von Western und Science-Fiction, aber dabei hat nie jemand versucht, ernsthaft den Geist von John Ford und von Ed Wood mit gleichem Recht und gleicher Leidenschaft zu beschwören. Das aber ist in etwa das Projekt von „Nope“.

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