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Jeanne Moreau zum Achtzigsten : Kein Flirt, sondern gleich die Liebe

  • -Aktualisiert am

In das ganz große Buch der Filmgeschichte hat sie sich mit Filmen von Truffaut, Antonioni, Welles, Buñuel, Téchiné, Fassbinder, Wenders und Angelopoulos eingeschrieben. Dabei genügten ihr oft auch ganz kleine Auftritte, um sich ins Gedächtnis einzubrennen. Jeanne Moreau zum Achtzigsten.

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          Keiner versteht Französinnen besser als die Franzosen: So schrieb François Truffaut, Jeanne Moreau sei eine Frau, bei der man nicht an einen Flirt denke, sondern gleich an die Liebe. Da hat er recht, dabei sind es nicht unbedingt glückliche Liebesgeschichten, die man sich ausmalt. Aber das spricht nicht gegen Jeanne Moreau. Im Gegenteil. Denn für einen Flirt reicht die Vorstellungskraft bei den meisten Kinoschönheiten aus, aber die Liebe ist selbst in der Phantasie noch mal ganz etwas anderes. Das nennt man dann Präsenz, wenn die flüchtige Existenz des Filmwesens von der Leinwand überzuschwappen scheint ins Leben des Betrachters.

          Man könnte jetzt das ganz große Buch der Filmgeschichte aufschlagen, in das sich Jeanne Moreau eingeschrieben hat, weil es vielen der besten Filmemacher ging wie Truffaut: vor allem Anfang der sechziger Jahre, als Jeanne Moreau hintereinander mit Antonioni „Die Nacht“, mit Truffaut „Jules und Jim“, mit Welles „Der Prozess“ und mit Buñuel „Tagebuch einer Kammerzofe“ drehte - eine beachtliche Serie von Filmen, die Geschichte machten. Es folgten Losey, Demy, Kazan, Duras, Téchiné, Fassbinder, Wenders, Angelopoulos, um nur die Größten zu nennen. Dabei genügten ihr oft auch ganz kleine Auftritte, um sich ins Gedächtnis einzubrennen.

          Allein dafür muss man sie schon lieben

          Wenn etwa Maurice Ronet sich in Louis Malles „Irrlicht“ nach seiner Entziehungskur durch Paris treiben lässt und durchs Fenster einer Galerie Jeanne Moreau entdeckt, die alte Freundin aus fröhlicheren Tagen. Sie hat eine Brille auf, stutzt einen Moment, tritt dann freudig überrascht von innen an die Scheibe und formt mit ihren Lippen den Satz: „Tu as l'air d'un cadavre . . .“ - Du siehst ja aus wie eine Leiche. Dann legt sie den Finger an die Scheibe, als wollte sie den alten Freund streicheln und Trost zusprechen. Gemeinsam schlendern sie dann durch Saint-Germain-de-Près, wo sie auf dem Markt Einkäufe erledigt, und man merkt an der Art, wie sie in dieser auf der Straße gedrehten Szene von den Händlern behandelt wird, dass sie auch im wirklichen Leben eine Frau ohne Allüren sein muss. Dann nimmt sie Ronet mit in ihr Gartenhaus, wo einige Künstler und Intellektuelle herumlungern, die sich über den trockenen Alkoholiker das Maul zerreißen, bis sie vom Divan aus alle scharf zurechtweist, weil sie als Einzige erkannt hat, wie traurig ihr alter Freund ist und dass ihm auf seiner Reise in den Selbstmord nicht mehr zu helfen ist. In dem ohnehin schon wunderbaren Film ist das eine Szene von so großer Wahrhaftigkeit, dass man gar nicht anders kann, als Jeanne Moreau allein dafür zu lieben.

          Im Mai 2005 in Cannes Bilderstrecke

          Selbst durch weniger gelungene Filme spaziert sie wie eine Königin, wenn sie der Killerin in Luc Bessons „Nikita“ beim gemeinsamen Blick in den Spiegel erklärt, wie sie die Waffen einer Frau einsetzen muss, und ihr ein erstes Lächeln entlockt. Oder wenn sie bei François Ozon in „Die Zeit, die bleibt“ dem schlaflosen Neffen auf die Frage, ob er sich unter ihre Decke legen dürfe, warnt, sie sei aber nackt. Welcher anderen Schauspielerin über siebzig hätte das Kino je zugetraut, dass sie nackt schläft? Das ist auch wieder nur so ein winziger Moment, aber er ist eben von einer Körperlichkeit, die bei Jeanne Moreau nie von Attributen wie Jugend oder Ebenmaß abhängig war.

          Sie trägt das Morgengrauen im Herzen

          Natürlich ist sie schön, aber vor allem, weil wir gelernt haben, sie so zu lieben, wie sie ist. Ihre Schönheit wirkt stets umringt von nächtlicher Unruhe, und ihre etwas missvergnügten Mundwinkel verstärken noch das Gefühl, als sei ihrem Mund das Unglück, das ihr letztlich widerfahren wird, schon eingeschrieben. Wie sie, von Unruhe und Angst getrieben, in „Fahrstuhl zum Schafott“ zur Musik von Miles Davis die Pariser Boulevards auf und ab läuft, ist nur eine Geschichte aus ihren fast hundert Filmen, aber sie erzählt wie so viele nicht vom Glück, sondern von der Sehnsucht, nicht von der Erfüllung, sondern von der Tristesse, die darauf zwangsläufig folgt. So wie die von Antonionis „La notte“, in dem man in ihren Gesicht eine Nacht lang dem Erlöschen der Liebe zusehen kann, an der Seite von Marcello Mastroianni, der im anbrechenden Tageslicht seine eigenen Liebesbriefe nicht mehr erkennt. „Die Frau, die immer erst im Morgengrauen nach Hause kommt“, hat die Filmkritikerin Brigitte Desalm mal ein Porträt der Moreau überschrieben - man ist geneigt, noch weiter zu gehen: Jeanne Moreau ist die Frau, die das Morgengrauen im Herzen trägt.

          Auch mit achtzig lässt sich vielleicht ihr Geheimnis zusammenfassen in jenem Satz von Goethe, der nicht nur das Motto von „Jules und Jim“ war, sondern eben auch als Losung für Jeanne Moreaus Karriere durchgehen kann: „All das Neigen von Herzen zu Herzen, ach wie so eigen, bereitet das Schmerzen“.

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