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Filmfestspiele Venedig : Kein Ausweg am Ende der Straße

  • -Aktualisiert am

Vater und Sohn auf dem Weg zum Meer: Szene aus John Hillcoats Film „The Road” Bild: Biennale di Venezia

Hoffnungslosigkeit ist beim einen der Weltenbrand, beim anderen ein Vorstadtphänomen. John Hillcoat und Todd Solondz zeigen ihre Filme in Venedig.

          3 Min.

          Ein Vater, der mit seinem Jungen durch eine graue postapokalyptische Welt zieht, in der es dauernd regnet - das klingt wie einer jener Filme von Tarkowskij oder Sokurow, in denen letzte Dinge der Menschheit verhandelt werden. Es handelt sich aber um die Verfilmung von Cormac McCarthys letztem Roman „The Road“, dessen vorherige Lektüre nach Aussagen von Gewährsmännern der Adaption durch den Australier John Hillcoat nicht unbedingt guttut. Wie das aussehen könnte, wenn man McCarthys schroffe Prosa mit einem lakonischen Stil zusammenbringt, haben die Coen-Brüder mit „No Country for Old Men“ vorgeführt - Hillcoat hingegen scheint unentschlossen, wie viel Freiheiten er sich nehmen kann, inszeniert manchmal buchstäblich, manchmal allegorisch, will Literaturverfilmung sein, aber auch als Genrefilm funktionieren. Sein Film „The Road“ ist vielleicht sogar besser, als das klingt, aber eben auch nicht so radikal wie nötig.

          Viggo Mortensen gibt den Vater mit großer Jesushaftigkeit, Charlize Theron ist in kurzen Rückblenden als Mutter zu sehen, und der Besetzungscoup besteht darin, dass der junge Kodi Smit-McPhee ihr wie aus dem Gesicht geschnitten scheint - weshalb die Erinnerung an die Mutter auf der Odyssee der beiden ständig fortlebt. So kann man auch nie vergessen, dass die Mutter aus freien Stücken aus dem Leben geschieden ist, weil sie Hunger und Hoffnungslosigkeit nicht mehr ausgehalten hat. Was genau passiert ist, erklären Film und Buch nicht. Es muss genügen, dass die Figuren hineingeworfen sind in eine Welt, die immer kälter wird, in der nichts mehr wächst und lebt, keine Insekten, keine Vögel, nur noch ein paar versprengte Menschen, die sich durch Kannibalismus am Leben halten.

          Wenn Vater und Sohn versuchen, sich nach Süden zum Meer durchzuschlagen, dann müssen sie sich immer wieder vor marodierenden Banden in Acht nehmen, die sich in Tunneln versteckt oder in Häusern verbarrikadiert haben und von dort auf Menschenjagd gehen. Das ist im Grunde der Plot für einen Horror- oder Zombiefilm (dessen Meister George A. Romero nächste Woche am Lido mit „Survival of the Dead“ erwartet wird) - und Hillcoat, der mal „Ghosts ... of the Civil Dead“ gedreht hat, weiß auch, was er dem Genre schuldig ist. Erst begegnen Vater und Sohn einem Trupp auf einem Monster-Truck wie „Mad Max 2“, dann finden sie in einem verlassenen Haus ein Kellerverlies, in dem Menschen als Nahrungsvorrat gehalten werden - und ganz generell wechselt Hillcoat geschickt zwischen der Bedrohung durch die öden Weiten und der durch Räume, die zu Fallen werden können.

          Allein in einer lebensfeindlichen Welt gegen die Kannibalen: Kodi Smit-McPhee und Viggo Mortensen
          Allein in einer lebensfeindlichen Welt gegen die Kannibalen: Kodi Smit-McPhee und Viggo Mortensen : Bild: Biennale di Venezia

          Weder Trost noch Ausweg, noch Hoffnung

          Die Herausforderung für den Vater besteht darin, dem Jungen, dem er immer wieder predigt, dass sie zu den Guten gehören, weil sie kein Menschenfleisch essen, zu erklären, warum es in Ordnung ist, einen Mann in Notwehr zu erschießen, einem halbblinden Alten (Robert Duvall) nicht zu helfen oder einen anderen, der sie ihrer Vorräte beraubt hat, seinerseits nackt seinem Schicksal zu überlassen. Sich zwischen Gut und Böse in einem Genre, das von der Sympathie für den Teufel lebt, für die Menschlichkeit zu entscheiden, das ist auch für den Regisseur eine Herausforderung, die er im Grunde beachtlich meistert. Aber das Anziehende am Horrorfilm ist eigentlich, dass er all dies auch immer schon mitdenkt - und zwar ohne die Umwege, die Hillcoat der Vorlage schuldig zu sein glaubt.

          Horrorfilme der ganz anderen Art sind die Filme von Todd Solondz. Sie erzählen von den Abgründen der Normalität, dem Horror der Peinlichkeit und dem Schrecken einer Gesellschaft, die für ihre Sprachlosigkeit nur noch Worthülsen bereithält. Solondz setzt in „Life During Wartime“ die bizarre Geschichte aus „Happiness“ (dem Film, der uns Sperma am Balkongeländer als Schlusseinstellung geschenkt hat) fort, zehn Jahre später und mit völlig neuer Besetzung, die sich weder an Alter noch Hautfarbe des Originals hält. „Happiness“ hatte einer Vokabel wie „dysfunktional“ eine Dimension verliehen, von der Woody Allen wahrscheinlich noch nicht einmal albträumen kann, denn hinter dem schüchtern tastenden, von Selbsthilfebüchern gesteuerten und von Psychotherapie abgefederten Beziehungs-Kauderwelsch seines hyperneurotischen Personals verbergen sich stets die schlimmsten Perversionen - in dieser Diskrepanz steckt auch hier in „Life During Wartime“ der ganze Witz. Und der hat sich nach ein paar Szenen erschöpft.

          Spätestens wenn man hört, wie sich eine Frau auf dem Anrufbeantworter bei ihrem Ex-Mann entschuldigt, während die Kamera langsam durchs Zimmer schwenkt, um auf dem Mann zu enden, der mit einer Pistole in seiner Blutlache auf dem Boden liegt, hat sich der schwarze Humor in Selbstgefälligkeit aufgelöst. Am Ende wirkt der Film wie die Bestandsaufnahme einer zu Tode therapierten Gesellschaft - und der wahre Schrecken liegt darin, dass Solondz weder Trost noch Ausweg, noch Hoffnung bereithält. Menschlichkeit ist für ihn jedenfalls keine Option.

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