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„Asche ist reines Weiß“ im Kino : Eine chinesische Erziehung des Herzens

Die Geschichte steht nicht still, und wenn wir die Tür öffnen, um auszusteigen, fährt sie ohne uns weiter: Zhao Tao als Gangsterbraut in „Asche ist reines Weiß“. Bild: Neue Visionen Filmverleih

Jia Zhangkes Film „Asche ist reines Weiß“ erzählt von einer Liebe im Unterweltmilieu vor dem Hintergrund des chinesischen Wirtschaftswunders. Und holt dabei eine fremde Welt ganz nah an uns heran.

          4 Min.

          Züge. Sie fahren durch die Filme von Jia Zhangke, Fernzüge, Vorortzüge, Hochgeschwindigkeitszüge, sie bringen die Glückssucher, die getrennten Liebenden, die vor ihrem Leben Fliehenden von Nord nach Süd, von den Bergen ans Meer. Sie weben die Textur der Geschichten, die Züge der chinesischen Staatsbahn, die auf achtzigtausend Schienenkilometern die Regionen des riesigen Landes miteinander verbinden, und sie machen das Tempo der Veränderungen augenfällig, von denen die Geschichten erzählen. Ein Zug rast durch die Nacht, der Film schließt seine Augen, und wenn er sie am nächsten Morgen wieder aufschlägt, ist ein Jahrzehnt vergangen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Jia Zhangkes neuem Film „Asche ist reines Weiß“ steigt die Heldin Qiao in einer Kleinstadt auf der Strecke von Wuhan nach Urumqi aus ihrem Zug. Der Mann, mit dem sie reist, ist eingeschlafen, und sie verlässt ihn ohne Zögern, denn er war nur eine Zwischenstation auf ihrem Lebensweg. Qiao läuft durch ausgestorbene Straßen, bis sie am Rand der nächtlichen Steppe vor einer Hausruine stehen bleibt. Als sie aufblickt, erscheint ein Leuchten am Himmel, ein gleißender Punkt über den Wolken. In der Wüste Nordchinas würden häufig Ufos gesichtet, hat ihr Begleiter erklärt, und Qiao hat ihm vorgemacht, sie habe schon eines gesehen. Jetzt sieht sie es wirklich. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Da dreht sie sich um und läuft den Weg zurück, den sie gekommen ist.

          Wurzeln in der Wirklichkeit

          Die Szene ereignet sich gegen Ende des Films. Qiao ist nicht mehr jung, sie hat fünf Jahre im Gefängnis gesessen, und ihre weiteren Aussichten sind alles andere als strahlend. Einige Zeit später hat sie es dennoch geschafft, und man fragt sich, warum der Film ihren Wiederaufstieg nicht schildert, sondern im Schnitt verschwinden lässt. Aber eben darin liegt, neben der wiederkehrenden Präsenz von Zügen, eine weitere Besonderheit des Kinos von Jia Zhangke: Es malt die Dinge nicht aus, von denen es handelt. Es hält sie nur fest. Es springt von einem Moment zum anderen, und in den Lücken dazwischen liegt die lange Dauer des Lebens. In dieser Dauer wird alles, auch das Allerschlimmste, zum Alltag. In den Momenten, die Jia zeigt, verdichtet es sich wieder zum Drama. Ein Licht zuckt über den Steppenhimmel, und in dem Gesichtsausdruck, mit dem Qiao die Erscheinung betrachtet, sieht man ihr ganzes Unglück – und wie es vergeht.

          „Asche ist reines Weiß“ beginnt weit im Norden, in der Bergwerksprovinz Shanxi, in der fast alle Filme von Jia Zhangke mindestens teilweise spielen. Qiao ist die Gefährtin eines lokalen Gangsterbosses in der Arbeiterstadt Datong, und obwohl die Verteilungskämpfe in der schrumpfenden Industrieregion härter werden, hat Bin (Liao Fan) sein Revier scheinbar im Griff. Eines Tages aber brechen ihm zwei Attentäter mit einer Stahlstange das Schienbein. Um wieder in Form zu kommen, humpelt er mit Qiao auf einen nahe gelegenen Hügel. Das Gespräch, das die beiden dort oben führen, dreht sich um Bins Pistole: Qiao will die illegale Waffe loswerden, Bin dagegen erklärt, für Leute wie ihn gehöre das Schießen zum Leben. „Ich gehöre nicht dazu“, antwortet Qiao. Da drückt er ihr die Waffe in die Hand: „Jetzt gehörst du dazu.“

          Wie wichtig dieser Augenblick ist, wird wenig später klar, als Bin bei einem weiteren Attentat fast zu Tode geprügelt wird. Qiao rettet ihn, indem sie seine Pistole abfeuert, und damit hat sie sich selbst das Urteil gesprochen. Die Kamera aber feiert sie in einer Großaufnahme, die aus einem Hongkong-Thriller stammen könnte, und Jia unterlegt das Bild mit einem Stück aus dem Soundtrack von John Woos Klassiker „The Killer“. Sein Kino hat nicht nur Wurzeln in der Wirklichkeit, sondern auch im Kino selbst, und es ist diese doppelte Herkunft, die seine Filme über die enge Perspektive der Genres wie des Dokumentarischen hinaushebt. Es ist, als hätte Quentin Tarantino beschlossen, die Welt von Michael Moore zu erkunden. Aber das gibt es nicht in Amerika. Nur in China.

          Eine Mischung aus fremden und vertrauten Einflüssen

          Im chinesischen Kino sind die Regisseure nach Generationen sortiert. Zhang Yimou und Chen Kaige zählen zur fünften, Jia Zhangke gehört zur sechsten, und obwohl die Einteilung nach Geburtsjahren bürokratisch wirkt, bekennt er sich dazu, indem er drei Regiekollegen in Nebenrollen in „Asche ist reines Weiß“ auftreten lässt. Und so ganz falsch ist das Generationenmodell ja auch nicht. Denn während für Zhang und Chen das Ende der Kulturrevolution der wichtigste Einschnitt in ihrem Lebens war, ist es für Jia und seine Alterskohorte die Einführung des Staatskapitalismus. Nicht zufällig beginnt die Geschichte von Qiao und Bin im Jahr 2001: Die neue Ordnung macht der Schwerindustrie und ihrem Unterwelt-Überbau den Garaus, Qiaos Vater wird arbeitslos, Bin verliert seine Macht. Als Qiao aus dem Gefängnis kommt, ist Bin weg. Sie sucht und findet ihn da, wo sich die neue Ökonomie ihr Denkmal errichtet: in den Drei Schluchten am Jangtsekiang, wo durch den Bau der gewaltigen Talsperre ganze Städte im Wasser versinken.

          Dort spielte schon Jia Zhangkes Film „Still Life“ von 2006, in dem Jias Ehefrau Zhao Tao, die Darstellerin der Qiao, ebenfalls die Hauptrolle hatte. Ihre Aura aus Kraft, Trauer und Trotz mag auch damit zu tun haben, dass die beiden sich blind verstehen. Aber Liao Fan, der den Bin spielt, ist kein Mitglied von Jias Filmfamilie, und Eric Gautier, der für Jias langjährigen Kameramann Yu Lik-wai einsprang, hat für Patrice Chéreau und Olivier Assayas die Kamera geführt. Die Mischung aus fremden und vertrauten Einflüssen hat in „Asche ist reines Weiß“ einen magischen Effekt: Sie öffnet die Welt von Jia Zhangke für unseren Blick. Mehr als je zuvor fühlt man sich eingelassen in seine filmische Erzählung. Und mehr denn je erkennt man seine Meisterschaft. Als Qiao etwa den untreuen Bin endlich wiedergefunden hat, lässt Jia die beiden einander nicht etwa an die Kehle gehen. Sie nehmen ein Zimmer in einem Hotel, vor den Fenstern rauscht der Regen, und reden. Bin, stellt sich heraus, ist auch aus Scham über seinen Sturz geflohen, seither führt er eine Nomadenexistenz. Und Qiao kann den Mann nicht mehr lieben, der sich nicht erinnert, mit welcher Hand sie geschossen hat. Es ist nicht der Verrat, der zwischen ihnen steht, es ist die Zeit, die historische und die persönliche, die Zeit des Landes und die Zeit des Gefühls.

          Am Ende rollen wieder die Züge. Bin kehrt im Rollstuhl nach Datong zurück, und als Qiao im schwarzen Ledermantel über den leeren Bahnhofsvorplatz läuft, sieht man, wie sich die Machtverhältnisse zwischen ihnen gedreht haben. Qiao regiert jetzt in Bins altem Revier, sie führt die Geschäfte des Clans und lässt ihn seine Hilflosigkeit spüren. Warum sie ihn aufgenommen habe, fragt Bin, und Qiao antwortet, das habe nichts mit Zuneigung zu tun: „In der Unterwelt nennen wir es Rechtschaffenheit.“ Dann steigen sie wieder auf den Hügel über der Stadt, und wie damals fällt der Blick auf einen erloschenen Vulkankegel. Vulkanasche, heißt es in Jia Zhangkes Film, sei die reinste, die es gibt. Nicht so rein, möchte man meinen, wie die Asche einer Liebe.

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