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Feminismus im Film : Wie neue Frauen auf alte Strukturen blicken

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Jennifer Reeder setzt in ihren Filmen der Teenagerzeit ein Denkmal, mit Blut ebenso wie mit Schminke. Bild: Newcity Chicago Film Project

Mit Kultur bewaffnete Mädchen: Die amerikanische Film- und Videokünstlerin Jennifer Reeder mischt mit Horror und Humor nicht nur Konventionen im Kino auf.

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          Was für ein Typ: Baseballjacke, Sportler, Mustangfahrer, vermeintlicher Mädchenschwarm, und dann heißt er auch noch Andy. Bloß als sich Andy von Laurel, die ihn soeben verlassen hat, seine Jacke abholt, sich umdreht und geht, ist zu lesen, was auf seinem Rücken steht: „I treat girls like shit“, in rosafarbenen Glitzerbuchstaben.

          Das ist einer von vielen Augenzwinkermomenten in Jennifer Reeders neuestem Film „Knives and Skin“. Lebensunbegabte Jungs und Männer sind bei ihr Gegner, Nebenrollen, an denen sich abgearbeitet wird. Protagonistinnen sind immer Frauen, die meisten jung, schwarz, queer, klug und witzig. Reeder bannt jene Zeit auf Film, in welcher der Begriff „Mädchen“ nicht mehr ganz und „Frau“ noch nicht wirklich zu passen scheint: das Alter, in dem das Tragen von Mascara einen erheblichen Teil der Persönlichkeit ausmacht, aber die Kuscheltiere noch nicht aus dem Zimmer verbannt sind.

          In vielen ihrer fünfundfünfzig Filme, einige davon umsonst auf Vimeo anzusehen, setzt Reeder Teenage-Mädchen und ihren Realitäten ein Denkmal. Seit ihrem ersten Film „White Trash Girl“, in dem Reeder selbst in der Hauptrolle eine Supermutantin spielte, drehe sie „immer wieder den gleichen Film“, erzählt die Filmemacherin. „Alle handeln von einer schwierigen, widerständigen Frau. Bis ich von diesem Charakter nicht mehr besessen bin, werde ich weiterhin den gleichen Film machen.“ White Trash Girl überlebt eine schiefgelaufene Abtreibung, zieht zu Rockmusik durch die Straßen und nutzt ihren Körper als Waffe – gegen das Patriarchat, Dummheit und Gewalt. Was sie Mitte der Neunziger unsauber gefilmt und mit groben Schnitten darstellte, ist in Reeders letzten Werken poppig, glatt, glossy: eine scheinbar geschliffene Ästhetik, die aber ihre Themen mit ähnlicher Vehemenz vor sich herträgt. Subtil ist dabei wenig, eher gibt es ein Überangebot an Figuren, Farben, Musik und Gesang, Überblendungen und Überschneidungen.

          Magisch-realistische Pubertät

          Die Welten ihrer Teenager-Charaktere sind so realistisch wie magisch: nervige Eltern und Referate auf der einen Seite, schwebende Sprechblasen und Neonlichtszenerien auf der anderen. „Ich habe mir selbst erlaubt, mit der Bildsprache zu experimentieren“, erzählt Jennifer Reeder. Ihre letzten beiden Kurzfilme „A Million Miles Away“ und „Blood Below the Skin“ hat sie zu Teilen in ihrem Langfilm verarbeitet, in Dialogsequenzen, Figuren, Musik- und Kostümideen. Wer Reeders Werk durchforstet, stößt sofort auf das Thema Feminismus, es blitzt einen wie eine bunte Leuchtreklame an, in vielen Facetten durchdekliniert. Reeder studierte Bildende Kunst am Art Institute of Chicago, wo sie sich dem Bewegtbild verschrieb. Ein Glück, dass sie keine Filmschule absolviert habe, so die Regisseurin, denn niemals habe sie während des Studiums etwas produzieren müssen, was „kommerziell rentabel“ zu sein hatte. „Daher konnte ich meine Aufmerksamkeit auf Farben, Lichter und Texturen lenken und darüber nachdenken, wie Objekte narrative Inhalte vermitteln können.““ So entstehen zwischen 1995 und heute zahlreiche experimentelle Kunstfilme und Video-Installationen – oftmals von sphärischer Musik begleitete Meditationen, die zwischen Text und Bild changieren – und auf Festivals und in Museen spielten wie Sundance, Rotterdam, der Berlinale, den Biennalen in Venedig und im Whitney Museum.

          Wie verhalten sich junge Frauen in dem Raum, den ihr die Gesellschaft zuweist? In „Knives and Skin“ gehören Schlagfertigkeit und knallige Farben zur Identität.

          „Knives and Skin“ wirkt, als sei John Waters mit seiner etwas jüngeren Gang in David Lynchs „Twin Peaks“ hereingeplatzt, um die Bude aufzumischen – Reeder stören diese Vergleiche nicht, doch „mir gefällt die Idee, dass ich, anstatt meine Filme mit denen männlicher Filmemacher zu vergleichen, meine eigene Vision habe“. Sie selbst nennt ihren neuesten Film: „Midwestern gothic teen noir“.

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