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„Asche ist reines Weiß“ im Kino : Eine chinesische Erziehung des Herzens

Wie wichtig dieser Augenblick ist, wird wenig später klar, als Bin bei einem weiteren Attentat fast zu Tode geprügelt wird. Qiao rettet ihn, indem sie seine Pistole abfeuert, und damit hat sie sich selbst das Urteil gesprochen. Die Kamera aber feiert sie in einer Großaufnahme, die aus einem Hongkong-Thriller stammen könnte, und Jia unterlegt das Bild mit einem Stück aus dem Soundtrack von John Woos Klassiker „The Killer“. Sein Kino hat nicht nur Wurzeln in der Wirklichkeit, sondern auch im Kino selbst, und es ist diese doppelte Herkunft, die seine Filme über die enge Perspektive der Genres wie des Dokumentarischen hinaushebt. Es ist, als hätte Quentin Tarantino beschlossen, die Welt von Michael Moore zu erkunden. Aber das gibt es nicht in Amerika. Nur in China.

Eine Mischung aus fremden und vertrauten Einflüssen

Im chinesischen Kino sind die Regisseure nach Generationen sortiert. Zhang Yimou und Chen Kaige zählen zur fünften, Jia Zhangke gehört zur sechsten, und obwohl die Einteilung nach Geburtsjahren bürokratisch wirkt, bekennt er sich dazu, indem er drei Regiekollegen in Nebenrollen in „Asche ist reines Weiß“ auftreten lässt. Und so ganz falsch ist das Generationenmodell ja auch nicht. Denn während für Zhang und Chen das Ende der Kulturrevolution der wichtigste Einschnitt in ihrem Lebens war, ist es für Jia und seine Alterskohorte die Einführung des Staatskapitalismus. Nicht zufällig beginnt die Geschichte von Qiao und Bin im Jahr 2001: Die neue Ordnung macht der Schwerindustrie und ihrem Unterwelt-Überbau den Garaus, Qiaos Vater wird arbeitslos, Bin verliert seine Macht. Als Qiao aus dem Gefängnis kommt, ist Bin weg. Sie sucht und findet ihn da, wo sich die neue Ökonomie ihr Denkmal errichtet: in den Drei Schluchten am Jangtsekiang, wo durch den Bau der gewaltigen Talsperre ganze Städte im Wasser versinken.

Dort spielte schon Jia Zhangkes Film „Still Life“ von 2006, in dem Jias Ehefrau Zhao Tao, die Darstellerin der Qiao, ebenfalls die Hauptrolle hatte. Ihre Aura aus Kraft, Trauer und Trotz mag auch damit zu tun haben, dass die beiden sich blind verstehen. Aber Liao Fan, der den Bin spielt, ist kein Mitglied von Jias Filmfamilie, und Eric Gautier, der für Jias langjährigen Kameramann Yu Lik-wai einsprang, hat für Patrice Chéreau und Olivier Assayas die Kamera geführt. Die Mischung aus fremden und vertrauten Einflüssen hat in „Asche ist reines Weiß“ einen magischen Effekt: Sie öffnet die Welt von Jia Zhangke für unseren Blick. Mehr als je zuvor fühlt man sich eingelassen in seine filmische Erzählung. Und mehr denn je erkennt man seine Meisterschaft. Als Qiao etwa den untreuen Bin endlich wiedergefunden hat, lässt Jia die beiden einander nicht etwa an die Kehle gehen. Sie nehmen ein Zimmer in einem Hotel, vor den Fenstern rauscht der Regen, und reden. Bin, stellt sich heraus, ist auch aus Scham über seinen Sturz geflohen, seither führt er eine Nomadenexistenz. Und Qiao kann den Mann nicht mehr lieben, der sich nicht erinnert, mit welcher Hand sie geschossen hat. Es ist nicht der Verrat, der zwischen ihnen steht, es ist die Zeit, die historische und die persönliche, die Zeit des Landes und die Zeit des Gefühls.

Am Ende rollen wieder die Züge. Bin kehrt im Rollstuhl nach Datong zurück, und als Qiao im schwarzen Ledermantel über den leeren Bahnhofsvorplatz läuft, sieht man, wie sich die Machtverhältnisse zwischen ihnen gedreht haben. Qiao regiert jetzt in Bins altem Revier, sie führt die Geschäfte des Clans und lässt ihn seine Hilflosigkeit spüren. Warum sie ihn aufgenommen habe, fragt Bin, und Qiao antwortet, das habe nichts mit Zuneigung zu tun: „In der Unterwelt nennen wir es Rechtschaffenheit.“ Dann steigen sie wieder auf den Hügel über der Stadt, und wie damals fällt der Blick auf einen erloschenen Vulkankegel. Vulkanasche, heißt es in Jia Zhangkes Film, sei die reinste, die es gibt. Nicht so rein, möchte man meinen, wie die Asche einer Liebe.

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