https://www.faz.net/-gqz-7jxrk

Joel und Ethan Coen im Gespräch : Drei Akkorde für ein Halleluja

  • Aktualisiert am

Joel Coen: Wissen Sie, ich habe einen Freund, der Kontrabass spielt und Jazzer ist, und er erzählte mir davon, wie er mal einen Folksänger im Konzert gesehen hat. Und als Kommentar dazu sagte er mir nur den Satz: „In jazz we play all the notes.“ Er meinte es gar nicht abfällig, aber genau das fand ich so lustig daran.

Ethan Coen: Nun, verschiedene Musikerfraktionen begegnen sich manchmal mit Verachtung. Kurioserweise ist das auch bei Dave Van Ronk so, wie er in seinem Buch schreibt: Er war zunächst Jazzer und kam dann zur Folkmusik, über die er sich oft lustig macht. Wir fanden aber auch einfach die Idee witzig, dass Llewyn auf diesem Road Trip nach Chicago mit der für ihn denkbar schrecklichsten Person zusammen im Wagen sitzen muss, einem Typen, der sein Ideal von Musik die ganze Zeit nur runtermacht.

Aber gab es nicht auch irgendwelche freundschaftlichen Begegnungen zwischen Folk und Jazz zu jener Zeit?

Joel Coen: Nicht wirklich.

Ethan Coen: Gut, es gab vielleicht einige solcher „katholischen“ Figuren, Leute, die in allen Musikrichtungen zu Hause waren, aber ich glaube, die waren eher in der Minderheit. Man gehörte zu verschiedenen Camps.

Also hatte man eher hier den Avantgarde-Jazzer und dort den Klischee-Folksänger, so wie im Film den singenden Soldaten Troy Nelson, der Songs in seiner Freizeit schreibt und wirklich nur drei Akkorde kennt?

Ethan Coen: Genau: sehr ehrliche, schöne, leicht dümmliche Songs.

Joel Coen: Dazu passt auch das Schild des „Gate of Horn“-Clubs in Chicago, auf dem steht: „Folk, Jazz, Charcoal Sandwiches“.

Zum Schluss muss ich noch nach der Katze fragen, die im Film eine so zentrale Rolle spielt. Wie kam das?

Joel Coen: Es klingt vielleicht etwas leichtfertig dahingesagt, wenn ich antworte: Wir hatten nicht wirklich einen Plot, also haben wir die Katze „reingeworfen“ – aber das wäre gar nicht so fern von der Wahrheit.

Ethan Coen (lacht): Es war Joels Idee.

Haben Sie auch an die Katze bei „Breakfast at Tiffany’s“ gedacht? Irgendwo habe ich schon gelesen, sie sei vielleicht eine Antwort auf das allzu glückliche Ende der Filmversion von Capotes Geschichte.

Joel Coen: Oh, stimmt! Nein, daran hatten wir ehrlich nicht gedacht. Die Referenz war eher der Disney-Film „The Incredible Journey“. . .

...der damals in den Kinos lief, wie man an der Szene sieht, in der Llewyn vor einem Filmplakat steht.

Ethan Coen: Ja, irgendwie passte die Katze auf der Reise auch zu Llewyns Reise, von der man nicht so recht weiß, wohin sie geht.

Eine Szene, die sich mir abseits der Geschichte noch sehr eingeprägt hat, ist die Art des konzentrierten Zuhörens im Gaslight Café: Die Leute hängen den Sängern an den Lippen, es ist mucksmäuschenstill – wollten Sie das vielleicht auch besonders herausstellen im Vergleich zu heutigen, oft etwas gelangweilten oder mit anderen Dingen beschäftigten Zuhörern bei Konzerten?

Ethan Coen: Ja, das könnte man sagen. Die im Film gezeigten Zuhörer sind Devotees, sie waren auf einer Folk-Mission oder gar einem Kreuzzug, es ging um mehr als Entertainment.

Was dann allerdings auch wieder ironisiert wird durch den Clubbesitzer, der sagt, die meisten im Publikum kämen nur, um mit der Sängerin zu schlafen.

Joel Coen: Um ehrlich zu sein: Wir waren ja damals nicht dabei, und ich weiß nicht, wie man sich dort verhielt, ob man während der Auftritte quatschte oder so konzentriert zuhörte – aber wir haben das einfach mal angenommen.

Aber macht es Sie dann nicht nostalgisch, wenn Sie heute in Konzerte gehen?

Ethan Coen: Alles macht mich nostalgisch.

Die Coen-Brüder

* Joel Coen, Jahrgang 1954, studierte Film, sein Bruder Ethan, Jahrgang 1957, Philosophie. Als kongeniales Filmemacher-Paar, das nicht selten Drehbuch, Regie und Produktion unter sich aufteilt, wurden sie spätestens mit „Barton Fink“ einem größeren Publikum bekannt, der 1991 in Cannes die Goldene Palme gewann. Die sonderbare Geschichte des Späthippies „The Big Lebowski“ (1997) mit Jeff Bridges in der Hauptrolle, die Bowling auch in Deutschland wieder modern machte, trug ihnen eine ähnlich kulthafte Verehrung ein, wie sie Quentin Tarantino durch seinen Film „Pulp Fiction“ erreichte.

* Die Coen-Brüder stammen aus Minnesota, fühlen sich aber schon lange in New York zu Hause. Dort spielt auch ihr neuer Film „Inside Llewyn Davis“ – allerdings nicht heute, sondern im Jahr 1961. Als Verehrer Bob Dylans interessieren sich die Brüder schon lange für die Folkszene im Greenwich Village, aus der Dylan hervorgegangen ist. Ganz am Ende des Films sieht man den jungen Dylan auf die Bühne des Gaslight Café treten: der Beginn eines sagenhaften Aufstiegs. Der Film erzählt jedoch die Geschichte eines Folksängers, dem dieser Aufstieg nie gelingt. Wie wichtig die Musik als künstlerischer Bestandteil der Coen-Filme ist, zeigte sich bereits bei „The Big Lebowski“ und „O Brother, Where Art Thou?“ (2001) mit den gefeierten Soundtracks. Bei „Inside Llewyn Davis“, der in der kommenden Woche anläuft, wird nun die Musik zum Hauptthema, und die Auseinandersetzung zwischen idealistischem und kommerziellem Folk hat dabei viele ulkige Pointen.

Weitere Themen

„Ich hatte viel Bekümmernis“ Video-Seite öffnen

Gaechinger Cantorey : „Ich hatte viel Bekümmernis“

Die Gaechinger Cantorey führt bei ihrer Bach-Pilgerreise in der Stadtkirche zu Weimar mit dem Schlusschor die Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 von Johann Sebastian Bach auf.

Topmeldungen

Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.