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„Asche ist reines Weiß“ im Kino : Eine chinesische Erziehung des Herzens

Die Geschichte steht nicht still, und wenn wir die Tür öffnen, um auszusteigen, fährt sie ohne uns weiter: Zhao Tao als Gangsterbraut in „Asche ist reines Weiß“. Bild: Neue Visionen Filmverleih

Jia Zhangkes Film „Asche ist reines Weiß“ erzählt von einer Liebe im Unterweltmilieu vor dem Hintergrund des chinesischen Wirtschaftswunders. Und holt dabei eine fremde Welt ganz nah an uns heran.

          Züge. Sie fahren durch die Filme von Jia Zhangke, Fernzüge, Vorortzüge, Hochgeschwindigkeitszüge, sie bringen die Glückssucher, die getrennten Liebenden, die vor ihrem Leben Fliehenden von Nord nach Süd, von den Bergen ans Meer. Sie weben die Textur der Geschichten, die Züge der chinesischen Staatsbahn, die auf achtzigtausend Schienenkilometern die Regionen des riesigen Landes miteinander verbinden, und sie machen das Tempo der Veränderungen augenfällig, von denen die Geschichten erzählen. Ein Zug rast durch die Nacht, der Film schließt seine Augen, und wenn er sie am nächsten Morgen wieder aufschlägt, ist ein Jahrzehnt vergangen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In Jia Zhangkes neuem Film „Asche ist reines Weiß“ steigt die Heldin Qiao in einer Kleinstadt auf der Strecke von Wuhan nach Urumqi aus ihrem Zug. Der Mann, mit dem sie reist, ist eingeschlafen, und sie verlässt ihn ohne Zögern, denn er war nur eine Zwischenstation auf ihrem Lebensweg. Qiao läuft durch ausgestorbene Straßen, bis sie am Rand der nächtlichen Steppe vor einer Hausruine stehen bleibt. Als sie aufblickt, erscheint ein Leuchten am Himmel, ein gleißender Punkt über den Wolken. In der Wüste Nordchinas würden häufig Ufos gesichtet, hat ihr Begleiter erklärt, und Qiao hat ihm vorgemacht, sie habe schon eines gesehen. Jetzt sieht sie es wirklich. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Da dreht sie sich um und läuft den Weg zurück, den sie gekommen ist.

          Wurzeln in der Wirklichkeit

          Die Szene ereignet sich gegen Ende des Films. Qiao ist nicht mehr jung, sie hat fünf Jahre im Gefängnis gesessen, und ihre weiteren Aussichten sind alles andere als strahlend. Einige Zeit später hat sie es dennoch geschafft, und man fragt sich, warum der Film ihren Wiederaufstieg nicht schildert, sondern im Schnitt verschwinden lässt. Aber eben darin liegt, neben der wiederkehrenden Präsenz von Zügen, eine weitere Besonderheit des Kinos von Jia Zhangke: Es malt die Dinge nicht aus, von denen es handelt. Es hält sie nur fest. Es springt von einem Moment zum anderen, und in den Lücken dazwischen liegt die lange Dauer des Lebens. In dieser Dauer wird alles, auch das Allerschlimmste, zum Alltag. In den Momenten, die Jia zeigt, verdichtet es sich wieder zum Drama. Ein Licht zuckt über den Steppenhimmel, und in dem Gesichtsausdruck, mit dem Qiao die Erscheinung betrachtet, sieht man ihr ganzes Unglück – und wie es vergeht.

          „Asche ist reines Weiß“ beginnt weit im Norden, in der Bergwerksprovinz Shanxi, in der fast alle Filme von Jia Zhangke mindestens teilweise spielen. Qiao ist die Gefährtin eines lokalen Gangsterbosses in der Arbeiterstadt Datong, und obwohl die Verteilungskämpfe in der schrumpfenden Industrieregion härter werden, hat Bin (Liao Fan) sein Revier scheinbar im Griff. Eines Tages aber brechen ihm zwei Attentäter mit einer Stahlstange das Schienbein. Um wieder in Form zu kommen, humpelt er mit Qiao auf einen nahe gelegenen Hügel. Das Gespräch, das die beiden dort oben führen, dreht sich um Bins Pistole: Qiao will die illegale Waffe loswerden, Bin dagegen erklärt, für Leute wie ihn gehöre das Schießen zum Leben. „Ich gehöre nicht dazu“, antwortet Qiao. Da drückt er ihr die Waffe in die Hand: „Jetzt gehörst du dazu.“

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