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Jim Jarmusch zum Sechzigsten : Filme im Schritttempo

Für eine ganze Generation waren seine Filme der Inbegriff von cool. Das ist ein großes Erbe und mehr als eine Fußnote der Kinogeschichte. Zum Sechzigsten von Jim Jarmusch.

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          Unmittelbar und schnell kommt die Erinnerung daran nicht, warum Jim Jarmusch und seine Filme vor Jahrzehnten einmal so wichtig für einen waren. Das ist auch ganz richtig so. Schnell ist bei Jarmusch nie etwas gewesen, das war der Reiz seiner frühen schwarzweißen Filme aus den achtziger Jahren, von „Permanent Vacation“, „Stranger Than Paradise“ und „Down By Law“, mit denen er Kultstatus als herausragende Figur des amerikanischen Independent-Kinos errang (und unabhängig ist er als einer der wenigen bis heute geblieben - er besitzt die Negative und die Rechte an all seinen Filmen).

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der Erinnerung waren die Figuren in diesem Filmen zwar ständig unterwegs, kamen aber eigentlich nicht vom Fleck. Florida sah genauso aus wie Cleveland, nur ohne Schnee und mit Palmen, und Cleveland hatte schon verblüffende Ähnlichkeit mit New York gehabt, von wo aus in „Stranger Than Paradise“ die Reise losgeht. Beim Wiedersehen stellt sich dann heraus, dass der erste Teil des Films vollständig in New York spielt und niemand irgendwohin unterwegs ist. Jim Jarmusch ist ein Regisseur, an den die Erinnerung atmosphärisch bleibt, so, als hätte man all seine Filme in Regennächten gesehen, als eine Melancholie durch die Straßen trieb, die nichts Verzweifeltes an sich hatte.

          Auch mit diesen Bildern der Erinnerung, nach deren Authentizität man niemals fragen musste, hat es seine Richtigkeit. Alles schien beiläufig in diesen Filmen, die langen Parallelfahrten, für die Jarmusch oder sein Kameramann, bei „Strangers Than Paradise“ also Tom DiCillo, die Kamera auf ein Autodach packten und im Schritttempo neben den Darstellern herfuhren, die starren Frontalsichten auf die Figuren, die einfach nur dasaßen, die lässigen Schwenks, die ihnen folgten, wenn sie sich dann doch erhoben. Eine Story, ein klassisches Erzählen gibt es in seinen Filmen kaum.

          Ein großes Erbe

          Deshalb ist es nahezu zwangsläufig, dass Jarmusch gern mit Schauspielern zusammenarbeitet, die ihrerseits vor der Kamera fast gar nichts tun. In den frühen Filmen mit John Lurie, der auch die Musik beisteuerte und sonst eigentlich nichts außer seiner Gestalt mit Hut über dem Adlergesicht und leicht vorgebeugter Haltung; mit Johnny Depp, der sich schauspielerisch in „Dead Man“ (1995) nahezu zum Verschwinden bringt; und in „Broken Flowers“ (2005) dann mit Bill Murray, der die Kunst des ausdruckslosen Ausdrucks zu seinem Markenzeichen gemacht hat. Natürlich hatten wir Bill Murray da schon mehrmals in einer ähnlichen Rolle gesehen, in Sofia Coppolas „Lost in Translation“ etwa. Doch das ist kein schwerwiegender Einwand dagegen, ihm noch einmal mit Vergnügen dabei zuzuschauen, wie er mit seinem makellosen Timing eine Figur formt, die komisch ist und auch ein wenig tragisch, der eine Vergangenheit zuwächst, aus der sich für die Gegenwart nichts ergeben hat, die ein wenig verzweifelt ist und nicht ganz ahnungslos über die Gründe ihrer Verzweiflung, die Maßanzüge trägt oder Turnanzüge und die trockensten Dialogsätze spricht, die man sich bei einem Filmemacher, der in seinen Drehbüchern zwischen Maulfaulheit und deadpan schwankt, vorstellen kann. Dass das Konzept mit Darstellern, die mit steinernem Gesicht eher wenig auszusagen in der Lage sind, nicht so gut funktioniert, zeigte Jarmuschs bisher letzter Film, „The Limits of Control“ (2009).

          Für eine Generation waren die Filme von Jim Jarmusch der Inbegriff von cool. Das ist ein großes Erbe und mehr als eine Fußnote der Kinogeschichte. An diesem Dienstag wird der Regisseur sechzig.

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