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Joel und Ethan Coen im Gespräch : Drei Akkorde für ein Halleluja

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Der Zukunft zugewandt, auch wenn sie, wie im neuen Film über einen scheiternden Folksänger, den schäbigen Mantel der Vergangenheit übergehängt hat: Joel und Ethan Coen Bild: AP

Nicht in jedem Schrammler steckt ein junger Bob Dylan: Was ist geblieben von der Folkmusik außer ein paar Cowboy-Akkorden? Die Coen-Brüder und ihr Film „Inside Llewyn Davis“ antworten.

          Ein grauer Morgen in London: Es ist fast so garstig draußen wie im winterlichen New York im neuen Film der Coen Brothers. Im Café an der Ecke gibt es Frühstück für einen Fünfer, und man würde sich nicht wundern, wenn hier gleich der mittellose Folksänger Llewyn Davis hereinschneite, um sich dann sehr lange an einem Kaffee festzuhalten. Die Coens aber sitzen nebenan in einem etwas edleren Hotel, es fehlt an nichts, und sie scheinen guter Dinge zu sein.

          Ihr neues Werk „Inside Llewyn Davis“ ist eine Fiktion, der Hintergrund – die Folkszene im New Yorker Greenwich Village kurz vor dem Aufstieg Bob Dylans – ist allerdings historisch, offenbar sogar sehr: 67 Seiten Pressematerial! Ist dieser Film eine wissenschaftliche Arbeit?

          Joel Coen: Nein, gar nicht! (lacht)

          Ethan Coen: Nein, man muss nichts über die Szene wissen. Unsere Annahme ist eher, dass Leute in den Film gehen, die nichts darüber wissen. Wir haben mit „A Serious Man“ ja zum Beispiel einen Film über die jüdische Gemeinschaft im Mittleren Westen in den sechziger Jahren gemacht, was auch sehr speziell war, aber wir setzten nicht voraus, dass die Zuschauer sich dort so auskennen wie wir, die wir dort aufgewachsen sind.

          Aber es ist ein Thema, das Sie beide schon länger beschäftigt hat.

          Joel Coen: Es stimmt, dass wir uns schon lange für das sogenannte Folk-Revival im Greenwich Village interessieren, und immer wieder liest man hier und da etwas. Für uns war besonders die Biographie des Sängers Dave Van Ronk bedeutend. Die Folkszene in New York war anders als jene in San Francisco oder in Cambridge oder Chicago – wenig später gab es dann ja auch eine in England. Das wären alles eigene Geschichten – aber wir kennen uns eben am besten in New York aus.

          Gibt es denn eigentlich schon andere Filme über diese Folkszene? Ich wüsste außer der Scorsese-Dokumentation „No Direction Home“ über Bob Dylans Ursprünge auf Anhieb keine.

          Ethan Coen: Das haben wir uns natürlich auch gefragt, allein schon wegen der visuellen Eindrücke aus dem Village als Grundlage für unseren Film. Aber Archivmaterial gibt es sehr wenig, da es in der Zeit vor Bob Dylan eine noch kaum wahrgenommene, kleine Szene war.

          Joel Coen: Auch bei Spielfilmen gibt es kaum etwas. Es gab da einen Film namens „Next Stop: Greenwich Village“ von Paul Mazursky, aber der war auch nicht wirklich über die Folkszene, sondern über einen Schauspieler, einen jüdischen Jungen aus Brooklyn, der ins Village kommt. Ziemlich nah dran, auch von der Epoche her, aber doch etwas ganz anderes.

          Die Grundidee von „Inside Llewyn Davis“ ist, einen Sänger zu zeigen, der es nicht geschafft hat: als Sinnbild für die sehr vielen Vergessenen, die hinter den heute noch Bekannten stehen.

          Joel Coen: Stimmt, da sind eben die drei oder vier Leute, die jeder kennt, und dann so viele unter der Oberfläche, Van Ronk ist einer davon. Kaum jemand kennt ihn, der sich nicht speziell für die Epoche und diese Folkszene interessiert.

          Und doch ist der Sänger Llewyn Davis eine erfundene Figur.

          Joel Coen: Ja, er hat kaum etwas mit Van Ronks Person zu tun, aber wir haben dessen Memoiren gelesen und viele Beschreibungen daraus in den Film übernommen. Und er singt größtenteils Songs, die Van Ronk damals gesungen hat. Der war eben so etwas wie der Avatar in dieser sehr kleinen Szene, er verkörperte sie geradezu – bis dann Bob Dylan auftauchte.

          Für die Hauptrolle haben Sie mit dem bislang weitgehend unbekannten Oscar Isaac einen Volltreffer gelandet. Aber braucht man dann doch jemanden wie den Popstar Justin Timberlake, um ein Massenpublikum für so ein Thema zu interessieren?

          Joel Coen: Sie meinen, ob ein Film einen Star braucht? Das ist, gerade angesichts der amerikanischen Filmgeschichte, ein sehr, sehr kompliziertes Thema, über das man stundenlang reden könnte. Bei Justin hatte es aber auch sehr konkrete Gründe: Zum einen haben wir ihn zuletzt in anderen Filmen gesehen, die wir sehr interessant fanden. Dann brauchten wir hier unbedingt jemanden, der sowohl Musiker wie Schauspieler ist – das findet man gar nicht so oft. Justin singt und spielt Sachen auch im Hintergrund des Films, die viele gar nicht mitbekommen. Und schließlich fanden wir es auch einfach lustig, ihn ausgerechnet als Folksänger zu besetzen – er klingt in diesem Idiom sehr schön.

          Ethan Coen: Dazu kommt auch noch Justins fast unheimliche Ähnlichkeit mit jemandem aus der Folkszene namens Paul Clayton, einen jener gelehrten Folksänger, die sich Neo-Ethnics nannten. Diese Ähnlichkeit haben wir mit seinem Bart noch unterstrichen.

          Aber es gibt auch einen guten Grund, ihn gerade für die Rolle des Jim Berkey zu nehmen: Er repräsentiert – im Gegensatz zur Hauptfigur – den eher erfolgsorientierten Typen, der aus der Sicht der idealistischen Sänger ein „Pop-Folkie“, ein „Sell-Out“ ist.

          Ethan Coen: Ja, Justin ist im Film eher der kommerzielle Sänger. Aber wir haben das nicht so gezielt parallelisiert.

          Der Weg des Llewyn Davis führt im Film immer weiter nach unten. Gerade, wenn man denkt, es kann nicht mehr schlimmer werden, kommt es doch schlimmer – zum Beispiel, ganz plakativ, als er ohne Geld im Winter in Chicago eintrifft, in eine Eispfütze tritt und dann schlotternd an einer Theke sitzt, bis er zum Zahlen aufgefordert wird. Ist der Film selbst wie ein Folksong, ein manchmal etwas dick aufgetragener Hobo-Song?

          Ethan Coen: Ein Song über den vergessenen Folksänger.

          Joel Coen: Der auch hyperbolisch ist, um seine Aussage zu machen. Ja, Llewyn Davis hat wirklich irgendwie alles gegen sich laufen, und es wird immer schlimmer. Auch mit seinem Darsteller Oscar hatten wir ein Gespräch darüber, dass der Film selbst wie ein Song ist.

          Vielleicht nicht ein Song jener Zeit, sondern eher einer von Tom Waits: Also „broken down by the side of the road“, und so fort.

          Joel Coen: Oder „In the Cold Cold Ground“. Ja, da ist was dran.

          Es gibt da diesen herrlichen Satz im Film, „If it’s never new and doesn’t get old, it’s a folk song“ – woher stammt der eigentlich?

          Joel Coen: Oh, das haben wir uns einfach ausgedacht.

          Ethan Coen: Wir brauchten auch einfach einen gut zu erinnernden Satz, damit man am Ende des Films begreift, dass man wieder die Szene vom Anfang sieht.

          Einige Sprüche aus Ihren Filmen werden ja geradezu kulthaft zitiert, etwa die von John Goodman aus „The Big Lebowski“. Nervt Sie das manchmal schon?

          Joel Coen: Wir sehen das eher als ein Kompliment.

          Viele werden sich darüber freuen, dass es nun wieder eine Szene mit John Goodman gibt – er spielt einen medikamentabhängigen Jazzer, der während der langen Fahrt nach Chicago dozierend auf dem Rücksitz des Autos liegt. Haben Sie diese Rolle extra für ihn entworfen?

          Joel Coen: Ja, irgendwann beim Schreiben hatten wir John plötzlich im Kopf und haben diese Szene dann stark auf ihn hingeschrieben.

          Andererseits vertrauen Sie, wie man hört, inzwischen auch stark Goodmans Einfällen für Ihre Rollen. Stimmt es, dass er sich für diese eine eigene Frisur ausgedacht hat?

          Ethan Coen: Ja! Wir nannten die Frisur dann „Mulligan“, nach dem Jazzer Gerry Mulligan, der seine Haare gern cäsarisch trug.

          Besonders fies ist, wie er als Jazzer den Folksänger Llewyn verächtlich macht als einen Musiker, der nur die Akkorde G, D und C spielen kann, also „Cowboychords“.

          Joel Coen: Wissen Sie, ich habe einen Freund, der Kontrabass spielt und Jazzer ist, und er erzählte mir davon, wie er mal einen Folksänger im Konzert gesehen hat. Und als Kommentar dazu sagte er mir nur den Satz: „In jazz we play all the notes.“ Er meinte es gar nicht abfällig, aber genau das fand ich so lustig daran.

          Ethan Coen: Nun, verschiedene Musikerfraktionen begegnen sich manchmal mit Verachtung. Kurioserweise ist das auch bei Dave Van Ronk so, wie er in seinem Buch schreibt: Er war zunächst Jazzer und kam dann zur Folkmusik, über die er sich oft lustig macht. Wir fanden aber auch einfach die Idee witzig, dass Llewyn auf diesem Road Trip nach Chicago mit der für ihn denkbar schrecklichsten Person zusammen im Wagen sitzen muss, einem Typen, der sein Ideal von Musik die ganze Zeit nur runtermacht.

          Aber gab es nicht auch irgendwelche freundschaftlichen Begegnungen zwischen Folk und Jazz zu jener Zeit?

          Joel Coen: Nicht wirklich.

          Ethan Coen: Gut, es gab vielleicht einige solcher „katholischen“ Figuren, Leute, die in allen Musikrichtungen zu Hause waren, aber ich glaube, die waren eher in der Minderheit. Man gehörte zu verschiedenen Camps.

          Also hatte man eher hier den Avantgarde-Jazzer und dort den Klischee-Folksänger, so wie im Film den singenden Soldaten Troy Nelson, der Songs in seiner Freizeit schreibt und wirklich nur drei Akkorde kennt?

          Ethan Coen: Genau: sehr ehrliche, schöne, leicht dümmliche Songs.

          Joel Coen: Dazu passt auch das Schild des „Gate of Horn“-Clubs in Chicago, auf dem steht: „Folk, Jazz, Charcoal Sandwiches“.

          Zum Schluss muss ich noch nach der Katze fragen, die im Film eine so zentrale Rolle spielt. Wie kam das?

          Joel Coen: Es klingt vielleicht etwas leichtfertig dahingesagt, wenn ich antworte: Wir hatten nicht wirklich einen Plot, also haben wir die Katze „reingeworfen“ – aber das wäre gar nicht so fern von der Wahrheit.

          Ethan Coen (lacht): Es war Joels Idee.

          Haben Sie auch an die Katze bei „Breakfast at Tiffany’s“ gedacht? Irgendwo habe ich schon gelesen, sie sei vielleicht eine Antwort auf das allzu glückliche Ende der Filmversion von Capotes Geschichte.

          Joel Coen: Oh, stimmt! Nein, daran hatten wir ehrlich nicht gedacht. Die Referenz war eher der Disney-Film „The Incredible Journey“. . .

          ...der damals in den Kinos lief, wie man an der Szene sieht, in der Llewyn vor einem Filmplakat steht.

          Ethan Coen: Ja, irgendwie passte die Katze auf der Reise auch zu Llewyns Reise, von der man nicht so recht weiß, wohin sie geht.

          Eine Szene, die sich mir abseits der Geschichte noch sehr eingeprägt hat, ist die Art des konzentrierten Zuhörens im Gaslight Café: Die Leute hängen den Sängern an den Lippen, es ist mucksmäuschenstill – wollten Sie das vielleicht auch besonders herausstellen im Vergleich zu heutigen, oft etwas gelangweilten oder mit anderen Dingen beschäftigten Zuhörern bei Konzerten?

          Ethan Coen: Ja, das könnte man sagen. Die im Film gezeigten Zuhörer sind Devotees, sie waren auf einer Folk-Mission oder gar einem Kreuzzug, es ging um mehr als Entertainment.

          Was dann allerdings auch wieder ironisiert wird durch den Clubbesitzer, der sagt, die meisten im Publikum kämen nur, um mit der Sängerin zu schlafen.

          Joel Coen: Um ehrlich zu sein: Wir waren ja damals nicht dabei, und ich weiß nicht, wie man sich dort verhielt, ob man während der Auftritte quatschte oder so konzentriert zuhörte – aber wir haben das einfach mal angenommen.

          Aber macht es Sie dann nicht nostalgisch, wenn Sie heute in Konzerte gehen?

          Ethan Coen: Alles macht mich nostalgisch.

          Die Coen-Brüder

          * Joel Coen, Jahrgang 1954, studierte Film, sein Bruder Ethan, Jahrgang 1957, Philosophie. Als kongeniales Filmemacher-Paar, das nicht selten Drehbuch, Regie und Produktion unter sich aufteilt, wurden sie spätestens mit „Barton Fink“ einem größeren Publikum bekannt, der 1991 in Cannes die Goldene Palme gewann. Die sonderbare Geschichte des Späthippies „The Big Lebowski“ (1997) mit Jeff Bridges in der Hauptrolle, die Bowling auch in Deutschland wieder modern machte, trug ihnen eine ähnlich kulthafte Verehrung ein, wie sie Quentin Tarantino durch seinen Film „Pulp Fiction“ erreichte.

          * Die Coen-Brüder stammen aus Minnesota, fühlen sich aber schon lange in New York zu Hause. Dort spielt auch ihr neuer Film „Inside Llewyn Davis“ – allerdings nicht heute, sondern im Jahr 1961. Als Verehrer Bob Dylans interessieren sich die Brüder schon lange für die Folkszene im Greenwich Village, aus der Dylan hervorgegangen ist. Ganz am Ende des Films sieht man den jungen Dylan auf die Bühne des Gaslight Café treten: der Beginn eines sagenhaften Aufstiegs. Der Film erzählt jedoch die Geschichte eines Folksängers, dem dieser Aufstieg nie gelingt. Wie wichtig die Musik als künstlerischer Bestandteil der Coen-Filme ist, zeigte sich bereits bei „The Big Lebowski“ und „O Brother, Where Art Thou?“ (2001) mit den gefeierten Soundtracks. Bei „Inside Llewyn Davis“, der in der kommenden Woche anläuft, wird nun die Musik zum Hauptthema, und die Auseinandersetzung zwischen idealistischem und kommerziellem Folk hat dabei viele ulkige Pointen.

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