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Joe Cocker : Mit ein klein wenig Hilfe von seinen Freunden

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Singen ist ein harter Job: Joe Cocker Bild: dpa

Der Mann aus Sheffield ist ein Schmerzensmann für uns alle, dem seine schlimmen Abstürze erstaunlich wenig anhaben konnten: An diesem Himmelfahrtstag wird der Rocksänger Joe Cocker sechzig.

          Als Begründer des Soul hat Ray Charles unter den englischen Rocksängern zwei Nachlaßverwalter gefunden, die selber Epoche machten. Der eine ist Steve Winwood, der 1965 als Halbwüchsiger mit einem kehligen und bis dahin wirklich nur von Schwarzen gehörten Gesangsstil irritierte. Der andere ist Joe Cocker.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Er begann seine Karriere etwas später, aber mit ungleich größerer Durchschlagskraft als der feminine Stilist Winwood. Wer, im Jahre 1969, seine Interpretation des "Beatles"-Titels "With A Little Help From My Friends" zunächst auf Platte und ihn dann, im August jenes Jahres, damit auf dem Woodstock-Festival hörte, mochte sich fragen, ob das denn sein könne, daß hier jemand aus Sheffield singt, wie das normalerweise nur Männer aus Mississippi tun und können. "Cockers Neigung zur Rockmusik", schrieb damals die "New York Times", "ist ungewöhnlich persönlich. Er ist rauh und vulgär, vielleicht eine Spur zu selbstbezüglich. Aber seine Stärke und Beständigkeit rechtfertigen solche Exzesse. Er ist der beste männliche Rocksänger."

          Unerhört zündende Weise

          Dieses Adelsdiplom wurde in jener Zeit nicht wahllos ausgehändigt. Joe Cocker aber führte den Titel zumindest eine Zeitlang zu Recht. Wenn man sich heute fragt, was seine Einzigartigkeit ausmachte, dann war es wohl die Intensität, der man sich nicht entziehen konnte. Das Material, das er sich mit seinem rüden Organ anverwandelte, transzendierte gleichsam - nicht, indem er es in immaterielle Jubelhöhen trieb, sondern, indem er es mit männlicher Kraft in eine Dimension trieb, in der noch die fröhlichste Songbotschaft einen schmerzhaften Charakter annahm. Dies teilte sich auf eine unerhört zündende Weise mit und begründete seinen außergewöhnlichen Ruf bei fast allen Rockkritikern.

          Legendärer Auftritt: Der junge Joe Cocker 1969 in Woodstock

          Den Schrei, den er in dem "Beatles"-Song zum Ende hin ausstößt und der ihn im Handumdrehen zur Legende machte, hatte er von Ray Charles gelernt. Es war aber nicht das Schreien als solches, sondern das Gefühl dafür, daß man schreiend musizieren kann. Das erforderte Mut, und ohne den großen Anreger hätte Joe Cocker ihn vermutlich nie aufgebracht. Cocker erzählte später, wie verblüfft und berührt er war, als zum ersten Mal die Stimme des genius, wie Ray Charles damals genannt wurde, über den Äther ging und er sofort wußte, daß hier etwas passierte, das auch ein Klempner und Rohrleger, wie er es war, für sich nutzen könne. Die bluesgetränkte, erdige, tief aus dem Inneren kommende Stimme, mit der Cocker seine Lieder strangulierte, machte Fragen nach seiner Einstellung zu deren Inhalten überflüssig. Er war, was er sang.

          Unreflektierte Herangehensweise

          Und er sang fast alles, von allem das Beste: Balladen von Bob Dylan und George Harrison, weißen Soul, darunter Dave Masons Hymne "Feeling Alright", und all dieses wundervolle neoromantische Zeug von Harry Nilsson, Jim Price, Jackson Browne und Randy Newman. Fast allem, was er in die Kehle bekam, hauchte er eine sinnliche, fast animalische Schwermut ein. Das war bei ihm keine Frage der Vortragsintelligenz und vermutlich noch nicht einmal Sache der Einfühlung. Joe Cocker sang buchstäblich drauflos, seine Herangehensweise war unreflektiert. Newman war es auch, der ihn 1973 am Klavier zu einer seiner überzeugendsten Leistungen animierte: Die Verzweiflung, mit der Cocker Newmans Trinkerlied "Guilty" singt, geht direkt ans Herz, der Sarkasmus löst sich wie von selbst auf in dieser Stimme, die reine Klage wird.

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