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Joaquin Phoenix in „I'm Still Here“ : Die eigene Berühmtheit kann man aushalten

  • -Aktualisiert am

Ein echter Rapper oder ein falscher Hund: Joaquin Phoenix Bild: dpa

Joaquin Phoenix hat ein Weile den gelangweilt leidenden Star und Rapper gespielt, Casey Affleck hat ihn dabei gefilmt. Das öffentliche Experiment am Körper eines großen Schauspielers hinterlässt gemischte Gefühle.

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          Es gibt im Kino zwei Formen, sich zu verbergen, und beide sind nicht ohne Risiko. Entweder man zeigt überhaupt nichts, macht es wie Greta Garbo und bringt sich auf diese Weise irgendwann zum Verschwinden. Das funktioniert natürlich nur, wenn sich viele für einen interessieren und dieses Verschwinden überhaupt bemerken. Oder man zeigt umgekehrt alles und noch viel mehr, so viel, dass irgendwann keiner mehr hinguckt - und vor allem, dass der Zuschauer zwischen Schein und Sein nicht mehr unterscheiden kann.

          Solche Überlegungen sind es vermutlich, die Joaquin Phoenix geritten haben, um immerhin mehr als zwei Jahre lang am eigenen Leib und Starkörper - was dann eben doch keineswegs das Gleiche ist - eine Art öffentliches Experiment zu vollziehen. Denn Filme über die vermeintlich ziemlich deprimierende Wirklichkeit des Starlebens gibt es zuhauf, von Billy Wilders „Sunset Boulevard“ bis hin zu Sofia Coppolas letztem Film „Somewhere“.

          Verwahrloster Oscar-Nominierter

          Bei den Filmfestspielen von Venedig, wo „Somewhere“ vor einem Jahr den Goldenen Löwen gewann, lief auch Casey Afflecks Film „I am still here“, und niemand, der den Film seinerzeit sah, wird so schnell die fassungslosen Gesichter der Zuschauer und die allgemeine Ratlosigkeit nach der Vorführung vergessen. Denn damals konnte man nur hoffen, dass es sich um eine Fake-Dokumentation handelte. Es gab aber auch begründeten Anlass, in diesem intimen Porträt eines berühmten Hollywood-Stars, der seinen Beruf wechselt, ein Rap-Sänger werden will und dabei einen peinlichen Auftritt nach dem anderen hinter sich bringt, nichts anderes zu sehen als die reine Wahrheit. Schließlich hatte Joaquin Phoenix über zwei Jahre hinweg nichts anderes gespielt als diesen Joaquin Phoenix: Einen frustrierten Star, der seine Umgebung fortwährend beschimpft und überhaupt flegelhaft behandelt. Eine Celebrity, die öffentlichen Auftritten kaum noch gewachsen ist und nur noch als Bündel prätentiöser Unsicherheit öffentlich wahrnehmbar wird wie in jenem schnell berühmt gewordenen Auftritt in der Talkshow von David Letterman, der nun auch im Film zu sehen ist.

          Große Kunst: Joaquin Phoenix verwahrlost in „I am still here”
          Große Kunst: Joaquin Phoenix verwahrlost in „I am still here” : Bild: dapd

          Ein Oscar-Nominierter, der dauernd bekifft und besoffen ist, zunehmend verwahrlost, ungepflegt und schmutzig herumläuft, der auf Fragen nur vage und in Phrasen antwortet, ab und an in Weinkrämpfe und Selbstbeschimpfungen ausbricht und den Eindruck hinterlässt, dass er seine Umwelt nur noch schemenhaft wahrnimmt. Dass er auch professionelle Beobachter dazu gebracht hat, dies alles für bare Münze zu nehmen, ist vielleicht die größte Leistung dieses Films und seines, jetzt kann man ihn so nennen: Hauptdarstellers. Dass wir eine Weile nicht wussten, was an ihm echt ist und was nicht, verrät viel über unsere heutige Wahrnehmung des Starbetriebs und unsere durch PR-Berater, Agenten und Medien wesentlich gelenkte Gesellschaft. Und natürlich über die Vorurteile, die professionelle Beobachter wie das Publikum diesem Betrieb insgesamt entgegenbringen.

          Verschont wird niemand

          Auch jetzt, wo längst heraus ist, dass es sich um einen „Hoax“ handelte, eine geschickt eingefädelte, geplante und durchgehaltene Irreführung der Öffentlichkeit, bleibt „I am still here“ aber sehenswert. Denn zum einen ist Phoenix' Auftritt große Kunst, ohne Frage eine seiner besten Rollen, für die er eine weitere Oscar-Nominierung verdient hätte. Vor allem aber ist das alles nun als große Komödie wahrnehmbar, bei der es keinen Grund mehr gibt, sich das befreite Auflachen zu untersagen. Eine Komödie über die Klischees des Unterhaltungsbetriebs, die Bilder der großen Stars und wie sie sich angeblich verkaufen müssen. Es sind Bilder, die nichts vom Geniekult übrig lassen und nichts vom Wohlwollen, das man exzentrischem Benehmen entgegenbringt, solange es nur von einem Filmstar an den Tag gelegt wird. Und die auch solche Klischees wieder in Frage stellen, wie sie Sofia Coppolas „Somewhere“ bedient - dass alle Schauspieler im Herzen einsam, ihr Leben traurig und kalt sei.

          Das olympische Gelächter der Freunde und Schwager Casey Affleck und Joaquin Phoenix über die Welt, in der sie selbst leben, verschont niemanden. Man möchte ihnen wünschen, dass es nicht eines Tages auf sie zurückfällt. Einstweilen aber darf man sich mit ihnen amüsieren über den großen Spaß, den sie sich erlauben, wenn sie der PR-Gesellschaft eine lange Nase drehen.

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