https://www.faz.net/-gqz-t0j1

Johannes Heesters : Man müßte zivil bleiben können

  • -Aktualisiert am

Heesters mit Gabi Reismüller in „Frech und verliebt”, 1944 Bild: Akademie der Künste

Der Herr im Frack taugte nicht für soldatischen Drill: Die Berliner Akademie der Künste präsentiert das Phänomen Johannes Heesters. Der wird, fast 103 Jahre alt, zur Eröffnung der Ausstellung mit einigen Liedern auftreten.

          3 Min.

          Alten Operetten, bombastisch neu aufgemacht, gehört in Klaus Manns Roman „Treffpunkt im Unendlichen“ die Zukunft: „1932, das heißt Restauration mit amerikanischem Schmiß.“ Was Mann beschrieb, analysierte später Siegfried Kracauers „Von Caligari zu Hitler“ als Übergang der Revue in die Wirklichkeit des Dritten Reichs. Deutsche Bataillone paradierten wie die Tillergirls, in Revuen wurde so schmissig agiert wie auf Truppenübungsplätzen. Das allein hätte nicht genügt, Millionen Deutsche in Bann zu schlagen. Zur Euphorie, die die Wirklichkeit überblendete, bedurfte es charismatischer Leitfiguren wie Zarah Leander, Marika Rökk und Hans Albers. Oder Johannes Heesters, dem die Berliner Akademie der Künste jetzt in ihrem Gebäude am Hanseatenweg eine Ausstellung gewidmet hat.

          „Unsere Arbeit“, so wird er zitiert, „war wohl die verlogenste, die es in jener Zeit gab.“ Respektheischendes Bekenntnis eines einst genialen Lügners und Soldaten der Unterhaltungsfront? Nein, der Mann, der im Hanseatenweg auf Monitoren über Bühnen tänzelt, Diven anschmachtet und mit leicht verschattetem Tenor mühelos Arien intoniert, ist alles andere als ein soldatischer Typus, dem die graue Uniform ebenso gut stünde wie der Frack. Das ist schon eher bei der ihm häufig als Partnerin zugeteilten Marika Rökk der Fall. Sie wirft die Beine so exakt wie ein Feldwebel, dreht ihre Pirouetten so präzise wie ein Flakgeschütz und schmettert ihre Lieder so taktgenau wie ein Tambourmajor. Sie soldatisch, er gelenkig - doch effeminiert, oder, wie es im damaligen Sprachgebrauch hieß, „weibisch“ wirkte Heesters nie, sondern unerhört lässig, zivil. Ein Bonvivant, eher italienisch leichtfüßig denn holländisch gestanden, so erschien er auf der Bühne und der Leinwand. Daß er auch die Härte und Häme skrupelloser Verführer beherrschte, zeigte er erst sehr viel später, als ausgelaugter greiser „Casanova auf Schloß Dux“ 1986 zum Beispiel oder 1960 in einer Musicalversion von „Bel Ami“.

          Charme eines unschuldigen Verführers

          Im „Dritten Reich“ aber, auf dem ersten Höhepunkt seines bis heute anhaltenden Erfolgs, strahlte Johannes Heesters den Charme eines unschuldigen Verführers aus, erschien, wenn er bei den Wunschkonzerten zur Unterhaltung der Wehrmacht auftrat, wie das bessere Ich der Soldaten, verkörperte, was sie gerne gewesen wären und sein wollten, wenn erst der Krieg zu Ende ginge.

          Hochzeit mit der belgischen Operettendiva Louise Ghijs, 1930
          Hochzeit mit der belgischen Operettendiva Louise Ghijs, 1930 : Bild: Akademie der Künste

          Das scheint das Erfolgsgeheimnis des Johannes Heesters jener Ära gewesen zu sein, seine Grazie, sein unterschwellig un-, wenn nicht antimilitärisches Gebaren. Unschuldig blieb er nicht: Zwar ging er 1938 mit dem Fritz-Hirsch-Ensemble, einer Truppe jüdischer Emigranten, auf Tournee durch die Niederlande. Aber dies war kein demonstrativer Akt, sondern Naivität eines notorisch Unpolitischen. Dieselbe Naivität, vielleicht aber auch Angst, weil er 1940, nach der deutschen Besetzung der Niederlande, mehrere Wochen in „Schutzhaft“ gesessen hatte, ließ ihn 1941 gehorchen, als er zum Besuch des Konzentrationslagers Dachau geladen wurde. Er wurde ihm zum bis heute nicht verziehenen Makel bei seinen Landsleuten und erregte in den siebziger Jahren auch in Deutschland noch einen späten Skandal. Anders aber als viele seiner Kollegen jener Zeit verharmloste er das Geschehen nicht im nachhinein: „Ich schämte mich und habe bis heute nicht aufgehört, mich zu schämen“, erklärte Johannes Heesters.

          Schauspieler und nichts anderes

          „Schauspieler wollte ich werden und nichts anderes.“ Mit diesem Bekenntnis Heesters' eröffnet die Ausstellung, die bestückt ist aus seinem Privatarchiv, das er 2004 der Akademie übergab. Man sieht frühe Rollenportraits, die ihn als Anfänger auf Amsterdamer Sprechbühnen zeigen, den Wechsel ins Operettenfach 1924, die erste Filmrolle im selben Jahr. „Da muß ein Holländer kommen, um den Wienern zu zeigen, was Operette ist“, so kommentierte 1934 die Lokalpresse sein Debüt an der Wiener Volksoper.

          Wie vielen anderen, zum Beispiel Zarah Leander oder Lizzi Waldmüller, wurde Wien auch ihm zum Sprungbrett nach Berlin: 1935 erster Auftritt an der Komischen Oper, 1938, in München, erstmals jene Rolle und jenes Lied, die sein Markenzeichen werden sollten: Graf Danilo Danilowitsch in Lehárs „Lustiger Witwe“ und sein „Heut geh' ich ins Maxim“. Da aber war er schon ein Filmstar und Kassenmagnet. In der Gegenwart angesiedelte Revuestreifen wie „Hallo Janine“ oder „Karneval der Liebe“ lösten die Kostümrollen ab und etablierten Heesters als den kultivierten Herrn im Frack, als modernen Typus.

          Tröstende und faszinierende Wirkung

          Der Sinn für korrekte Kleidung und sein Evergreen „Man müßte Klavier spielen können“ prädestinierten ihn zum Idol nicht nur des „Tausendjährigen Reichs“, sondern auch des Wirtschaftswunders danach: Denn „man müßte“ lautete die Standardformel all derer, die sich fügten. Daß dieser achselzuckend entsagende Seufzer von den Lippen eines genialen Könners kam, die maßlose Untertreibung eines Mannes darstellte, dem nichts verwehrt war, machte die tröstende und faszinierende Wirkung um so beständiger.

          Solche Wechselwirkungen zwischen Kunst und Leben, Star und Publikum aber zählen für die Ausstellung kaum zu den titelgebenden „Spuren eines Phänomens“. Sie betont dessen phänomenale Vielseitig- und Wandlungsfähigkeit, sein späteres Wirken als Pionier des Musicals in Deutschland, seine imponierenden gelegentlichen Wechsel ins Charakterfach, gekrönt 2002, als der Neunundneunzigjährige unendlich rührend den Diener Firs in Tschechows „Kirschgarten“ spielte. „Das Publikum kann man nicht betrügen“, verzeichnet eine der Texttafeln als Maxime des Künstlers. Wenn es darauf ankam, betrog auch der Mann nicht, flüchtete er in kein „man müßte“, sondern bekannte, gefehlt zu haben. Eine seltene Gabe. Heute abend, zur Eröffnung der Ausstellung, wird er, fast 103 Jahre alt, mit einigen Liedern auftreten.

          Weitere Themen

          Der digitale Gulag

          FAZ Plus Artikel: Überwachung in Russland : Der digitale Gulag

          Wer in Moskau demonstriert, wird oft erst später festgenommen. Mit der Gesichtserkennungs-App des Start-ups NtechLab kontrollieren die Behörden alle. Denn niemand darf sich sicher fühlen, selbst Wochen, Monate und sogar Jahre nach den Protestaktionen.

          Topmeldungen

          Abhängig von Energie: Rauchende Schornsteine der ThyssenKrupp Stahlwerke in Duisburg (Archivbild)

          Gesetz gegen Erderwärmung : Entzug für das Klima

          Deutschland giert nach fossilem Brennstoff wie ein Schnapsbruder nach Likör. Berlin plant jetzt den Radikalentzug. Aber wer zahlt die Rechnung?

          Nahostkonflikt : Politik mit Raketen

          Bislang kann sich die Hamas sicher sein, dass Israel keinen Regimewechsel herbeiführen möchte. Umgekehrt haben die Islamisten nun sogar indirekt dafür gesorgt, dass Netanjahu von der jüngsten Eskalation profitieren kann.
          Leider nicht im erforderlichen Maße skalierbar: Bei  Gaildorf in Baden-Württemberg wurde ein Windpark mit einem Pumpspeicherkraftwerk kombiniert.

          Energiewende : Das Problem mit der grünen Grundlast

          Die Verfassungsrichter haben den rascheren Umstieg auf erneuerbare Energiequellen angeordnet. Doch damit verschärft sich ein Problem, das mehr Windräder und Solarparks nicht lösen können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.