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John Malkovich zum Sechzigsten : Ein bisschen Regie führt er immer

Die Sympathieträger und gutaussehenden Kollegen, die ihm in seinen Filmen zum Fraß vorgeworfen werden, reißt er aufs Schönste aus ihren Routinen: Dem Schauspieler John Malkovich zum Sechzigsten.

          3 Min.

          Fürs raffiniertere Charakterfach bringt John Malkovich wie seine Kollegen Willem Dafoe, Malcolm McDowell oder Steve Buscemi einen unfairen Startvorteil mit: Er sieht nicht hübsch, sondern interessant aus – nicht nach teurem Rasierwasser, Schlafzimmerblick und Haargel, sondern nach Bürgerkrieg, Schnaps und schlechtem Wetter (die Herkunft mag schuld daran sein: Der Vater des Amerikaners stammt aus Kroatien, die Mutter aus Schottland). Einfallslose Besetzungspolitik und grob gedachte Regie missbrauchen deshalb seinen scharfgeschnittenen Katzenkopf und die entsprechend bedrohliche, mal weiche, dann wieder kriechstromgeladen schnarrende Stimme gern zur möglichst überdeutlichen Darstellung von markantem Missmut, bissiger Verschrobenheit, erotischer Abwegigkeit, mystischer Verzückung oder mühsam gezügeltem Groll auf alles Mögliche.

          Dietmar Dath
          (dda.), Feuilleton

          Wenn er gerade Geld braucht oder sich langweilt, spielt er dabei auch immer gerne mit – das erklärt jedenfalls irritierende Auftritte wie den als Karl VII. von Frankreich in Luc Bessons sensationell verstrahltem Heilige-Johanna-Schinken „Jeanne d‘Arc“ (1999), als Karl II. von England in Laurence Dunmores hysterischem Sexknallbonbon „The Libertine“ (2004), das Malkovich sogar koproduziert hat, damit der schöne Johnny Depp in der Hauptrolle sich nach Strich und Faden blamieren kann, oder auch (gut versteckt) als Abimael Guzmán, philosophisch unterrichteter Terrorprophet des peruanischen „Leuchtenden Pfades“, in der verblüffend abstrakten Hochzeit von Politkrimi und Ionesco-Theater „The Dancer Upstairs“ (2002), bei der Malkovich höchstpersönlich (und erkennbar nietzscheanisch: mit dem Hammer) Regie geführt hat.

          Die feindliche Übermacht

          Ein bisschen Regie führt er allerdings stets, wenn er irgendwo für irgendwen als irgendwer oder irgendwas vor die Kamera tritt. „More colour, more movement, more panache!“ herrscht er etwa als Wellington in Valeria Sarmientos „Linhas de Wellington“ (2012) sein Gegenüber Vincent Perez in der Rolle des Malers Henri Lévêque an, nachdem er den Armen mit einem brüsken Ausfallschritt vom Schreibtisch zur Staffelei aus seiner inspirierten Tagträumerei gerissen hat – eine Schroffheit, durch die der ganze schwerfällige, ja bockig erzählunwillige Film plötzlich Fahrt aufnimmt.

          Nicht nur wirkt Malkovich in solchen Momenten, deren unbestreitbar größter seine aggressiv ungeduldige Konfrontation mit John Cusack unter niedriger Zimmerdecke in Spike Jonzes „Being John Malkovich“ (1999) ist, jedes Mal so, als müsse er nach den Dreharbeiten (und den Ereignissen, die sie gestalten sollen) sofort weiter zu dringenderen Geschäften. Darüber hinaus sind diese Szenen die äußerste Verdichtung eines Verfahrens, das die Sympathieträger und gutaussehenden Leute, die bei geschickter Regie und kluger Besetzungspolitik Malkovich zum Fraß vorgeworfen werden, aus ihrer Routine reißt, in die man wohl verfällt, wenn man weiß, dass man angenehm anzuschauen ist. Er zwingt sie, sich ihm mit derselben Intensität zu widersetzen, mit der er ihnen zu nahe tritt – bis sie den Figuren, die sie verkörpern, in schierer Notwehr genauso scharfe Konturen geben wie er den seinen. Das musste Perez als von Wellington gedeckelter Künstler so schnell und schutzlos lernen wie Gary Sinise in der Steinbeck-Verfilmung „Of Mice and Men“ (1992), in der Malkovichs Porträt des einfältigen Lennie den vielseitigen und klugen Kostar fast zu erdrücken drohte und damit Sinise, weil dieser auch Regie führte, vor eine doppelte Herausforderung stellte. Der naheliegenden Versuchung, durch Inszenierungstricks die schauspielerische Unterlegenheit auszugleichen, hat Sinise dank hinreichendem Sportsgeist widerstanden; der riskante – und letztlich gelungene – Film wäre sonst wohl daran zerbrochen.

          Die höchste Verfeinerung erreichte Malkovichs Prinzip, seine Mitspieler mit ungebremstem Bravour unter permanenten Zugzwang zu setzen, naturgemäß in „Being John Malkovich“, wo man John Cusack förmlich ansieht, dass er sich auch dann an der feindlichen Übermacht abarbeitet, wenn Malkovich gar nicht im Bild ist. Die abwechselnde Latenz und Präsenz desjenigen, der in diesem Film ja nicht nur sich selbst spielt, sondern auch noch vormachen darf, wie der andere ihn spielen müsste, wenn er das denn könnte, haben Cusack zur atemlosesten, mitreißendsten Leistung seiner Karriere weniger gereizt als genötigt. Wer, wie Malkovich, einem Kollegen so ein Geschenk machen kann, darf sich einiges darauf zugutehalten. An diesem Montag wird John Malkovich sechzig Jahre alt.

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