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Joel und Ethan Coen im Gespräch : Drei Akkorde für ein Halleluja

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Der Zukunft zugewandt, auch wenn sie, wie im neuen Film über einen scheiternden Folksänger, den schäbigen Mantel der Vergangenheit übergehängt hat: Joel und Ethan Coen Bild: AP

Nicht in jedem Schrammler steckt ein junger Bob Dylan: Was ist geblieben von der Folkmusik außer ein paar Cowboy-Akkorden? Die Coen-Brüder und ihr Film „Inside Llewyn Davis“ antworten.

          6 Min.

          Ein grauer Morgen in London: Es ist fast so garstig draußen wie im winterlichen New York im neuen Film der Coen Brothers. Im Café an der Ecke gibt es Frühstück für einen Fünfer, und man würde sich nicht wundern, wenn hier gleich der mittellose Folksänger Llewyn Davis hereinschneite, um sich dann sehr lange an einem Kaffee festzuhalten. Die Coens aber sitzen nebenan in einem etwas edleren Hotel, es fehlt an nichts, und sie scheinen guter Dinge zu sein.

          Ihr neues Werk „Inside Llewyn Davis“ ist eine Fiktion, der Hintergrund – die Folkszene im New Yorker Greenwich Village kurz vor dem Aufstieg Bob Dylans – ist allerdings historisch, offenbar sogar sehr: 67 Seiten Pressematerial! Ist dieser Film eine wissenschaftliche Arbeit?

          Joel Coen: Nein, gar nicht! (lacht)

          Ethan Coen: Nein, man muss nichts über die Szene wissen. Unsere Annahme ist eher, dass Leute in den Film gehen, die nichts darüber wissen. Wir haben mit „A Serious Man“ ja zum Beispiel einen Film über die jüdische Gemeinschaft im Mittleren Westen in den sechziger Jahren gemacht, was auch sehr speziell war, aber wir setzten nicht voraus, dass die Zuschauer sich dort so auskennen wie wir, die wir dort aufgewachsen sind.

          Aber es ist ein Thema, das Sie beide schon länger beschäftigt hat.

          Joel Coen: Es stimmt, dass wir uns schon lange für das sogenannte Folk-Revival im Greenwich Village interessieren, und immer wieder liest man hier und da etwas. Für uns war besonders die Biographie des Sängers Dave Van Ronk bedeutend. Die Folkszene in New York war anders als jene in San Francisco oder in Cambridge oder Chicago – wenig später gab es dann ja auch eine in England. Das wären alles eigene Geschichten – aber wir kennen uns eben am besten in New York aus.

          Gibt es denn eigentlich schon andere Filme über diese Folkszene? Ich wüsste außer der Scorsese-Dokumentation „No Direction Home“ über Bob Dylans Ursprünge auf Anhieb keine.

          Ethan Coen: Das haben wir uns natürlich auch gefragt, allein schon wegen der visuellen Eindrücke aus dem Village als Grundlage für unseren Film. Aber Archivmaterial gibt es sehr wenig, da es in der Zeit vor Bob Dylan eine noch kaum wahrgenommene, kleine Szene war.

          Joel Coen: Auch bei Spielfilmen gibt es kaum etwas. Es gab da einen Film namens „Next Stop: Greenwich Village“ von Paul Mazursky, aber der war auch nicht wirklich über die Folkszene, sondern über einen Schauspieler, einen jüdischen Jungen aus Brooklyn, der ins Village kommt. Ziemlich nah dran, auch von der Epoche her, aber doch etwas ganz anderes.

          Die Grundidee von „Inside Llewyn Davis“ ist, einen Sänger zu zeigen, der es nicht geschafft hat: als Sinnbild für die sehr vielen Vergessenen, die hinter den heute noch Bekannten stehen.

          Joel Coen: Stimmt, da sind eben die drei oder vier Leute, die jeder kennt, und dann so viele unter der Oberfläche, Van Ronk ist einer davon. Kaum jemand kennt ihn, der sich nicht speziell für die Epoche und diese Folkszene interessiert.

          Und doch ist der Sänger Llewyn Davis eine erfundene Figur.

          Joel Coen: Ja, er hat kaum etwas mit Van Ronks Person zu tun, aber wir haben dessen Memoiren gelesen und viele Beschreibungen daraus in den Film übernommen. Und er singt größtenteils Songs, die Van Ronk damals gesungen hat. Der war eben so etwas wie der Avatar in dieser sehr kleinen Szene, er verkörperte sie geradezu – bis dann Bob Dylan auftauchte.

          Für die Hauptrolle haben Sie mit dem bislang weitgehend unbekannten Oscar Isaac einen Volltreffer gelandet. Aber braucht man dann doch jemanden wie den Popstar Justin Timberlake, um ein Massenpublikum für so ein Thema zu interessieren?

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